Rotznasen und Binomische Formeln

Und hier der aktuelle Wetterbericht aus Tamil Nadu…

Die Regenzeit hat begonnen aber der Regen hat aufgehört!
Mitte Oktober hat sich der Regen mit einem letzten kräftigen Unwetter fürs erste verabschiedet. Es war genau der Tag, an dem alle in die 4-tägigen Ferien aufbrechen wollten. Pünktlich um 15 Uhr, als alle Schüler zurück ins Hostel stürmten, um ihre Taschen zu packen und ihren Eltern in die Arme zu fallen, begann ein Wolkenbruch. Für 2 Stunden hat es so sehr geschüttet, dass keiner einen Schritt aus dem Haus gewagt hat. Der Donner war so laut, dass wir dachten, ein Haus würde nebenan einstürzen! Nur Abina, die Unerschrockene, hat ein Papierboot gebaut und es zum Vergnügen aller draußen in dem vor der Hosteltreppe entstandenen Bach auf die Reise geschickt.

Das einzige, was uns jetzt, 2 trockene Wochen später, von der Monsunzeit bleibt: Moskitos 🙁
Brother Kulandai, der Schulleiter, hat offiziell den Beginn der Moskitophase angekündigt, als er eines Morgens Zeitung-schlagend und fluchend in den Speisesaal gestürmt kam. Und tatsächlich, seit diesem Tag nimmt die Anzahl meiner Stiche stetig zu! Es werden alle möglichen Abwehrmaßnahmen ergriffen:

– Es gibt 2 neue Moskito-Schläger in der Community, die die Köchinnen täglich im ganzen Father-Haus benutzen (sie sehen aus wie kleine Tennisschläger und sobald sie eine Moskito berühren gibt es ein lautes Knacken und Knistern; ich erschrecke immer noch oft, wenn Pungili, die eifrigste Moskito-Killerin, wie aus dem Nichts auftaucht und dieses Geräusch durch die Gänge hallt)

– Sobald man einen Raum betritt, wird als erstes der Deckenventilator eingeschaltet (auch nachts laufen die „fans“ auf Hochtouren)

– Die Türen werden hastig wieder zugeschlagen, wenn man in einen Raum rein oder hinaus geht, damit nicht noch mehr Moskitos ihren Weg nach Innen finden

– Mir wurde eine angenehm riechende Creme empfohlen, die sowohl die bereits vorhandenen Stiche kühlt, als auch vor neuen Angriffen der Moskitos schützt: Odomos (Allerdings wirkt mein Anti-Brumm aus Deutschland viel besser als Abwehr, meiner Erfahrung nach)

Eine weitere Folge des kühleren Klimas: es sind sehr sehr viele Leute krank. Zwei der Jesuiten, die Sister aus dem Hostel und drei der Köchinnen sind erkältet und einige von ihnen haben auch Fieber. Bei den Hostelkindern schaut es nicht besser aus: 15 von 35 Mädels sind mit Fieber nach Hause geschickt worden und täglich muss Brother Thomas aus dem Boys Hostel mit neuen Schülern ins Hospital nach Uthiramerur. Mich hat es noch nicht erwischt, und das obwohl ich keinen Koriander-Ingwertee oder Grass-Juice trinke, wie mir alle ständig raten. Hier ist es üblich, vorbeugend sehr gesunde, natürliche Mixturen zu sich zu nehmen, um gar nicht erst krank zu werden. Mir reicht allerdings schon die Vorstellung von Koriander-Ingwertee, um ein flaues Gefühl im Magen zu bekommen… Die Fathers trinken morgens immer eine halbe Tasse Grass-Juice, ich habe es an meinem ersten Tag hier probiert und beschlossen, dass es auch das letzte Mal sein würde, weil es für mein Empfinden einfach zu gesund geschmeckt hat. Die Regierung hat gestern für alle Schulen Neem-Tree Saft gesponsort, um die Schüler vor Erkältung und Gliederschmerzen zu schützen. Ich konnte diesmal leider nicht schnell genug entkommen und hatte plötzlich auch einen Becher mit dem bitteren Zeug in der Hand. Nase zu und durch!

Der Drei-Fronten-Krieg

Letztes Wochenende haben die 8. Klassen sehr viele Hausaufgaben in Mathe bekommen. Ihr neues Thema: Binomische Formeln. Verzweifelt kam am Freitag Nishanti zu mir und hat auf eine Buchseite voller Umformungsaufgaben gezeigt, die wir sogleich angepackt haben. Nach 3(!) Studytimes waren wir fertig. Als am nächsten Tag Tamilvani mit genau den gleichen Aufgaben zu mir kam habe ich innerlich ein bisschen geseufzt, aber habe eben nochmal genau das gleiche erklärt wie vorher ihrer Klassenkameradin. Am dritten Tag rannten die restlichen drei Mädels aus der 8. Klasse, Rajasri, Asina und Rebeka, alle auf einmal zu mir, um genau die gleiche Buchseite mit mir durchzuarbeiten. Da sie alle unterschiedlich schnell im Rechnen und im Merken der Formeln sind, musste ich jedem einzeln erneut die gleichen Umformungen erklären wie die 2 Tage davor auch schon. Nur dass diesmal von drei Seiten gerufen wurde:

„Naan first, Miss, pleeease“
„One formular, Miss, only one more formula“
„I, Miss, I, Rebeka was so long now“
„No Miss, me first, tomorrow my Maths Sir will correct!“
„Rajasri only sleeping, come here Miss“
„Miiiiss Miiiss, this one is right Miss? You see!“

Ich habe versucht, allen dreien gerecht zu werden, aber es herrschte wirklich Krieg in dieser Studytime! Der Krieg um meine Aufmerksamkeit und der Krieg gegen die binomischen Formeln. Wir haben aber alle gemeinsam die Schlacht gewonnen, weil am Montag Morgen in der Morning Study auch noch die letzten Formeln ihre Anwendung gefunden hatten und wir zufrieden die Mathebücher schließen konnten. Zumindest bis zum nächsten Mal…

Science exhibition

Am Science exhibition Day an der Loyola Higher Secondary School waren alle SchülerInnen sehr aufgeregt. Jede Klasse hat verschiedene Versuche, Plakate oder eigene Erfindungen präsentiert, die alle in der großen „Indigo Hall“ aufgebaut waren. Es gab so viele pfiffige Projekte, wie Straßenlaternen mit Bewegungsmelder (zum Stromsparen), ein kompliziert aussehendes System von Wasserrohren in einem Haus (um Regenwasser geschickt weiterzuleiten) oder einen ferngesteuerten Roboter mit Flaschendeckeln als Räder.

 

Mein Lieblings-Projekt war eine kleine Maschine aus einer CD mit Löchern und einer Plastikflasche, die Seifenblasen erzeugt hat:)

Begeistert habe ich mir alles angeschaut und mir eifrige Erklärungen meiner Englischschüler zu ihren Erfindungen angehört.

Pooja, Affen und Fisch

In den vorher schon erwähnten Ferien Mitte Oktober war ich wieder in Chennai am Loyola College bei Father Dominic. Er hat mich gleich am ersten Ferientag mitgenommen auf einen Ausflug in den Westen Tamil Nadus. Unsere Reisebegleitung: Father Venish aus Chennai und der Driver des Loyola College, Baskar. Wir sind zuerst zu einem Arzt in Krishnagiri gefahren, der Naturheilkundler ist und dem Dominic sein vollstes Vertrauen schenkt. Während die Männer im Wartezimmer gewartet haben, war ich eher interessiert an dem Laden für Tore und Zäune nebenan. Es war Pooja-Fest an diesem Tag, das bedeutet, dass alle Gegenstände verehrt werden, die uns im Alltag und im Arbeitsleben helfen. Deshalb wurden alle Maschinen und Fahrzeuge des kleinen Ladens mit Blumen, Farben und Obst geschmückt und um eine Gottesstatue herum platziert. Ich wurde eingeladen, ganz vorne bei der Zeremonie mit zuzuschauen, eine große Ehre, die mir vermutlich wegen meiner weißen Haut zuteil wurde. Eine Schale mit Feuer wurde vor den Gegenständen mehrmals im Kreis geschwenkt, danach haben alle Gäste dreimal mit den Händen (ganz leicht) die Flammen berührt und die Hände danach zur Stirn geführt – eine Geste der Verehrung. Danach wurde das gleiche mit einem Kürbis wiederholt, den man ebenfalls zum brennen gebracht hat. Um das Haus für das nächste Jahr zu segnen, wurde er vor dem Eingang zu Boden geschmissen und ist in 4 gleichgroße Teile zersprungen. Ich habe voller Staunen diesen ganzen Ereignissen zugeschaut und war froh, dass ich nicht wie die anderen die ganze Zeit im Wartezimmer gesessen habe! Zum Abschied wollten alle auf dem kleinen Pooja-Fest mit mir Bilder machen und ich habe eine riesige Tüte mit knusprigen Snacks in die Hand gedrückt bekommen. Die haben wir auf der weiteren Fahrt im Auto gemeinsam verspeist:)

Wir sind als nächstes zum Hogenakkal Wasserfall an der Grenze zu Karnataka gefahren, der in einem riesigen Naturschutzgebiet liegt, aber sehr touristisch ist. Kurz vor unserer Ankunft fuhren wir ein Stück durch wunderschöne Waldlandschaften, Schilder am Straßenrand warnten vor Elefanten und Affen, die die Straße überqueren könnten. ELEFANTEN?! Ich war ganz aufgeregt und habe wie gebannt in die Bäume rings um gestarrt, ich wollte unbedingt einen Elefanten entdecken! Aber wie zu erwarten meiden Elefanten die Umgebung der Straße, zu viele Menschen treiben dort ihr Unwesen. Also keine Elefanten, dafür aber umso mehr Affen. Freche Affen! Sie sind auf Autos geklettert, haben Essen von Tellern stibitzt und sind einem wirklich nah gekommen. Wir haben im oberen Becken des Wasserfalls ein Bad genommen, der Wasserfall selbst war leider gesperrt und wir konnten ihn nicht anschauen:( Aber Baden war auch lustig, ich hatte extra Klamotten mitgenommen, die ich beim Schwimmen anziehen kann. Badeanzüge kann man in Indien höchstens an sehr touristischen Stränden in den großen Städten anziehen, ansonsten sollte man, wie die indische Bevölkerung, auf Schwimmen mit Kleidung umsteigen, aus Respekt der einheimischen Kultur gegenüber. Die Fathers sind zum Männer-Badeplatz gegangen, Baskar, der Driver, ist als mein Aufpasser mit zur Frauen-Seite gekommen. Komischerweise waren auch viele Männer auf der Frauen-Seite im Wasser… Erst hatte ich ein bisschen Bedenken, was ich da alleine im Wasser eigentlich soll, aber sie waren unbegründet! Schon 2 Sekunden nachdem ich das Wasser berührt hatte, umgab mich eine Schar von Frauen, die mich hineingeführt und angelächelt hat. Sofort begannen Frauen und Männer, die nahe genug an mir dran waren, Fragen zu stellen. What is your name? Where are you from? Where are you staying in India? Who came with you? Do you have brothers and sisters? Do you like India? Do you like our food? How old are you? Etc. etc.

Meine neuen Badefreunde waren auch begeisterte Selfie-Macher, nach 20 Minuten hatte ich dann auch genug, obwohl die Leute wirklich nett und das Wasser sehr schön kühl war. Ich wollte meine Klamotten zum trocknen aufhängen, bis die Fathers von ihrem Bad zurückkamen, aber eine Gärtnerin meinte hastig, ich sollte meine Sachen ganz schnell wieder einpacken! Der Grund waren die diebischen kleinen Affen…

Nach diesem aufregenden Tag kamen wir abends sehr erschöpft wieder in Chennai an und ich habe es die nächsten Tage eher ruhig angehen lassen:)

An dieser Stelle muss ich eine kleine Korrektur für meinen letzten Blogeintrag vornehmen. Ich habe eine Kirche mit Kirchenbänken gefunden: die auf dem Loyola College! Aber bisher ist das auch die einzige, in der ich welche gesehen habe…

Ich habe in Chennai zwei Freundinnen gefunden, Studentinnen am Loyola College, mit denen ich mich in meinen Ferien immer treffe. Nooria, eine Studentin aus Afgahnistan, und ich sind zusammen essen gegangen und haben die Läden rund um das Loyola College erkundet.

Leider musste sie und auch meine andere Freundin für ihre Klausuren lernen, weshalb sie nur wenig Zeit hatten. So bin ich mit Fr. Dominic zu einer mit ihm befreundeten Famile gefahren, die er vor 3 Jahren auf einer Zugfahrt kennengelernt hat. Seither haben sie Kontakt gehalten und es sind wirklich nette Leute! Sie haben ein riesiges Essen für uns zubereitet, allerdings eine Herausforderung für mich als Fisch-und-Meeresfrüchte-Skeptikerin… Es gab frittierte Fischscheiben (die noch alle winzige Gräten hatten), Fischcurry(im Curry werden traditionellerweise nur Kopf und Schwanz des Fisches verarbeitet) mit Reis, Biriyani mit Garnelen und als Beilage Zwiebeln mit Garnelen. Ich muss zugeben, dass die kleinen Garnelen ein bisschen wie Hühnchen geschmeckt haben und gar nicht so schlecht waren, aber Fischkopf brauche ich wirklich nicht nochmal… Es gab danach aber noch leckeren Nachtisch und nach dem Nachtisch noch Schokoeis und nach dem Schokoeis noch Tee und Cashew-Snacks. Auch Onkel und Tante der Familie waren für unseren Besuch angereist und wir führten viele gute Gespräche.

Teilen ohne zu zögern

Wie schnell die Zeit vergeht…

3 Monate sind schon vergangen, seit ich mich auf den Weg nach Indien gemacht habe, es ist kaum zu glauben! Die Zeit vergeht für mich wie im Flug, da im April die Sommerferien für die SchülerInnen anfangen, bleiben im Prinzip nur noch 6 Monate Schule übrig!
Ich habe im September endlich meinen Willkommens-Baum gepflanzt! Father Samy, der Pflanzen-Beauftragte von Kuppayanallur, meinte schon vor Wochen, ich sollte (ganz nach tamilischer Tradition) einen Baum pflanzen, um den Start in einen neuen Lebensabschnitt zu markieren. Wenn ich gehe, soll ich einen zweiten pflanzen… Und so kam er eines Tages mit einem bereits sprießenden Coconut-Tree-Samen, den ich dann unter dem Beifall der Mädels einpflanzen konnte.

Es wurden noch drei weitere Bäume daneben gepflanzt und ich wurde zur Bewässerungs-Beauftragten ernannt. An jedem regenlosen Tag schnappe ich mir drei Mädels und wir schleppen Wasserpötte zu den jungen Bäumen, damit sie auch gut wachsen.

Meine ersten Ferien in Indien

Ende September waren einige Tage lang Ferien. Für einen Nachmittag habe ich eine der 11. Klässlerinnen aus dem Hostel zu Hause besucht. Sie wohnt in einem Vorort von Chengalpat, wo ich am Abend einen Zug erwischen musste. Nach dem Mittagessen in Kuppayanallur bin ich zu ihr gekommen und wurde mit einem zweiten Mittagessen überrascht. Eigentlich war ich schon völlig satt, aber hausgemachtes Biriyani sollte man wirklich nicht ablehnen! Zwei volle Teller später konnte ich einen dritten erfolgreich abwehren, ohne unhöflich zu sein, auch wenn es wirklich lecker war! Womit ich nicht gerechnet hatte: Es gab noch Nachtisch… Auch der war speziell für mich zubereitet worden, so was ähnliches wie Teigtaschen mit Nussfüllung. Anschließend haben wir uns umgezogen für einen Besuch in 2 Hindutempeln in der Nähe. Ich habe einen sehr edlen, sehr pinken Saree von ihrer Mutter getragen und war etwas langsam beim Laufen, sehr darauf bedacht nicht auf den Stoff zu treten 🙂

In den Tempeln sind wir jeweils 3 mal im Kreis gelaufen, bevor wir in der Mitte vor der Gottesstatue so etwas wie ein Mini-Räucherstäbchen angezündet haben.

Im ersten Tempel gab es einen „Wächter“, der nur einen Dothi (ein weißes Tuch, das viele tamilische Männer traditionell umbinden und statt einer Hose tragen) trug und der mich über meine Herkunft und meine bisherigen Erfahrungen in Indien ausgefragt hat. Zurück im Haus gab es zum Abendessen nochmal Biriyani, dann bin ich zu meinem Zug gebracht worden.
Es war ein Nachtzug nach Sivagangai, einer sehr südlichen Stadt in Tamil Nadu, wohin ich mit meinem Mentor Father Dominic und seinem Kollegen Father Justin aufgebrochen bin. Die beiden haben sehr gut auf mich aufgepasst und so hatte ich eine sehr gemütliche Nacht in einem der obersten Betten des Zuges (es sind immer 3 übereinander) 😀 Wir sind dorthin gefahren für die Priesterjubiläumsfeier einiger Jesuiten. Die Familie von einem der Jesuiten hat das Fest ausgerichtet und organisiert.

Ich war schon vorher öfter auf Feiern wie dieser in Indien und wage zu behaupten, dass sie (zumindest wenn Jesuiten beteiligt sind) immer ähnlich ablaufen. Zuerst ist Gottesdienst, dann werden Geschenke überreicht. Hierfür stellt sich eine sehr lange Reihe von Menschen hintereinander auf, jeder mit Früchten, Deko-Gegenständen, Kleidung, Taschen, Blumen oder anderen Geschenken in den Händen. Nacheinander überreichen sie diese und werden im Gegenzug von dem Beschenkten gesegnet. Danach kommen alle anderen Gäste der Feier und segnen den Gefeierten, indem sie ihm einen Schal umlegen (ich habe noch nicht herausgefunden, was Männer nach der Feier mit so vielen Schals anstellen…). Von jedem, der einen Schal überreicht und gratuliert, wird ein Bild mit dem Gefeierten gemacht, danach startet das Programm (Singen, Tanzen) und am Schluss steht die Dankesrede. Danach können alle zum Essen kommen, es gibt bei Feiern IMMER Biriyani, viele Soßen, Gemüse und Fleischstückchen dazu, eine kleine Flasche Wasser und als Nachtisch Eiscreme. Gegessen wird mit einem Bananenbaumblatt als Teller, das danach schnell und sauber entsorgt werden kann. Leider kommt bei wirklich jedem Fest die Eiscreme viel zu früh, sodass sie immer schon geschmolzen ist, wenn man fertig gegessen hat!

In Sivagangai habe ich auch die Kathedrale besucht, die direkt neben dem Bischofshaus steht.

Alle Kirchen, die ich bisher in Tamil Nadu gesehen habe, unterscheiden sich sehr von Kirchen in Europa. Die Mauern sind bunt angemalt, es gibt viele Heiligen-, Jesus- und Marienstatuen und sehr bunte Dekorationen mit Blumen und glänzenden Stoffen. Die schönen Verzierungen zeigen die große Hingabe an Gott und sollen den Ort als etwas Verehrungswürdiges kennzeichnen. Das ewige Licht war in der Kathedrale eine elektrische Lampe statt einer Kerze und in keiner Kirche gibt es Kirchenbänke. Die Gemeinde sitzt am Boden, nur die älteren und die „wichtigen“ Personen sitzen auf Plastikstühlen.

Nach der Feier sind wir mit dem Auto zurück nach Chennai gefahren, wo ich die restlichen Tage der Ferien am Loyola College verbracht habe. Neben ein bisschen Shopping, um mich mit einem Regenschirm und außerdem mit Haarspangen, Sicherheitsnadeln und Potu (den Punkten auf der Stirn) auszustatten, war ich mit zwei Freundinnen aus Chennai im Kino. Der Film „U-Turn“ entpuppte sich als tamilischer Thriller/Horrorfilm, war aber wirklich spannend und obwohl ich fast kein Tamil kann, habe ich die Story sehr gut verstanden! Da es kein Liebesfilm war, gab es kein Tanzen und Singen, wie man es sonst von Bollywoodfilmen kennt. Es hat eher an einen Krimi erinnert (nur etwas gruseliger), wie wir ihn auch in Deutschland gerne sehen.

Inzwischen sind wir wieder alle zurück im Hostel. Die Ferien waren sehr lustig und entspannend, aber es ist doch auch wunderschön, alle inzwischen so vertrauten Gesichter wiederzusehen und zu wissen: hier gehöre ich hin!

„Remember, that the happiest people are not those getting more, but those giving more“  -H. Jackson Brown

Dieser Satz trifft auf die Menschen in Indien auf jeden Fall zu! Jeden Tag bin ich aufs Neue erstaunt, wie selbstverständlich und friedfertig Radiergummis, Stifte, Kleber, Scheren etc. im Hostel von einem zum anderen Mädchen weitergegeben werden, sobald jemand danach fragt. Ohne mit den Augen zu rollen oder genervt anzumerken, dass die Fragende sparsam damit umgehen soll, werden auch fast leere Kleberflaschen oder das letzte leere Blatt in einem Heft an andere verteilt! Nicht viele Mädchen im Hostel besitzen Buntstifte, aber diejenigen, die welche haben, verstecken sie trotzdem nicht vor den anderen, um selbst mehr davon zu haben. Und nicht nur mit den eigenen Freunden wird geteilt, sondern mit jedem, der es braucht.

Das gleiche gilt für alle Arten von Essen und Trinken! Jeden 2. Sonntag dürfen die Eltern ihre Kinder am Nachmittag besuchen und bringen ihnen stets eine Vielzahl von Blumen (fürs Haar), Snacks und anderen Kleinigkeiten mit. Neulich sitze ich mit zwei 6. Klässlerinnen in der Studyhall und eine der beiden erzählt mir traurig, dass ihre Eltern meistens nicht genug Geld haben, um ihr Snacks mitzubringen. Eine Sekunde später steht die andere 6. Klässlerin auf und stürmt zum Platz ihrer großen Schwester, um ein Päckchen mit Nüssen für ihre traurige Freundin zu holen. Auf dem Weg wurde sie leider von der Sister erwischt und musste sich als Bestrafung fürs Herumlaufen (während der Studytime) in der Mitte aufrecht auf den Boden knien und da warten, bis die Sister sie zurück auf ihren Platz schickt. Diese Ungerechtigkeit hat mir fast das Herz gebrochen, immerhin wollte sie nur etwas Gutes tun und wird dann dafür bestraft. Da Snacks aber ein noch schlimmeres Vergehen als Herumlaufen sind, konnte ich der Sister wohl kaum die Situation erklären, ohne die Bestrafung noch zu steigern 🙁

Kleine Päckchen mit Chips-ähnlichen, knusprigen Leckereien und Nüsschen sind hier sehr beliebt. Wenn mir jemand mit so einem Päckchen entgegenkommt, wird mir immer etwas angeboten/aufgedrängt. Egal wie oft ich beteuere, dass ich gerade keinen Hunger habe oder gerade erst Snacks im Fatherhouse gegessen habe, bevor ich nicht eine Hand voll genommen habe wird keine Ruhe gegeben. Glückliche Gesichter schauen mir dann beim Essen zu und fragen hoffnungsvoll: „Tasty?“. Auch wenn wir in größerer Runde beisammen sind, jeder bekommt etwas ab! Und jeder, der etwas gegeben hat, freut sich, wenn die anderen es mit genießen konnten.
Diese Lebenseinstellung finde ich sehr schön und sehr berührend. Ich will damit nicht sagen, dass wir in Deutschland nicht gerne teilen! Wir haben in der Schule auch manchmal Kuchen, Mini-Tomaten, Brot etc. untereinander geteilt. Nur die Selbstverständlichkeit des Teilens habe ich noch nie so sehr gespürt wie hier! Sogar eine mir völlig unbekannte Frau im Zug hat mir neulich ein total leckeres, süßes Sesam-Bällchen geschenkt, weil ich zufällig daneben stand, als sie sich welche davon gekauft hat… Es gibt noch so viel mehr Beispiele, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann!Doch schon allein die Frage „Saptingalaa?“ (Hast du schon gegessen?), die man an jeden richtet, den man so im Vorbeigehen trifft, zeigt, wie sehr die tamilische Seele um das leibliche Wohl ihrer Mitmenschen besorgt ist. Beantwortet man die Frage mit Nein, erntet man einen besorgten Blick und sollte schnell beteuern, dass man gerade auf dem Weg zur nächsten Mahlzeit ist.

Neben dem Teilen fällt mir auch auf, dass die Hostelmädchen trotz vieler kleiner Streitigkeiten doch auch untereinander sehr verbunden sind. Sie sitzen alle im gleichen Boot und haben es bei den hohen Erwartungen an sie nicht immer leicht hier.
Vor einer Woche bekamen die 6. Klässlerinnen als Hausaufgabe auf, bis zum nächsten Tag die Zahlen von 1 bis 5000 aufzuschreiben. Tapfer haben sie in der Studytime angefangen, ohne die Sinnhaftigkeit dieser Hausaufgabe zu hinterfragen (ich an ihrer Stelle hätte mich furchtbar über den Lehrer aufgeregt!). Nach einiger Zeit habe ich bemerkt, dass auch die 9. Klässlerinnen pausenlos Zahlen auf ein Blatt Papier schreiben. Als ich sie gefragt habe, ob sie die gleiche Aufgabe bekommen haben, stellte sich heraus, dass jede von ihnen einem der jüngeren Mädchen beim Zahlen aufschreiben geholfen hat! Statt für ihren Poem test am nächsten Tag zu lernen, haben sie die gesamten 2 Stunden der Evening Study für ihre kleinen Hostel-Schwestern die Zahlen von 3000 bis 5000 aufgeschrieben! Ohne diese Hilfe hätten es die 6. Klässlerinnen nie bis zum nächsten Tag geschafft, aber so präsentierten sie mir um 9.45 pm stolz ihre Blätter voller Zahlen. Auch aus den anderen Klassenstufen gibt es viele sehr hilfsbereite Mädels, die selbstlos Hausaufgaben oder Strafarbeiten ihrer Hostel-Kameradinnen mittragen, wenn die es alleine nicht schaffen.

Baustelle Hostel

Kurz vor den Ferien wurde ein Leck in den Wasserleitungen, die „Gracy Illam“ versorgen, festgestellt. Erst hat man sich mit einer provisorischen, überirdischen Leitung beholfen, die über die Fenster mitten durch ein Gebäude verlaufen ist. Schließlich mussten dann aber doch der Boden aufgerissen und die Rohre ersetzt werden, das war ein sehr großer Aufwand.

Leider hatten wir dadurch kein Wasser mehr im Hostel und auch nicht im Fatherhouse. Doch die Arbeiten wurden innerhalb von 2 Tagen abgeschlossen, sodass unsere vorher abgefüllten Wasservorräte noch gereicht haben. Nach den Ferien wurde das gleiche Leck in den Leitungen zum Boys Hostel gefunden… die gleiche Aktion nochmal, nur auf der gegenüberliegenden Seite des Campus.
Außer den neuen Rohren hat auch die Wasserstelle einen neuen Anstrich über die Ferien bekommen und es wurden die Wäscheleinen nachgespannt. Alles sieht jetzt ein bisschen ordentlicher aus, mal schauen, wie lange das so bleibt… 🙂

Durch den stets heftiger werdenden Regen wird es immer matschiger draußen und leider kommen auch jeden Tag mehr Mosquitos dazu. Wenn es sehr stark windet und regnet, ist meistens schulfrei, da die Kinder aus den etwas weiter entfernten Dörfern sonst auf ihrem Schulweg gefährdet wären.

An solchen Tagen fällt uns im Hostel oft die Decke auf den Kopf, weil wir den ganzen Tag eingesperrt sind. Um Erkältungen vorzubeugen darf niemand rausgehen, wenn es regnet. Aber dafür werden an Regentagen die Brettspiele ausgepackt, ein seltenes Privileg, das mit großer Begeisterung aufgenommen wird. Ich habe die indische Variante von „Mensch ärgere dich nicht“ gelernt, das Spiel heißt „Daibas“ und wird nicht mit einem Würfel sondern mit 4 Hälften einer Tamarind-Nuss gespielt, die entweder „weiß“ oder „schwarz“ zeigen können. Es macht großen Spaß und man kann sogar im Team spielen! Als Spielfiguren kann alles mögliche dienen, wir haben uns für „Sicherheitsnadeln“ gegen „Haarclips“ entschieden.