Wie ein Lied Weihnachten retten kann

A Mosquito story…

Seit Ende November beginnt jede Studytime mit demselben Streit: sollen wir den Ventilator benutzen oder nicht. Die eine Hälfte will sich vor den Mosquitos schützen und schaltet den „fan“ an, die andere Hälfte beginnt daraufhin zu nörgeln, weil es ziemlich kalt werden kann am Abend und die Mädchen dauernd frieren. Meistens gewinnt die Mosquito Gruppe den Kampf, weil es wirklich unerträglich werden kann mit den Viechern. Eines Tages hat die Schule beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen, und die Fathers haben Männer angeheuert, die auf dem ganzen Campus Mosquitogift verteilen sollten. Mir hat davon keiner etwas gesagt, und so war ich unwissend in meinem Zimmer an diesem Nachmittag und habe gerade meine Wäsche fertig aufgehängt. Plötzlich klopft es an meiner Tür und die Sister ruft, dass ich die Tür aufmachen soll, weil ein paar Männer mit Mosquitogift kommen. Gesagt getan, ich öffne die Tür und werfe hastig einen Schal über mein sehr unordentliches Bett. Ich habe erwartet, dass die Männer vielleicht irgendeine Flüssigkeit an den Fensterrahmen und an den Stellen, die mit Wasser in Berührung kommen (Mosquitos brüten im Wasser), verteilen. Falsch gedacht. Ich höre plötzlich ein Brummen und Zischen hinter mir und drehe mich wieder zur Tür um, nur um festzustellen, dass da jemand irgendeinen Dampf in mein Zimmer hinein sprüht mit einem sehr lauten Gerät. Ich bin so überrascht, dass ich einfach nur verdutzt und geschockt dastehe. Als ich aus meiner Schockstarre erwache, ist bereits so viel Dampf in meinem Zimmer, dass ich die Tür kaum noch sehen kann. Weil ich weiß, dass in der Tür ein Mann mit dem Gerät steht, renne ich instinktiv zum Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Ich muss von dem Gas husten und kann den Arbeitern nichts zurufen. Nach einer gefühlten Ewigkeit hört das Geräusch auf und ich bleibe mit einem Schal vor Mund und Nase gepresst schockiert am Fenster zurück, ich sehe meine Hand kaum vor Augen, so neblig ist es. In meinem Kopf sind drei Gedanken: Warum hat mir die Sister nicht gesagt, dass ich raus gehen soll? Wie komme ich jetzt hier raus? Und ein sehr banaler, in der Situation etwas unpassender Gedanke: Na toll, jetzt darf ich meine aufgehängte Wäsche nochmal waschen!
Irgendwann zähle ich drei, zwei, eins runter und renne los, blindlings in den Nebel hinein. Zum Glück kenne ich den Weg nach unten sehr gut, aber ich habe trotzdem wirklich Panik, weil ich nichts sehen kann! Ich reiße im Rennen viel Wäsche von den Wäscheleinen im Gang, aber das ist mir egal, ich will nur noch die Treppe finden. Als ich dann endlich draußen bin, schauen mich alle ganz verwundert an und fragen, warum ich denn nicht vorher rausgegangen bin.
Ich war danach heilfroh und gleichzeitig unglaublich wütend, weil man mir vorher nicht Bescheid gegeben hat. Das ganze Hostel war in Nebel gehüllt und aus den Fenstern quoll Dampf. Es sah aus, als würde es innen brennen. Nach 25 Minuten hatte sich das meiste wieder verflüchtigt und man konnte innen wieder etwas sehen. Der Geruch blieb noch etwas länger, war aber auszuhalten. Das Mosquitogift wurde auch in allen anderen Gebäuden und auf den Wiesen verteilt, kein Ort war davor sicher.

Genützt hat die ganze Aktion nach unser aller Meinung kaum etwas. Ein, zwei Tage waren es deutlich weniger Mosquitos, aber schon nach drei Tagen war wieder alles wie vorher. Wir müssen wohl einfach warten, bis die Saison vorüber ist…

Eine weihnachtliche Woche

In der Woche vor Weihnachten waren sehr viele Weihnachtsfeiern! Die Hostel-Weihnachtsfeier, die LehrerInnen-Weihnachtsfeier, die Weihnachtsfeier in der Good Samaritan Grundschule in Ongur, die Jesuiten-Weihnachtsfeier, die Weihnachtsfeier der Jugendgruppen aus allen Villages in der Umgebung. Jede Feier hatte ihren eigenen Zauber und war besonders.

Im Hostel haben wir drei Tage vorher mit der Planung begonnen, für tamilische Verhältnisse sehr früh, nach meiner Erfahrung. Zwei Tänze, drei Weihnachtslieder, zwei kurze Theaterstücke, zwei Reden, ein Auftritt des Christmas-Tatas (Übersetzt Weihnachts-Opa, also Santa Claus).

Ein buntes Programm, das mit dem Verteilen der Geschenke geendet hat. Dafür wurde im Hostel gewichtelt, also hatte jeder eine andere Person, hier „Christmas Friend“ genannt, für die er ein kleines Geschenk vorbereitet. In den Tagen davor musste ich unzählige Male „C-h-r-i-s-t-m-a-s F-r-i-e-n-d“ für jemanden buchstabieren, trotzdem kamen am Ende die lustigsten Varianten auf den Grußkarten raus: „Krismas Frend“, „Chrisma Prand“, „Kirusmas Fiend“, es war wirklich süß und auch lustig zu lesen! An der Feier selber ist dann immer eine Person vorgetreten und hat ihren Christmas Friend angepriesen, ohne deren Namen zu verraten. Das Publikum durfte raten und am Ende hatte jede von uns ein Geschenk bekommen. Manche haben ein Schulheft, Stifte oder Ketten verschenkt, andere haben mehr Geld und größere Geschenke wie eine kleine Wanduhr oder Weihnachtsdeko gekauft.

Auf der LehrerInnen Weihnachtsfeier war das Programm kürzer, aber der Christmas-Tata durfte auch hier nicht fehlen. Wir haben alle als Geschenk einen Kuchen und eine tamilische Bibel für 2019 bekommen, in der für jeden Tag Lesungen und das Evangelium stehen. Ich verstehe darin zwar fast nichts, aber ich benutze die Bibel jetzt, um das Lesen der Tamilischen Buchstaben zu üben.

Tamilische Bibel für 2019

In Ongur wurden alle Mitglieder des Staffs im Fatherhouse geehrt, die Köchinnen, die Farmer, die Wäscherin, die Näherin, der Watchman. Die Grundschüler aus dem Hostel der Good Samaritan Primary School hatten nur einen Tag für die Vorbereitungen und haben trotzdem drei wundervoll bunte Tänze, zwei inbrünstige Weihnachtslieder und ein sehr gut inszeniertes Theaterstück vorgeführt. Ich war vor der Feier 20 Minuten früher da als gedacht und wurde stürmisch begrüßt. Ich habe mit den Kleinen Quatsch gemacht, sie haben mit mir getanzt und gelacht, es war so schön mit ihnen. Nach dem Essen musste ich versprechen noch zu warten, weil mir die Mädchen ihre neuen Kleider vorführen wollten, die sie von Sponsoren an der Feier bekommen hatten. Ich kenne die Kinder in Ongur erst so kurz, aber sie haben mein Herz in Rekordzeit erobert.

Auf der Jesuiten Weihnachtsfeier in der Nähe von Chengalpattu war ich die einzige Frau und die einzige nicht-Jesuitin, aber inzwischen habe ich mich schon so an die Gesellschaft von Fathers gewöhnt, dass es trotzdem ein lustiger Abend wurde. Mein Mentor Father Dominic hatte mich eingeladen und ich habe dort viele Fathers getroffen, die ich aus Chennai oder von anderen Feiern kannte. Während der Feier wurde in jeder zweiten Rede mein Name erwähnt und ich wurde nochmal extra willkommen geheißen. Das war mir ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit, aber ich konnte sie nicht davon abhalten:) Die Feier wurde in Gedenken an die viele Opfer vom Zyklon Gaia sehr klein gehalten, es gab z.B. keine Geschenke, wie es sonst üblich ist. Beim Essen habe ich mich lange mit einem vollbärtigen Jesuiten mittleren Alters unterhalten, der von 2002 bis 2005 in Nürnberg gewesen ist. Wie es der Zufall will hat er oft in der Maria-Ward-Kapelle Gottesdienst gehalten, die ich ja sehr gut kenne. Gemeinsam haben wir uns in Erinnerungen an den Christkindlesmarkt und „Drei im Weggla“ verloren…

Die Weihnachtsfeier der Jugendgruppen fand ebenfalls in Ongur statt. Jedes Dorf hat mit seinen Jugendlichen ein oder zwei Beiträge zum Programm beigesteuert, da waren wieder so viele schöne Tänze und Lieder dabei, auch „Nun freut euch ihr Christen“ in Englisch und Tamil (wobei ich leise auf Deutsch mitgesungen habe, um selbst ein bisschen Weihnachtsgefühl zu bekommen). An alle Gäste wurde Kuchen verteilt, denn was bei uns die Weihnachtsgans ist, ist in Tamil Nadu der Christmas Cake. Ich glaube wir haben in den letzten Wochen jeden Nachmittag im Fatherhouse Kuchen gegessen, gebacken von allen möglichen Sisters oder Familien aus der Umgebung.

Ich habe für Weihnachten außerdem eine verrückte Bastelaktion gestartet: ich wollte Fröbelsterne für alle Hostelkinder und Lehrerinnen machen! Irgendwie hat sich die Anzahl hochgeschaukelt, denn wenn ich dem einen schenke, muss ich dem auch einen schenken, und dann muss ich ihr eigentlich auch einen geben, das übliche Geschenke-Problem eben. Die finale Anzahl war 68, aber ich habe früh genug angefangen, um das bis zum 22. hinzubekommen, wenn die meisten den Campus verlassen. Fast meine komplette freie Zeit verbrachte ich vor Weihnachten mit Buntstiften (nur weiß wäre ja langweilig!), Papier, Schere und Lineal. Ich wurde immer schneller im Papierstreifen-Ausschneiden und im Falten. Am Abend des 21.12. wurde der letzte Stern fertig, 13 Papierbögen und viele verzweifelte Momente wegen gerissenen Papierstreifen später. Zufrieden sah ich auf meine 68 Sterne und hoffte, den Mädels damit morgen ein Lächeln auf ihre Gesichter zaubern zu können.

Mit diesem Geschenk wollte ich zeigen, dass man für etwas Schönes nicht immer viel Geld ausgeben muss, und dass Mühe und liebevolle Arbeit manchmal ein besseres Geschenk sein können, als etwas für 200 Rupees im Laden zu kaufen. Die Sterne wurden mit Freude von meinen Mädels bestaunt und viele kamen gleich zu mir, um noch welche für ihre Familie zu bestellen:)

Leider konnte ich die Sterne an die Lehrerinnen nicht mehr vor Weihnachten verteilen, weil ich sie im Lehrerinnenzimmer am letzten Tag knapp verpasst habe.

Weihnachten – Wie ein Lied den Abend gerettet hat

Weihnachten in Indien! Wie sehr ich mir diesen Tag vorher ausgemalt habe, in den schönsten Farben, mit wunderbaren Klängen, großem Fest, vielen glücklichen Menschen. Ich hatte hohe Erwartungen, denn Weihnachten muss schließlich ein ganz besonderer Tag werden. Doch Weihnachten hat mich dieses Jahr eine Lektion gelehrt, die viel mit „hohen Erwartungen“ zu tun hat…
Aber fangen wir von vorne an: In Indien wird Weihnachten erst am 25. Dezember gefeiert, die Messe ist spät abends am 24. und endet am 25. . Ich war wohl die einzige hier, die schon am 24. mit Weihnachtsgefühl im Bauch herumgelaufen ist und jedem ein Lächeln geschenkt hat, einfach weil Weihnachten ist. Die fast schon gleichgültige Einstellung meiner Mitmenschen zum 24. Dezember (wir hatten sogar Schule) hat mein Hochgefühl etwas gehemmt, aber ich wollte es mir dadurch nicht nehmen lassen! Geplant war, dass wir mit den neun verbliebenen Hostelmädchen nach Kuppayanallur in den 11:30 pm Gottesdienst gehen. Es ist das erste Mal, dass in der Kirche von Kuppayanallur ein Weihnachtsgottesdienst ist, weil es nur eine untergeordnete kleine Gemeinde ist, die zur Parish Church von Ongur dazugehört, und normalerweise gibt es nur in den Parish Churches einen Weihnachtsgottesdienst. Weil dieses Jahr mit der Tradition gebrochen wurde, hat man uns eine große Feier mit viel TamTam versprochen, auf die wir uns den ganzen Tag gefreut haben. Aber die Vorfreude wurde uns beim Mittagessen genommen, als vom Father Superior verkündet wurde, dass nur die Jungs aus dem Boys Hostel nach Kuppayanallur dürfen und die Mädels nach Ongur in die Messe gehen sollen. In Ongur leben nur fünf christliche Familien, weshalb die Ongur-Messe durch die „Konkurrenzveranstaltung“ in Kuppayanallur dieses Jahr sehr leer sein wird. Die Mädels sollten die leeren Reihen füllen und außerdem den Chor bilden. Wir waren sehr enttäuscht, weil uns die große Feier nun entgehen würde, aber wir haben es akzeptiert und uns dann eben auf einen kleinen, privaten Gottesdienst gefreut. Vor dem Abendessen wurden fleißig Weihnachtslieder geübt, nach dem Essen haben wir uns zurechtgemacht. Eigentlich zieht man in Tamil Nadu für eine große Feier wie Weihnachten immer ein neues Kleid an, das extra dafür gekauft wurde. Da wir aber alle seit den letzten Ferien im Hostel waren, hatte keiner von uns Zeit ein neues Gewand zu kaufen und wir haben uns für bereits getragene Kleider(die immer noch sehr schön sind!) entschieden. Mir wurde eine hübsche Frisur gemacht, wir haben uns kleine Steinchen auf die Stirn geklebt, die Vorfreude war wieder da und riesig.

Als alle fertig umgezogen waren, kam der zweite Rückschlag des Tages: eine 12. Klässlerin hat sich übergeben, kurz bevor wir los mussten. Dann waren alle in heller Aufruhr und haben ihr heißes Wasser (hier ein Wunderheilmittel für alles) und Glucose gebracht, sie hat sich hingelegt und der Hostel-Direktor wurde angerufen. Die Zeit lief uns davon, aber es hat niemanden gestört, alle waren so besorgt um sie. Ich habe mich in einem Anflug deutschen Pünktlichkeitsdenkens gefragt, ob nicht wenigstens die restlichen Mädels schon mal zur Messe gehen könnten, schließlich erwartete man dort den Chor. Aber stattdessen haben nur alle rumdiskutiert, was das Mädchen falsches gegessen haben könnte, weshalb es ihr jetzt so schlecht geht. Unser Fahrer ist mit dem Schulleiter ohne uns nach Ongur vorgefahren, weil wir so spät dran waren, aber der Schulleiter die Predigt halten musste. Mit einer halben Stunde Verspätung haben wir dann vor dem Eingangstor auf die Rückkehr unseres Busses gewartet, damit er auch uns nach Ongur bringen kann. Die kranke 12. Klässlerin wollte unbedingt mit in die Messe, denn sie ist Hindu und wollte schon immer mal Weihnachten feiern. Also haben wir auf sie Acht gegeben und sie durfte mitkommen. Als wir dann endlich im Bus waren, hat uns irgendein Motorrad auf halber Strecke aufgehalten, weil es mitten auf der Straße stehengeblieben ist. Ich dachte schon, wir kommen gar nicht mehr an. Dann sind wir vom Bus zur Kirche gehetzt und ich bin im Dunkeln über einen rostigen Hering im Boden gestolpert, an dem ich mir meinen Zeh aufgeschlagen habe. In der Kirche hatte der Gottesdienst schon angefangen, ich wurde zu einem Metallstuhl gelotst um mich zu setzen. Dort hatte ich dann viel Zeit zum Nachdenken, weil ich in der Tamilischen Messe nicht sehr viel verstehe. Im Hintergrund hat ein Baby die ganze Zeit Krach gemacht, sodass man den Priester kaum verstanden hat. Neben meinem Kopf hat eine riesige Libelle lautstark versucht, möglichst nah an die helle Lampe zu fliegen, wobei sie das Lametta an der Wand nervtötend zum Rascheln gebracht hat. Mein Fuß wurde zum Opfer zahlreicher Mosquitos, sodass er gleichzeitig gejuckt und (von der Wunde vorher) gebrannt hat. Ich habe mich nur noch nach Hause gewünscht in meine gemütliche St. Josefs Kirche, wo ich innerlich zur Ruhe kommen und Weihnachten einfach mit meiner Familie genießen kann. Es waren so viele Kleinigkeiten auf einmal, die mir die Weihnachtsstimmung genommen haben. So habe ich mir Weihnachten in Indien wirklich nicht vorgestellt! Meine Enttäuschung war groß und ich saß traurig und genervt auf meinem Stuhl. Auch die viele Deko mit Glitzer und Blink-Lichtern und Sternen in allen möglichen grellen Farben hat meine Stimmung nicht heben können. Ich habe mich jetzt schon fünf Monate lang an diese (für mich ziemlich kitschige) Art der Dekoration gewöhnt, aber an diesem Abend war es mir einfach zu viel. Es erschien mir so unecht und so künstlich wie noch nie zuvor.

Während der Predigt habe ich mich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt, denn ich konnte diese Situation einfach nicht so auf mir sitzen lassen. Ich wollte nicht, dass Weihnachten so für mich endet. Ich habe mir überlegt, dass die Situation vor allem so schrecklich ist, weil ich so hohe Erwartungen und schon eine genaue Vorstellung von diesem Tag gehabt hatte. In meiner Phantasie war es ein perfekter Tag mit vielen neuen Eindrücken, die mich überraschen und mich zum Staunen bringen. Die Wirklichkeit hat mich nur deshalb so kalt erwischt, weil ich den Tag in Gedanken schon so oft vorher durchgespielt hatte, dass er sich jetzt wie ein Fehlschlag anfühlte. Ich habe versucht mich zum positiven Denken zu zwingen und allein durch Willenskraft diesen Mantel der Enttäuschung abzulegen. So richtig gelingen wollte es mir zunächst nicht, es war einfach zu wenig Vertrautes und zu wenig Weihnachtliches in meiner Umgebung.

Aber dann kam dieses Lied. Ich kenne den Titel nicht und ich hatte es vorher erst einmal gehört, aber es hat die Nacht für mich geändert. Unser Schulleiter ist ein begnadeter Sänger und er hat am Ende der Messe ein Wiegenlied vorgetragen, es war ganz langsam und ruhig, fast schon meditativ, auf jeden Fall weihnachtlich. Während des Liedes sind alle Gottesdienst Besucher zur Krippe gegangen, um das Jesuskind zu verehren. Ich war wie gebannt von der Melodie und konnte den Ort plötzlich mit ganz anderen Augen sehen. Da war die Krippe, beleuchtet von mehreren Lichterketten in allen Farben. Da war der Altar, geschmückt mit so vielen bunten Tüchern, die plötzlich nicht mehr kitschig sondern mit-viel-Mühe-hergerichtet wirkten. Da war das Kind, vorher ein Störfaktor, jetzt schlief es beim Klang der Musik friedlich und niedlich in den Armen seiner Mutter. Ich weiß nicht, warum dieses Lied alles besser und schöner gemacht hat, ich weiß nur, dass ich es in genau dem Moment gebraucht habe. Wir haben nach dem Gottesdienst Kuchen gegessen und Fotos gemacht, jeder war in ausgelassener Stimmung, weil Weihnachten ist und wir das zusammen feiern können. Auch ich habe meine Freude vom Vormittag wiedergefunden und konnte wieder lächeln.

P.S.: Nur falls ihr euch wundert, warum einige Mädchen an Weihnachten im Hostel bleiben: in der Schule gibt es am Anfang jeder Ferien für die 10. bis 12. Klassen noch „coaching classes“, so was wie Intensivierungsunterricht. Jeder der 4 Tage wird einem Schulfach gewidmet, sodass ein vertiefterer Zugang zum Stoff möglich ist, als in den normalen 45 Minuten-Schulstunden. Dieser Unterricht fand am 23. (ja, es war Unterricht am Sonntag), 24., 26. und 27. Dezember statt. Weihnachten war ein freier Tag, den wir sehr entspannt angegangen sind. Es war natürlich sehr schwer für die SchülerInnen, Weihnachten fern von ihren Familien zu verbringen, also saßen wir alle im gleichen Boot. Aber wir hatten uns immerhin gegenseitig und haben uns eine schöne Zeit gemacht. Endlich wurde auch die schöne Dachterrasse des Hostels geöffnet, die seit meiner Ankunft immer mit einem Schloss versperrt gewesen war. Der Ausblick ist einfach toll und es ist so schön ein bisschen Sonne zu tanken, umgeben von den Baumkronen der Mango-, Neem- und Coconut-Trees.

Damit verabschiede ich mich auch schon wieder, ich wünsche allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2019!

Und wo wird Jesus dieses Jahr geboren?

Hier bin ich wieder aus dem sonnigen Kuppayanallur! Seit dem letzten Beitrag ist wieder viel passiert und bitte lest bis zum Schluss, der ist dieses Mal das Wichtigste!

Hostel Day

Im Januar wird in Kuppayanallur der Hostel Day stattfinden, eine große Feier, bei der alle Hostelbewohner im Mittelpunkt stehen und ein großes Programm auf die Bühne gebracht wird. Vorbereitend wurden im November zahlreiche Wettbewerbe und Sportaktivitäten durchgeführt, bei denen Teams gegeneinander angetreten sind. Im Boy Hostel „Loyola Illam“ gab es 4 Gruppen, bei uns im Gracy Illam Hostel nur 2 Gruppen. In jeder der Gruppen waren alle Altersklassen vertreten und Geschwister sowie beste Freundinnen wurden bewusst getrennt. Vier Wochen lang ist ein gnadenloser Kampf zwischen „Sarawathi“ und „Athirathi“, den beiden Teams, ausgebrochen und hat für Spannungen im positiven und negativen Sinne gesorgt.

Zuerst fanden die Sportarten draußen statt, Throwball, Volleyball, Hitting the ball below the knee (ein Spiel bei dem eine Gruppe die andere mit einem Ball unterhalb des Knies treffen muss) und Gogo (ein tamilisches Spiel, das traditionell eher von Frauen ausgeübt wird und dessen Regeln für mich sehr kompliziert erscheinen…). Die Jungs hatten natürlich auch noch Fußball, obwohl es mich immer wieder wundert, wieso ich trotz des großen Cricket-Fanatismus in Indien auf diesem Campus noch nie jemanden Cricket habe spielen sehen…

Das ist Gogo:

Danach gab es Indoor games(Chain Checkers, Schach und Carrom, ein Schnip-Spiel), die sehr beliebt sind bei den Mädels. An einem Sonntag Vormittag haben wir Fun Games angeboten, die sehr sehr lustig waren und Teamgeist gefordert haben. Beim letzten Spiel (möglichst viele Kerzen mit einem einzigen Streichholz anzünden) wurden so einige verbrannte Fingerkuppen in Kauf genommen, nur um dem eigenen Team den Sieg zu sichern!

 

An den Abenden fanden Wettbewerbe im Zeichnen, Gedicht schreiben, Essay schreiben, Allgemeinwissen und Schulbuchwissen statt, die von ausgewählten Teammitgliedern bestritten wurden. Zusätzlich gab es noch Group Dance, Singing Contest und Monoact, meine persönlichen Favoriten. Es ist einfach immer wunderbar, wenn die Mädels tanzen! Selbst wenn sie ein paar Schritte durcheinander bringen, so ist die Gesamtperformance einfach bewundernswert, genauso wie die schönen Kleider und der Schmuck.

Beim Singen gab es eine riesige Überraschung: eine 7.Klässlerin, die normalerweise sehr ungehorsam und ungezogen ist und die von der Sister täglich hart bestraft wird für irgendwelche Missetaten, sie hat in ihrer Altersklasse gewonnen und eine unglaublich sanfte und reine Stimme. Ich habe schon oft mit einigen ausgewählten Mädels Lieder einstudiert, aber sie hatte ich nie auf dem Schirm. Das lag, wie ich beschämt zugeben muss, wahrscheinlich an ihrer aufmüpfigen Art, keiner im Hostel hat ihr diese Stimme zugetraut. Sogar die Sister hat drei Tage lang nur Lobeshymnen auf sie ausgesprochen und sie nicht mehr so hart rangenommen. Sie ist seitdem ein fester Bestandteil unserer Singing group! Der Hostel Day ist wirklich eine Chance, verborgene Talente ans Licht zu bringen, ich bin sehr froh über diese Chance.

Auch beim Monoacting war diese 7.Klässlerin am Start. Monoacting bedeutet, dass eine Person alleine ein Theaterstück aufführt, aber dabei alle Rollen übernehmen muss. Wie man das anstellt, ist der Kreativität der Schauspielerin überlassen.

Leider ist die Zeit der Wettbewerbe jetzt vorbei, weil die Klausurenphase begonnen hat. Aber wir hatten eine tolle Zeit und am Hostel Day im Januar wird dann die Sieger-Gruppe gekürt (obwohl man mir gesagt hat, dass die Verlierer-Gruppe die gleichen Preise bekommen wird, da es sonst eine Rebellion gibt 😀 )

Schneidersitz

In einem Gespräch mit zwei Jesuiten beim Mittagessen habe ich neulich erfahren, dass in Tamil Nadu Frauen traditionellerweise nicht mit übergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl sitzen sollen, vor allem nicht in der Gegenwart eines Mannes. Zum einen ist diese Sitzposition anscheinend nicht gut für den Körper, zum anderen hat es etwas mit Respekt zu tun. Die hier übliche Sitzposition ist eindeutig der Schneidersitz (natürlich eher auf dem Boden als auf einem Stuhl, obwohl ich das auch schon oft gesehen habe). Jeder, und da gibt es wirklich keine Ausnahmen, setzt sich im Schneidersitz auf den Boden.

In Deutschland habe ich mir eigentlich immer andere, gemütlichere Sitzpositionen auf dem Boden ausgesucht, aber 5 Monate Training haben auch mich fast schon zu einer Ausdauer-Schneidersitz-Sitzerin gemacht. Natürlich sitzt man auch in Deutschland im Schneidersitz, aber es gibt dort überall Stühle oder Bänke oder andere Sitzgelegenheiten, sodass man nur selten auf den Boden ausweicht. Nach meiner Erfahrung ist das Auf-dem-Boden-Sitzen in Tamil Nadu kulturell geprägt und es ist auch sehr platzsparend, muss ich zugeben. Es passen viel mehr Menschen in eine Kirche oder in eine große Halle für eine Veranstaltung, wenn nicht jeder einen eigenen Stuhl hat oder man Bänke aufstellen muss. Zwar schlafen mir immer noch regelmäßig die Füße ein, denn nach 1 h Rosenkranz auf dem steinigen Boden draußen brauchen meine Beine einfach ein bisschen mehr Bewegung… Aber ich habe auch buchstäblich ein bisschen die Perspektive wechseln können, dadurch dass ich meine Umgebung jetzt sehr oft von einer Stufe weiter unten sehe. Vor allem beim Essen habe ich festgestellt, dass ein Tisch und Stühle eine große Distanz schaffen können. Manchmal bleibe ich zum Essen im Hostel und setze mich zu den Mädels. Die Teller vor uns auf dem Boden schaufeln wir uns Reis und Sambar in den Mund und lachen gemeinsam. Von links oder rechts oder vorne werde ich ab und zu liebevoll mit einem Häufchen Reis gefüttert um zu testen, ob Reis mit Sambar von Virginiyas oder Sandhias Teller und Reis mit Sambar von meinem Teller gleich schmeckt 🙂

Eingequetscht zwischen Hemden und Granatäpfeln

Ich bin jetzt schon oft von Kuppayanallur nach Chennai und wieder zurück gereist, inzwischen finde ich den Weg auch gut alleine. Man fährt zuerst von Uthiramerur (der Stadt neben Kuppayanallur) nach Chengalpattu mit dem Bus, dann nimmt man einen Zug nach Chennai.

Als ich vor zwei Wochen nach einem Wochenendbesuch den Rückweg angetreten habe und in Chengalpattu aus dem Zug gestiegen bin, hastete ich zum Busbahnhof, der zwei Straßen neben dem Zuggleis liegt. Ich bin zu einer der vielen Straßenverkäuferinnen gelaufen, um mir eine Granatapfel-Erfrischung zu gönnen. „Munu“ sage ich zu der Frau, um zu zeigen, dass ich drei Früchte haben möchte. Da ich keine Ahnung habe, wie viel drei Granatäpfel kosten, halte ich ihr mit fragendem Blick einen 100 Rupee-Schein hin. „Anju“ ist ihre Antwort, „fünf“. 500 Rupees? Das finde ich dann doch ein bisschen viel für drei Granatäpfel, aber ich bin sehr schlecht im feilschen, vor allem durch mein begrenztes Tamil, und ich habe keine Zeit mehr, um woanders hin zu gehen. Also ziehe ich noch 4 weitere 100 Rupee Scheine aus dem Geldbeutel und nehme mir vor, Brother Thomas nach meiner Rückkehr mal nach dem echten Preis für das nächste Mal zu fragen.
Doch die Verkäuferin schaut mich fassungslos an, eine Tüte mit 5 Granatäpfeln in der Hand. Dann dämmert mir, dass ich da wohl etwas missverstanden habe… für 100 Rupees gibt es 5 Granatäpfel, nicht nur 3! Peinlich berührt halte ich ihr den 100 Rupee Schein hin, sie nimmt ihn und fängt an mich auszulachen, dreht sich zu ihrer Nachbarin am nächsten Stand um und erklärt ihr, atemlos vom lachen, dass ich für drei Granatäpfel 500 (!) bezahlen wollte. Die Geschichte breitet sich wie ein Lauffeuer um mich herum aus, was mir unglaublich peinlich ist, aber ich habe beschlossen, mitzulachen ist der bessere Weg als verärgert zu sein. Zu meinem Glück habe ich in diesem Moment meinen Bus entdeckt, der sich zum Losfahren bereit gemacht hat.

Er war schon sehr voll, sodass ich keinen Sitzplatz bekam, aber das ist an sich nicht weiter schlimm. Ich hatte aber zwei Taschen dabei und noch meine Granatäpfel, und in Bussen muss man seinen Rucksack immer abnehmen, um mehr Platz für die anderen Fahrgäste zu machen. Also klemmte ich mir meine Habseligkeiten zwischen die Knie und versuchte, mich möglichst klein zu machen. Sobald jemand entdeckt hat, dass die weiße Frau dort am Eingang des Busses stehen muss, kam Bewegung in die Menge. Ich wurde gewarnt, dass es am Eingang sehr gefährlich werden kann, ich sollte lieber in die Mitte des Busses kommen. Meine Taschen sollte ich aber dort stehen lassen, weil in der Mitte keine Abstellfläche dafür vorhanden ist. Ich wollte sie aber wirklich nicht unbeaufsichtigt da stehen lassen, so vieles was mir lieb und teuer ist war in diesen Taschen. Aber ich wurde von der Masse an Menschen weggedrängt und hatte nur noch meine Granatäpfel und mein Geld, an die ich mich klammerte. Ich sah in der Mitte des Busses eine Frau, die ich aus dem Dorf kannte (wenn auch nicht mehr ihren Namen), und habe mich zu ihr gesellt. Sie hat mir ein bisschen erklärt, wie das in den tamilischen Bussen so läuft, und dass meine Taschen in Sicherheit wären. Eng gedrängt an sehr viele Menschen fuhren wir eine Stunde bis nach Uthiramerur, und es kamen immer mehr dazu, weil Chengalpattu erst die erste Haltestelle des Busses gewesen ist. Meine Gesprächspartnerin war aber total super und hat mir geholfen, in dem Gedränge meine Fahrkarte zu kaufen ohne umzufallen (denn der Bus ist ja währenddessen gefahren) oder meine Granatäpfel zu schützen. Ich habe mich immer wieder ängstlich nach meinen Taschen umgeschaut, aber es waren einfach zu viele Menschen. Aber dann passierte etwas sehr erstaunliches. Ein Mann neben mir hatte bemerkt, wie unwohl ich mich wegen des Gepäcks fühlte und rief einem seiner Freunde zu, dass sie doch meine Taschen vom Eingang herüberreichen sollten. Ich war ihm so dankbar, dass ich ihn am liebsten umarmt hätte, aber wir waren eh schon so eng aneinander, dass ich das im Prinzip schon tat. Wiedervereint mit meinem geliebten blau-weiß-gepunktetem Rucksack und meiner Tasche fühlte ich mich gleich viel besser und konnte die restliche Busfahrt mit meiner Beschützerin mehr genießen.

Mein Fazit aus dieser Erfahrung ist, dass viele Menschen auf einem Fleck sehr bedrohlich und beengend sein können, aber dass es gleichzeitig immer unter ihnen welche gibt, die ein sehr gutes Herz haben und die einen vor dem (möglichen) anderen kleinen Prozentteil schützen, der es vielleicht nicht so gut meint.

Happy X-Mas

Weihnachten ist im Anmarsch und ihr in Deutschland seid vielleicht schon im Geschenke-Modus, vielleicht urlaubsreif, vielleicht besinnt wenn ihr euren Adventskranz anschaut, vielleicht genießerisch auf dem Christkindlesmarkt bei einer Tasse Glühwein.

In Kuppayanallur versteckt sich die Adventszeit noch ein bisschen, wir haben keinen Adventskranz und noch keine Weihnachtsdeko, wir backen keine Plätzchen (es gibt keinen Ofen und wir haben wegen den Klausuren auch kaum noch Zeit, um etwas anderes auszuprobieren) und es gibt keinen Weihnachtsmarkt.

Aber es kommt langsam! Eine alljährlich große Aktion ist das Bauen der Krippe im Hostel. Eine Gruppe von älteren Schülerinnen hat sich dieser Aufgabe angenommen und wir haben letzten Sonntag mit Stöcken und Stofffetzen das Grundgerüst gebaut. Verziert wird sie mit Schals, die es in Indien in allen möglichen Mustern und Farben gibt. Vor der Krippe, deren Boden ein Tisch bildet, wurde auf einer Fläche von vielleicht 2 Quadratmetern Erde verteilt.

Kleine Samen wurden dort gepflanzt und gerade beginnen kleine Pflänzchen daraus zu sprießen, das ist wirklich schön anzusehen! Nur die Figuren fehlen jetzt noch, bis übermorgen muss sie fertig sein.

Außerdem hatten wir vor einer Woche die Christmas Celebration in der Schule (der Schulleiter wollte das noch vor den Klausuren machen, damit die SchülerInnen nicht von irgendwelchen Proben oder Vorbereitungen vom Lernen abgelenkt werden). Es gab viel Weihnachtsdeko, aber für mich persönlich trotzdem kein Weihnachtsgefühl. Das könnte am Wetter gelegen haben, strahlender Sonnenschein bis um 15 Uhr, dann kleine Wölkchen. Oder es könnte daran gelegen haben, dass ich kaum etwas verstanden habe, denn mein begrenzter Wortschatz in Tamil reicht noch nicht aus, um eine Festrede oder eine Bibelstelle zu verstehen. Mir wurde danach erzählt, dass die Rede wirklich gut war und es darum ging, dass Weihnachten und Jesus für alle da sind, egal welcher Religion sie angehören. Es gibt zahlreiche LehrerInnen und SchülerInnen an unserer Schule, die Hindus sind. Aber die Botschaft von Liebe und Hoffnung kann auch ihre Herzen erreichen.

Am Ende kam Santa Claus vorbei, der ein sehr alberner und lustiger Kauz war und ständig tanzen und Hände schütteln wollte. Eingefahren wurde er auf einem Anhänger-Wagen, auf dem er kleine Kunststücke mit einem Mini-Fahrrad vorführte. Die Kinder hatten unglaublich viel Spaß mit ihm und das ist die Hauptsache!

Leider wurde die Weihnachtsdeko nach der Feier wieder abgenommen, aber ich hoffe, dass wir im Hostel vielleicht noch ein bisschen was herrichten können, außer der Krippe.

Wo wird Jesus dieses Jahr geboren?

Weihnachten wird überall auf der Welt gefeiert, jedes Jahr zur gleichen Zeit, jedes Jahr in ähnlicher Tradition. Aber sollte Weihnachten wirklich jedes Jahr gleich sein? Ist nicht gerade die Botschaft der heiligen Nacht, dass etwas Neues kommt, etwas auf das wir hoffen können? Es ist eine Botschaft der Liebe, die natürlich immer erneuert werden muss, aber wir können ihr jedes Jahr aufs Neue eine besondere Bedeutung geben, eine Bedeutung, die auf unsere Welt HEUTE passt.

Ich möchte euch einladen, dieses Jahr an Weihnachten darüber nachzudenken, wo Jesus heute gebraucht wird. Wo könnte er in diesem Jahr geboren werden, um durch die Liebe neue Hoffnung zu schenken?
Natürlich könnten wir jetzt gleich heraus Orte wie Syrien oder Jemen nennen, die schreckliches durchleben und keine Hoffnung mehr haben. Doch wir müssen unseren Blick gar nicht so weit weg werfen, auch in unserem direkten Umfeld gibt es Hoffnungslosigkeit oder Lieblosigkeit. Vielleicht ist bei Bekannten ein geliebter Mensch in ihrer Familie gestorben und es ist das erste Weihnachten, das sie ohne ihn oder sie verbringen. Vielleicht kennt ihr jemanden, dessen Zukunft sehr ungewiss ist, weil sich einiges im Leben gegen ihn oder sie gewandt hat. Bei diesen Menschen wird Weihnachten wirklich gebraucht und es gibt noch viel mehr Situationen wie diese.

Mein Weihnachten wird ohne Zweifel anders werden, als in den Jahren zuvor. Ich möchte mit euch teilen, wo in Tamil Nadu/Kuppayanallur dieses Jahr Jesus geboren werden könnte.

… Eine Tante der Hostel-Sister liegt seit September im Krankenhaus, weil sie sich bei einem Sturz das Bein und die Hüfte zertrümmert hat. Sie kann immer noch nicht operiert werden, weil ihr Körper zu schwach dafür ist, deshalb leidet sie im Bett liegend vor sich hin und betet für ihren Tod. Da sie selbst Sister ist, hat sie keine Kinder oder einen Ehemann, der sich um sie kümmert oder sie besucht. Nur manchmal kommen entferntere Verwandte, um sie zu sehen, aber in Madurai, wo sie im Krankenhaus liegt, gibt es niemanden. Täglich telefoniert sie mit unserer Hostel-Sister und bittet sie um einen Besuch, aber die Sister kann auch nicht jede Woche kommen, weil sie ja hier 34 Mädels hat, um die sie sich kümmern muss. Ich sehe, wie sehr der Zustand ihrer Tante die Sister bedrückt und dass sie Schuldgefühle hat, weil sie ihr nicht beistehen kann. Jesus könnte dieses Jahr in diesem Krankenhaus in Madurai geboren werden. Er könnte der leidenden Tante ihren Lebenswillen zurückgeben und für ihn würde sie ums Überleben kämpfen. Wir können im Moment nur für sie beten und hoffen, dass ihr ein Wunder widerfährt.

… Der Zyklon Gaia hat im Süden von Tamil Nadu großen Schaden angerichtet. Er ist genau in die Regionen gekommen, in denen viel Landwirtschaft betrieben wird und hat dort unbarmherzig gewütet. Jahrzehnte alte Bäume wurden entwurzelt und sind auf die Kaffeeplantagen gestürzt, die sie eigentlich beschützen sollten. Ganze Bananenplantagen gleichen nun einem Schlachtfeld, kein Baum steht mehr. Viele Reisfelder werden dieses Jahr keine Ernte einbringen, weil sie durch den Regen oder umherfliegende Trümmer geschädigt wurden. Man kann sich die genaue Hektaranzahl der zerstörten Fläche anschauen, aber was dabei verloren geht, ist die Tatsache, dass tausende Farmer nun keine Lebensgrundlage mehr haben und vor dem Nichts stehen. In der Zeitung habe ich von dem traurigen Schicksal eines Bananen-Bauern gehört, der sein ganzes Geld und all seine Energie in seine Bananenbäume gesteckt hat. So wie sich jemand eine Wohnung/ein Haus als Absicherung und Geldanlage kauft, so hat er sich auf seine Bananen verlassen. Er war durch sie ein wohlhabender Mann geworden, der seine drei Kinder auf eine gute Schule schicken kann und in einem Haus wohnt. Nun sind 95% seiner Bäume zerstört und er kann sich die Bildung seiner Töchter nicht mehr leisten, weil seine einzige Einnahmequelle, seine Absicherung, sein Haus und sein Leben zerstört sind, und das nur durch Gaia. Die Regierung verspricht natürlich Entschädigungsgelder (aber weil es ein Naturphänomen war natürlich nur in begrenztem Umfang). Aber die Entschädigungsgelder von der großen Flut in Chennai 2015 sind teilweise heute noch nicht angekommen, also muss sich die Bevölkerung wohl noch eine Weile gedulden. Geduld ist ohne ein Haus oder Geld natürlich schwierig, die Situation ist für so viele einfach nur hoffnungslos. Ich wünschte, Jesus würde dieses Jahr in einem Reisfeld oder einer Kaffeplantage zur Welt kommen und den einfachen Menschen, wie damals den Hirten, seine Botschaft verkünden.

Und schließlich würde ich mir wünschen, dass Jesus in unserem Hostel geboren wird. Ich kann gut verstehen, dass keinem der Hostel-Kinder das Leben dort gefällt. Es gibt kaum Freizeit und sie können nicht sie selbst sein, denn sie müssen sich an so viele Regeln und vorgeschriebene Rollen halten. Manchmal gibt es natürlich viele sehr schöne und lustige Momente, aber auch dann fühlt es sich an, als würden die Kinder an der kurzen Leine gehalten, weil im nächsten Moment schon die Dutytime oder die Studytime anfängt. Ich würde mir von Weihnachten dieses Jahr wünschen, dass die SchülerInnen für das gelobt werden, was sie gut machen. Dass nicht immer nur das Schlechte und die Fehler gesehen werden, sondern auch die Talente und Besonderheiten jedes/jeder einzelnen. Ich möchte, dass Jesus hier geboren wird, damit die Kinder nach Weihnachten gerne hierher zurück kommen und damit sie hier mehr Freude und Anerkennung erfahren können. Gleichzeitig soll der Segen der Heiligen Nacht auch bis in ihre Familien reichen, denn es gibt einfach zu viele tragische Schicksale in den Leben meiner geliebten Mädels. Alkoholismus ist leider sehr verbreitet in den villages von Tamil Nadu, er ist wie ein Geschwür und kann ganze Familien kaputt machen. Außerdem sind über die Hälfte der Hostelmädchen Halbwaisen, eine traurige und für mich sehr erschreckende Erkenntnis, die mich immer wieder trifft, wenn ich die Geschichten der Mädchen höre.

„Wer Freude genießen will, muss sie teilen.“ – Lord Byron

Ich möchte euch eine Möglichkeit anbieten, dieses Weihnachten zu einem besonderen Weihnachten zu machen. Wenn ihr im Geschenke-Stress durch die Straßen lauft, denkt an eines meiner Hostelmädchen in Kuppayanallur. Sucht ihr ein kleines Weihnachtsgeschenk aus, mit dem man ihr eine Freude machen könnte. Statt das Geschenk zu kaufen und hierher zu schicken, könnt ihr den Preis aufschreiben und ihn auf das Spendenkonto für Kuppayanallur überweisen. Das Geld von diesem Konto wird ausschließlich für die Schule und das Hostel verwendet, die den Mädels eine gute Bildung, ein sicheres Dach über dem Kopf und dreimal am Tag eine gute Mahlzeit bieten (was keine Selbstverständlichkeit wäre, wenn sie daheim leben würden). Selbst ein kleines Geschenk in Deutschland, das vielleicht 3 € kostet, ist in Indien sehr wertvoll, denn das wären schon fast 250 Rupees (also 12 ½ Granatäpfel :D).

Damit ihr auch eine kleine Vorstellung von meinen Mädels habt, schicke ich euch hier zu jedem Kind eine kleine Charaktereigenschaft, anhand der ihr euch jemanden und vielleicht auch das Geschenk aussuchen könnt, wenn ihr die Chance nutzen möchtet. Vielleicht findet ihr euch ja in einer Beschreibung selbst wieder… Ihre Namen habe ich geändert, aber ihre Einzigartigkeit wird dadurch nicht gestört.

Anni, die sehr verfroren ist und seit Oktober immer eine Vliesjacke trägt.

Katharina, die ein zuckersüßes Lächeln hat.

Shanti, die mich mit ihren großen braunen Augen täglich zum Schmelzen bringt.

Vivien, die Süßigkeiten über alles liebt.

Jabina, die quasi ständig kichert und an allem etwas lustiges finden kann.

Jenny, die schon in der 7. Klasse besser Englisch spricht als manche 12. Klässlerinnen.

Rebekka, die eine fleißige Messdienerin ist.

Nami, deren kleine Augen in der Night Study time immer kurz vor dem Zufallen sind.

Kasandra, die eine wunderschöne Stimme hat.

Anna, die täglich mit den Buchstaben kämpft, aber große Fortschritte macht.

Tina, die einfach ein verrücktes Huhn ist.

Rike, die mich täglich mit Mathefragen löchert.

Ramana, die sehr schön malen kann.

Abi, die immer heimlich nascht.

Namita, die für jede Aufgabe immer bereit steht und sich freiwillig meldet.

Sara, die Ärztin werden möchte und unglaublich klug und fleißig ist.

Vicki, meine treueste und begabteste Sängerin.

Tamara, die immer eine Gruselgeschichte oder einen Scherz auf Lager hat.

Chrissi, die eine unglaublich angenehme und sanfte Gesellschaft ist.

Kathrin, die mehr als alle anderen lernt und ein Vorbild für viele ist.

Kathrina, die gerne mit ihrem Freund zusammen wäre, aber das ist hier verboten.

Sheela, die immer hilfsbereit und offen auf andere zugeht.

Pia, die unglaublich gut tanzen kann.

Vanessa, die eine Vorliebe für die sauren Tamarind Früchte hat.

Janina, die sich oft für ihre Freunde aufopfert.

Sabrina, die so schnell rennt, dass sie schon auf einem Wettbewerb in Delhi war.

Davalakshmi, die sehr aufmerksam und fürsorglich ist.

Solila, die mal eine sehr starke Frau werden wird.

Felixia, die immer das Positive sehen kann.

Stefanie, die alle zum Lachen bringt mit ihrer tapsigen Art.

Pungili, die eine gute Gesprächspartnerin und Freundin ist.

Vasha, die sich nie unterkriegen lässt.

Lilly, die sich mit auswendiglernen schwer tut.

Amala, eine Naturschönheit mit Schauspieltalent.

Vielen Dank an alle, die an diesem Weihnachten einen kleinen Segen nach Indien schicken, er wird auf fruchtbaren Boden treffen!

Hier noch einmal als Erinnerung die Daten des Spendenkontos:

Empfänger: Jesuitenmission
IBAN: DE61 7509 0300 0005 1155 82 (Liga Bank)
BIC: GENO DEF1 M05
Verwendungszweck: X38284 Samira Löw

Damit verabschiede ich mich aus Kuppayanallur und wünsche allen eine schöne Adventszeit und ein gesegnetes Weihnachten!