Von Feiertagen, Mangos und Plastikstühlen

Ein herzliches Vanakkam aus Kuppayanallur!

Ich habe mir jetzt endlich Zeit genommen, um den ersten „richtigen“ Blogeintrag hochzuladen. Die lange Wartezeit tut mir leid, ich wollte mir erst mal ein bisschen Raum zum Ankommen geben und habe dann bemerkt, dass die ersten Wochen schon unglaublich schnell vergangen sind 🙂

Als ich hier am 27.07.18 angekommen bin, war gerade Schule und somit niemand im Hostel. Deshalb habe ich erst in Ruhe ausgepackt und dann noch ein bisschen gedöst. Pünktlich um 16:10 Uhr (Schule ist aus) höre ich ein leises Rascheln vor meiner Tür und sie geht knarrzend einen Spalt breit auf. Aufgeregtes Gekicher, drei kleine Köpfe die vorsichtig hereinspähen. Sofort stehe ich auf und bitte die drei mutigen Vorreiterinnen herein, ich habe kaum nach ihren Namen gefragt als mich plötzlich eine ganzer Schwarm von schwarzhaarigen Köpfen in rot-weißer Schuluniform umringt. Durch ihr Strahlen und ihre unerschöpfliche Energie machen mir es die Mädels sehr einfach, sie ins Herz zu schließen! Letztes Wochenende waren drei Tage Ferien, das heißt alle SchülerInnen sind nach Hause gegangen. Es war ein sehr ruhiges Wochenende, doch das Hostel ist ohne Mädchen ziemlich verlassen und einsam. Gut, dass sie wieder da sind! Langsam werde ich auch immer treffsicherer mit den Namen, 2/3 kann ich schon sehr gut…

Don‘t just follow your dreams… Catch up to them!“

Dieser Satz ist mir an einer Hauswand auf dem Schulcampus begegnet. Mich hat er sehr angesprochen, weil mir seit meiner Ankunft an der Loyola Higher Secondary School stark bewusst geworden ist, wie schwer es sein kann, Träume in die Tat umzusetzen.

Als ich in meinen 8. Klassen im Unterricht gefragt habe, was die Berufsziele der SchülerInnen sind, waren die häufigsten Antworten: Doktor, Beamter, Polizist und Cricket-Spieler:)
Letzteres mag durch Talent vielleicht möglich sein, um jedoch studieren zu können, braucht man viel Geld. Davon haben viele Familien auf dem Dorf nur wenig, die „school fees“ stellen meist eine große Herausforderung dar. Die Gründe dafür sind zahlreich und ich werde mich vielleicht zu einer anderen Zeit in diesem Blog damit auseinandersetzten, aber das Ergebnis ist das selbe: viele Träume und Berufswünsche werden zerplatzen, weil das Geld nicht reicht, um ein Studium zu finanzieren. Vor allem Mädchen wird häufig die Chance verwehrt ein College zu besuchen, meistens „weil sie ja danach sowieso nur als Hausfrau kochen und die Kinder betreuen, warum sollte man da für deren teure Bildung aufkommen?“… Da wird lieber der Bruder zum Studieren geschickt, um später gutes Geld für die Familie zu verdienen.

In einem tamilischen Kurzfilm, den ich mit den Hostelmädchen anschauen durfte, wird rührend eine solche Geschichte dargelegt und sie ist leider durchaus realistisch. Wer möchte kann sich den Film gerne ansehen, mit englischen Untertiteln ist er sehr gut verständlich!

Die Hoffnung aufgeben ist, finde ich, (trotz der schwierigen Lage) keine Lösung. Wenn man an seinen Zielen festhält und auch ein bisschen Glück hat, wer weiß, vielleicht werden doch Ärzte und Wissenschaftler und Beamte aus meinen sehr liebenswerten SchülerInnen. Ich würde es ihnen sehr wünschen und fiebere mit! Catch up to them, you can do it!

Von Feiertagen, Mangos und Plastikstühlen

Jeden Tag ist vor dem Frühstück ein Gottesdienst, bei dem ich kein Wort verstehe
(Außer thandhei, mahan, tujavi enperale, amen = Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen).

Jeden Tag gebe ich eine Stunde „Spoken English“ Unterricht in einer der 8. bzw. 9. Klassen.

Jeden Tag freue ich mich über interessante Gespräche mit den Jesuiten beim Essen.

Jeden Tag lerne ich die Loyola Higher Secondary School und ihre vielen Gesichter besser kennen.

Trotzdem gleicht für mich momentan kein Tag dem anderen! Seit ich hier bin gab es jede Woche mindestens ein Fest oder einen Feiertag:) Zuerst war das Fest des Heiligen Ignatius von Loyola, dann Sportfest, dann ist der ehemalige Chief Minister von Tamil Nadu gestorben und es gab einen Trauertag, dann waren 3 Tage frei (ich glaube wegen einem Hindu-Fest), am 15. August ist der indische Unabhängigkeitstag etc. etc.
Die ganze Schule ist in die Vorbereitungen für solche Festlichkeiten miteinbezogen. Sie geben den SchülerInnen die Möglichkeit, sich kreativ oder sportlich zu engagieren und beleben den Schulalltag. Doch selbst an Feiertagen gibt es hier im Hostel Studytimes, in denen Hausaufgaben gemacht werden oder für Prüfungen gelernt wird, und Dutytimes, in denen aufgeräumt, geputzt und für die Pflanzen gesorgt wird. Dass es nie einen wirklich freien Tag gibt (auch sonntags muss gelernt und für Ordnung gesorgt werden), daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Da die letzte Studytime erst um 22 Uhr endet und die Mädels um 5 Uhr morgens aufstehen müssen, gibt es nur wenig Schlaf. Ich bewundere die SchülerInnen dafür, wie sie trotzdem den ganzen Schultag bis 16 Uhr durchhalten. Wenn ich in meiner Schulzeit jeden Tag nur ca. 6 Stunden geschlafen hätte und nicht einmal am Wochenende hätte ausschlafen können, wäre ich im Unterricht keine sehr aufmerksame Schülerin gewesen…

Beim Essen gemeinsam mit den Jesuiten begegnet mir jeden Tag eine neue Überraschung! Vor allem die Früchte haben es mir sehr angetan. Ich bin angereist mit dem Gedanken: „Wie schaffe ich es, mich in Indien ein Jahr lang von Mangos fernzuhalten?“. Inzwischen bin ich die erste am Tisch, die sich über den Teller mit geschnittenen Mangostücken hermacht! Es gibt so viele verschiedene Variationen von Mangos (und von Bananen, Maracujas, Beeren, Reis etc.), das Geschmackserlebnis ist immer ein Neues. Morgens, mittags und abends gibt es nach dem warmen Gericht immer auch Obst, was ich sehr genieße. Nach meinem Sinneswandel mit den Mangos wurde ich mutiger im Ausprobieren: meinen Tee trinke ich inzwischen typisch indisch mit Milch (ganz ohne Wasser!) und wer noch nie Salz auf einen aufgeschnittenen Apfel gestreut hat, sollte das unbedingt mal ausprobieren! Der Geschmack verändert sich völlig, aber ich finde es gut:D
Jeder Bestandteil einer Mahlzeit leistet, so scheint es, einen Beitrag zur Gesundheit des Konsumenten. Während Gooseberrys den Körper abkühlen sollen, sind Mungobohnensprossen „good for your nutrition“ und beim Verzehr von Mangos sollte auch immer ein kleines Stück der Schale mitgegessen werden für eine bessere Verdauung. Auf eine ausgewogene Ernährung und eine gute Gesundheit wird großen Wert gelegt, wobei man an dieser Stelle anmerken muss, dass das Essen im Fatherhouse um einiges vielseitiger und ausgefallener ist, als die Mahlzeiten der Hostelkinder und der Dorfbevölkerung. Während es für die Jesuiten, die Sister, eventuelle Gäste und mich fast jeden Tag Reis mit Gemüse sowie Idly, Dosai, Japati, Omlett, Fisch, Fleisch oder Toastbrot gibt, essen die SchülerInnen häufig nur Reis mit Samba (vegetarische Soße) und manchmal etwas Gemüse. Umso besonderer ist es, wenn für alle Hostellers Japati zubereitet wird. Es geht dann in der Küche zu wie beim großen Plätzchenbacken, alle helfen mit, dann geht es schneller! Es gibt auch eine Vielzahl von indischen Süßigkeiten und Snacks, die sich die HostelschülerInnen stets von zuhause mitnehmen und in den Pausen genüsslich verspeisen! Auch von den zahlreichen Obstbäumen auf dem Campus wird viel genascht, wobei das unbedingt vor der Sister geheim gehalten werden muss!

Die Aufteilung in Respektsperson und den Personen, die Respekt zeigen müssen, ist sehr stark sichtbar. Durch meine Herkunft und meine Funktion als „teacher“ werde ich auf eine Stufe gestellt mit den LehrerInnen und Jesuiten. Da ich selbst vor drei Monaten noch Schülerin gewesen bin, ist diese Rolle für mich sehr ungewohnt! Es bricht mir fast das Herz, wenn ich sehe, wie hart die Mädchen während der Dutytime arbeiten müssen (Unkraut jäten, Müll entsorgen, den Vorplatz kehren, putzen) und sie mir gleichzeitig mit einem „no, no Miss“ bedeuten, mich hinzusetzen statt ihnen zu helfen. In der Messe soll ich stets neben die Sister auf einem Plastikstuhl sitzen, während alle Schüler und Schülerinnen und die Lehrer aus dem Hostel auf dem Boden sitzen. Diese höher gestellte Position ist mir oft sehr unangenehm, denn auch wenn andere Festlichkeiten sind wird der Plastikstuhl immer zuerst mir angeboten, selbst wenn bereits ältere LehrerInnen danebenstehen, die eindeutig weniger fit sind als ich:D
Ich muss meinen Platz in diesem „hierarchischen“ System erst noch finden, vermutlich werde ich dabei noch in viele Fettnäpfchen treten 🙂