Von Volunteers, Bergen und Kühen

So, jetzt ist es soweit. Seit etwas mehr als einer Woche ist die Hälfte meines Einsatzes in Indien vorbei. In mir ist ein Chaos der Gefühle, das ich noch nicht so ganz ordnen kann, denn einerseits war ich schon so lange nicht mehr zu Hause und ich vermisse meine Familie und Freunde! Nürnberg und vor allem richtiges Brot vermisse ich auch. Aber andererseits kann ich mir nicht vorstellen, diesen Ort hier schon im Juni verlassen zu müssen. Ich würde so gerne noch länger in Indien bleiben und meinen Mädchen beim Aufwachsen zusehen, sehen, was die Zukunft für sie bringt! Und Dinge wie die vielen Farben, die Früchte, die Herzlichkeit, die Spontanität, die Spiritualität von Indien, das Grün um mich herum, das alles möchte ich nicht nach einem Jahr schon wieder verlieren. Die Vergänglichkeit des Augenblicks wird mir immer öfter bewusst, aber ich versuche, das nicht schon jetzt so nah an mich heran zu lassen. Schließlich sind immer noch 5 ½ Monate übrig, während ich das hier schreibe…

Jetzt könnt ihr aber erst einmal über meine letzten Wochen lesen, die sehr ereignisreich waren!

New Year in Vettavalam

Über Neujahr bin ich nicht nach Chennai gereist, sondern durfte bei den Jesuiten im Loyola College Vettavalam (weiter südlich) bleiben. Ich habe die Kommunität dort über die Ferien gut kennengelernt und viele der Fathers und Brothers sehr ins Herz geschlossen. Sie haben alles getan, um mir schöne Ferien zu bereiten. Jeden Tag sind sie mit mir rausgefahren und sie haben mir täglich Schokolade mitgebracht, was gar nicht nötig gewesen wäre (ich habe mich ein bisschen wie die Enkelin gefühlt, die sie nie haben würden und der man eben gerne eine Freude macht)! Über Neujahr sollte ich eigentlich mit meinem Mentor Father Dominic zur Messe in eines der Dörfer gehen, wo es ein großes Fest geben würde und eine lange Feier bis in den Morgen. Aber die Kupplung seines Autos hat genau auf dem Weg nach Vettavalam, wo er mich abholen wollte, den Geist aufgegeben und er saß deshalb erst mal am Straßenrand fest. Also bin ich über Silvester in der Kommunität der Vettavalam-Jesuiten geblieben. Ich war schon sehr traurig, dass mir das große Fest jetzt (wie schon an Weihnachten) wieder entgehen würde, aber was solls. Die Christen in Tamil Nadu feiern über den Jahreswechsel einen Gottesdienst, genau um Mitternacht soll das Gloria gesungen werden. Wir hatten uns für 11.45 pm in der Hauskapelle verabredet, im Fatherhouse geblieben sind zwei Fathers, ein sehr alter Brother und ich. Um 11.50 pm waren die zwei Fathers und ich in der Kapelle, nur der Brother hat noch gefehlt. Er hatte zuvor ein wenig geschlafen, war aber eigentlich um 11.15 pm aufgeweckt worden, um sich bereit zu machen. Um 11.55pm war er immer noch nicht da, also haben wir ohne ihn angefangen. Zu dritt hatten wir einen ganz netten Gottesdienst, bei dem nur die Fathers gesungen haben, weil ich die tamilischen Lieder noch nicht so schnell mitlesen kann… Um 12:30 pm waren wir fertig, gerade als wir die Treppe heruntergegangen sind, kommt uns der Brother entgegen, ganz verwirrt, warum wir denn schon fertig sind. Es stellte sich heraus, dass er den Weckruf nicht gehört hatte, weil er schon etwas schwerhörig ist (dabei hat Father Alton mindestens 10 Minuten lang an seine Tür gehämmert und gerufen, das war echt lustig!). Dann ist er später von alleine aufgewacht, doch seine Armbanduhr ist genau um 11.15 pm stehengeblieben, weshalb er die ganze Zeit dachte, er hätte noch viel Zeit übrig:D Wir haben so viel zusammen gelacht über diesen Zufall, während wir zur Feier des neuen Jahres Pudding-Kuchen verspeist haben. Der war eine Spezialität des alten Brothers, er hatte den ganzen Tag in der Küche verbracht, um diesen Kuchen vorzubereiten.

Am nächsten Tag ist Father Dominic angekommen und hat mich mit in sein Heimatdorf genommen. Dort haben wir seine Familie besucht, Biriyani gegessen und sind dann wieder zurück nach Vettavalam. Da sein Auto noch in der Werkstatt war und an Neujahr niemand arbeitet, habe ich in Kuppayanallur Bescheid gegeben, dass ich wohl doch nicht am 02.Januar zurück sein würde, wenn die Schule wieder anfängt. Wir mussten länger warten als gedacht, und so hatte ich noch die Gelegenheit, bei einer Kirchweihfeier in Vettavalam dabei zu sein. Die Gemeinde der Mother Mary Church im Dorf pilgert mit einer Marienstatue zu diesem Anlass stets auf einen Berg in der Nähe, wo ein Schrein des Hl. Josefs ist. Dort steht eine berühmte Statue des schlafenden Josef, die mit der Marienstatue „vereint“ wurde. Auf dem Berg fand eine 4-stündige Messe statt! Vor, während und nach dem Gottesdienst wurden immer wieder von einem Priester Intentionen vorgelesen. Viele Menschen hatten 100 oder mehr Rupees bezahlt, damit ihr Name und ihr Herkunftsort bei der Feier verlesen wird. Mir tat der Priester wirklich leid, weil gefühlt jeder der Versammelten mitsamt seiner Familienmitglieder erwähnt werden wollte, weshalb gegen Ende sein Sprechtempo immer schneller wurde. Der Priester mit der Predigt war so in Fahrt, dass er fast eine Stunde geredet hat, und schließlich hat der Parish Priest ihn freundlich unterbrochen, damit die Gemeinde nicht verhungert. Tatsächlich hatten wir noch nichts gefrühstückt, um 11 habe ich dann endlich ein paar Poori bekommen (Biriyani gab es für die Gottesdienstbesucher, aber ich sollte mit den Fathers essen). Der Ausblick von dieser Kirche auf dem Berg war wirklich beeindruckend und es war schön, früh am Morgen bei einer kühlen Brise über die Landschaft zu schauen.

Neue Gesichter in Kuppayanallur

Von Vettavalam bin ich dann nicht wieder direkt zurück nach Kuppayanallur, sondern bin noch für zwei Nächte mit nach Chennai gekommen (inzwischen war es schon der vierte Tag nach Schulanfang). Der Grund: ich habe zum ersten Mal Besuch bekommen! Sophie und Lydia, zwei Jesuit Volunteers, die für ein Jahr im Norden von Indien im Einsatz sind, haben ihre Winterferien genutzt, um ein bisschen den Süden zu erkunden. Nach einer sehr langen Reise kamen sie erschöpft in Chennai an und ich habe sie vom Bahnhof abgeholt, wo eine schöne gemeinsame Woche begonnen hat! Mit ihnen bin ich dann endlich zurück in meine zweite Heimat Kuppayanallur gekommen, ich habe meine Mädels soooo sehr vermisst in den Ferien. Nach zwei Wochen konnte ich sie endlich wieder in die Arme schließen und mir ihre aufgeregten (und ein wenig vorwurfsvollen) Erzählungen anhören, wie schrecklich diese eine Woche ohne Samira Miss im Hostel doch gewesen sei. Die Ferien waren sehr schön, aber ich war einfach nur glücklich daheim zu sein!

Lydia und Sophie waren sehr neugierig auf die Früchte im Süden und so haben wir viele Chancen ergriffen, um Granatäpfel, Ananas, Orangen, Bananen, Kokusnüsse etc. zu genießen. Außerdem haben wir die Sonne auf der Dachterrasse ausgenutzt, denn vor allem bei Lydia in Darjeeling gibt es zur Zeit nicht viel davon. Es war einfach schön, Zeit zusammen zu verbringen und sich über so viele Dinge austauschen zu können! Das habe ich nach 6 Monaten ohne Mitfreiwillige(n) sehr genossen.

Meine Kuppayanallur Fathers hatten am Sonntag die Idee, dass wir Volunteers zu dritt ein Nachmittagsprogramm für die kleineren Hostelmädels veranstalten könnten. So umringten uns ein wenig später 20 mehr oder weniger motivierte Kinder, mit denen wir gesungen und getanzt haben. Lydia Miss, Sophie Miss und Samira Miss wurden sehr von den Mädels in Anspruch genommen! Als wir ein tamilisches Lied angemacht haben, sind sie völlig ausgerastet, haben wild getanzt und gelacht und waren einfach ausgelassen. So gerne ich ihnen mehr davon ermöglicht hätte, wusste ich doch, dass wir nach 3-4 Liedern lieber aufhören sollten. Wenn die Sister oder die Fathers dieses Chaos mitbekämen, würde es vermutlich Ärger geben…

Da eine Woche nach unserer Ankunft in Kuppayanallur bereits der Hostel Day stattgefunden hat, war die ganze Woche sehr vollgestopft mit Proben und ich hatte vor allem abends leider nur wenig Zeit. Aber wir haben zu dritt das beste daraus gemacht und am letzten Tag sind wir sogar noch auf einen Kurzbesuch nach Mamallapuram gefahren, einer Stadt mit wunderschönen Tempeln und Meer. Ich hatte nur eine Stunde dort Zeit, weil am Abend die erste Generalprobe für den Hostel Day stattfand, aber für einen Felsentempel und einen Blick auf das Meer hat es gereicht!

Danke für die schöne Zeit, Sophie und Lydia, ich hoffe ich schaffe in den Sommerferien einen Gegenbesuch!:)

Wenn ihr wollt könnt ihr gerne auch mal auf den Blogs von Lydia und Sophie vorbeischauen, ich schreibe euch hier die Internetadressen auf:
Sophie: www.dasfernelied.wordpress.com
Lydia: www.lebenindarjeeling.wordpress.com

Ihre Projekte sind sehr besondere Orte: Sophie ist an der Gandhi Ashram School in Kalimpong, einer Schule für Musik, wo die Kinder verschiedene Instrumente lernen können und sie nebenbei noch eine sehr gute Bildung bekommen. Lydia arbeitet bei der Hayden Hall in Darjeeling im Kindergarten und Evening Study Centre. Die Einrichtung richtet sich an mittellose Frauen und Kinder, um ihnen zu einem menschenwürdigeren Leben zu verhelfen.

Berge, Früchte und (k)ein Tempel…

Am Tag vor dem Hostel Day fand der alljährliche Lehrerausflug statt, auf den ich spontan noch mit durfte. Da hatte ich wirklich Glück, denn es ging in die Berge zu einer Stadt namens Tiruvannamalai. Um aber zu dieser Stadt in den Bergen zu gelangen, mussten wir erst zahllose Serpentinen und S-Kurven auf uns nehmen, die unser Busfahrer in einer waghalsigen Geschwindigkeit gemeistert hat. Kurz bevor die Serpentinen begannen, hat Father Samy eine Wunderwaffe gegen Übelkeit hervorgezaubert: kleine Limonen! Wenn man immer mal wieder an der Schale riecht und den Zitronengeruch einatmet, vergeht die Übelkeit wie im Nu. Bei mir hat es wirklich gut funktioniert, normalerweise bin ich nämlich nicht sehr Serpentinen-fest…

Je höher wir kamen, desto schöner wurde der Ausblick auf Wälder, Täler, Felder und den tiefblauen Himmel. In den Bergregionen Tamil Nadus wachsen sehr viele Jackfruit-Trees. Ich hatte vor Indien noch nie davon gehört, aber die Früchte sind hier sehr bekannt und beliebt. Teuer sind sie außerdem, vor allem jetzt, weil die Saison dafür eigentlich vorbei ist. Zum ersten Mal habe ich auch einen echten Feigenbaum gesehen!

Unser Ziel war ein kleiner Wasserfall, zu dem wir gewandert sind. Da es dieses Jahr nur wenig geregnet hat im Vergleich zu anderen Jahren, führt er nur wenig Wasser im Moment, aber allein die Aussicht war den Weg auf jeden Fall wert.

Der weitere Tagesplan wurde spontan umgekrempelt. So haben wir das Tretboot-Fahren auf dem kleinen See in der Nähe ausfallen lassen und sind stattdessen nach Vellore zum „Goldenen Tempel“ gefahren. Ich war total aufgeregt, weil sich endlich die Chance bot, einen großen Hindu-Tempel, der noch dazu sehr bekannt ist, zu besichtigen. Da die meisten der LehrerInnen Christen sind, würde es auch für sie das erste Mal in einem Tempel sein. Die gesamte Anlage des Tempels ist in einer Sternform angelegt und für die Innenausstattung wurden aus dem Ausland mehrere Tonnen Gold gespendet. Aufgeregt machten wir uns bereit, Schuhe und Handys/Kameras blieben im Bus, weil sie im Inneren nicht erlaubt sind. Um hineinzukommen mussten wir durch vergitterte Gänge laufen und uns beim „Checkpoint Ladies“ anstellen, wo es eine Art Sicherheitskontrolle gab. Die Männer wurden in diesen Gängen von den Frauen getrennt und ich habe mich beim Laufen ein bisschen so gefühlt, als würden wir ein Hochsicherheitsgefängnis betreten wollen. Die Warteschlange bei den Frauen war um einiges länger als die der Männer, und so sind die Lehrer schnell hineingekommen, währen die Lehrerinnen fast eine Stunde nur vor dem Checkpoint gewartet haben. Man wurde dort in allen möglichen Sprachen Indiens angesprochen oder beschimpft, wenn von hinten zu sehr geschoben wurde. Wir wurden immer nervöser, weil wir insgesamt nur 2 h Zeit hatten. Als wir endlich den Checkpoint passiert hatten, haben mich die anderen Lehrerinnen zu einer Absperrung gelotst, durch die wir von einem Sicherheitsbeamten geschoben wurden. Erst dachte ich: „Super, sie haben eine Abkürzung gefunden und wir kommen schneller rein“. Aber bald wurde mir klar, dass wir nicht rein, sondern wieder hinaus gingen. Sie erklärten mir, dass es hinter dem Checkpoint nochmal Waiting Boxes gibt, wo die Wartezeit für Frauen zu dem Zeitpunkt mehr als 4 Stunden betrug. Also würden wir den Tempel wohl doch nicht sehen können. Ich war wie betäubt vor Enttäuschung, weil wir so nah waren aber uns diese Chance nun entgehen würde. Stattdessen haben wir uns dann zu den Straßen von Vellore durchgekämpft und gemacht, was die meisten Frauen nach einer Enttäuschung eben gerne tun: Shoppen:)
Auf der Rückfahrt im Bus wurde ein tamilischer Film gezeigt, der ganz nett anfing aber immer düsterer und gruseliger wurde. Der Psychopath, der Schulmädchen im gleichen Alter wie unsere Hostelmädchen auf brutalste Weise ermordet hat, war wirklich nicht das richtige für eine Nachtfahrt in einem Bus ohne Innenbeleuchtung. Manimala (meine Freundin und Hostelkollegin) und ich haben uns irgendwann nur noch mit unseren Schals die Augen zugehalten, weil wir sonst alle 2 Minuten aufgeschrien hätten… Wir haben uns echt gefragt, wie wir jetzt noch alleine in unseren Zimmern im Hostel schlafen sollten, denn wir kamen erst um Mitternacht zurück nach Hause. Vor allem die Filmmusik wollte mir nicht mehr aus dem Kopf! Und so habe ich für eine Nacht das zweite Bett in Manimalas Zimmer in Beschlag genommen und wir haben uns gegenseitig vor Christopher, dem psychotischen Mörder, beschützt:)

Hostel Day

Wie schon vorher angekündigt fand Mitte Januar endlich der lang ersehnte Hostel Day statt, für den wir im November bereits Wettbewerbe und Aktionen veranstaltet hatten. Boys und Girls Hostel haben an diesem Tag zusammen mit den Eltern und LehrerInnen gefeiert. Ich war für einen Englischen Sketch verantwortlich, den ich die ganze Woche über mit 5 Schülerinnen der 6.-8. Klasse geprobt hatte. Es gab ein sehr buntes Programm mit zwei Theaterstücken, vier Tänzen, einer Diskussionsrunde, Festreden, Panthomime, Stand-up-Comedy, drei Musik/Percussion- Beiträgen und Preisverleihungen. Jeder hat sich für diesen Tag in Schale geworfen und ich habe einen Sari von Manimala getragen. Mein Zimmer wurde an diesem Morgen zur Sicherheitsnadel-Börse (in weiser Voraussicht hatte ich vorher noch ein neues Päckchen gekauft), zur Umkleide und zur Schmink-Zentrale, denn ich habe den einzigen Spiegel, bei dem man den ganzen Körper sehen kann. Vor lauter Proben, Sari-Anziehen und Mädels für ihre schönen Saris zu loben, hatten wir Lehrerinnen kaum Zeit zum Frühstücken.

Mit einer Stunde Verspätung (weil die Ehrengäste noch nicht da waren) haben wir mit dem Programm um 10:30 Uhr begonnen. Die Sister stand die ganze Zeit draußen im Gang, denn es gab dort einen Aufgang zur Bühne und alle haben sich in diesem Gang fertig für den Auftritt gemacht. Aufgabe der Sister war es, Jungs und Mädchen voneinander fernzuhalten und sie am Reden mit dem jeweils anderen Geschlecht zu hindern. Das mag in unseren Deutschen Ohren vielleicht lächerlich und hart klingen, aber es wird von den Eltern auf die Schule großer Druck ausgeübt, die Geschlechter getrennt zu halten. Bis zwei Uhr lief das Programm, ohne Pause aber mit viel Spaß!
Ich lasse einfach mal die Bilder für sich sprechen, die Stimmung am Hostel Day war jedenfalls so ausgelassen und fröhlich wie schon lange nicht mehr!

Ich brauche glaube ich nicht zu erwähnen, wie viele verborgene Talente in den Kindern schlummern, die nur darauf warteten ans Licht gebracht zu werden. Dreimal dürft ihr raten, was es im Anschluss an die Feier zum Essen gab: Richtig, Biriyani! Sogar Eis wurde für alle verteilt, ein einmaliger Genuss für die Hostelkinder. Danach konnten alle mit ihren Eltern nach Hause gehen, denn die Pongal Ferien waren direkt im Anschluss. Nur 5 Mädchen sind über die Ferien im Hostel geblieben, weil sie sehr weit weg wohnen und es sich für sie nicht gelohnt hätte, nach Hause zu gehen.

Pongal Valthukal!

Im Januar wird in Indien „Pongal“ gefeiert, und zwar an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Es ist von der Idee her vergleichbar mit dem deutschen Erntedank, aber viel viel größer. Zuerst dachte ich, es wäre ein hinduistisches Fest, aber es wird von allen Religionen gefeiert, es ist ein indisches Fest.
Am ersten Tag betet man zur Sonne und dankt der Natur für alles, was sie für uns tut. Vor allem die Bauern danken für ihre Ernte und es werden überall Kolam-Kunstwerke vor den Häusern auf den Boden gemalt. Ich war an diesem Sonnen-Pongal für einen Nachmittag in Uthiramerur und ich bin an fast jedem Hauseingang stehen geblieben, um die farbenfrohen Blumenmuster zu bestaunen! An Pongal gibt es traditionellerweise eine Süßspeise mit dem gleichen Namen („Pongal“:D), außerdem wird Sugarcane gegessen. Bei dieser Pflanze braucht man gute Zähne, weil sie wie ein Ast aussieht und eine harte „Rinde“ besitzt, aber allein mit Kieferkraft geschält werden muss. Dann kann man auf dem „Fleisch“ herumkauen und den Saft genießen (aber man darf danach ca. 1 h lang kein Wasser mehr trinken, weil es sonst im Mund brennt). Angeblich ist der Saft gut für die Zähne, auch wenn es sugarcane heißt…

Am zweiten Tag wird Cow-Pongal gefeiert, es werden alle Hilfsmittel für die Landwirtschaft geehrt und vor allem die Tiere schön geschmückt und gesegnet. Manimala, die verbliebenen 5 Hostelmädchen und ich haben die Chance erhalten, mit Father Samy in die Villages zu fahren und bei der Segnung der Kühe und Bullen dabei zu sein. Ich war so glücklich (vor allem auch für die Mädels), dass wir mal aus dem Hostel herauskommen und bei so einem wichtigen kulturellen Ereignis live dabei sein können.

Die Hörner der Kühe wurden bunt angemalt, wenn man politische Treue zeigen wollte auch manchmal in den Farben der jeweiligen Partei. Außerdem wurden Gras-Girlanden am Kopf der Tiere befestigt, was ich ziemlich gemein fand. Stellt euch vor ihr müsstet den ganzen Tag mit leckerem Essen herumlaufen, das euch von den Ohren baumelt, aber hinein beißen dürft ihr nicht. Die Luftballons, die an die Hörner gebunden wurden, haben das ganze Fest sehr bunt und auch laut gestaltet. Denn sobald sich zwei Kühe zu nahe gekommen sind, hat das Horn der einen Kuh die Ballons der Nachbarkuh mit einem lauten Knall zum Platzen gebracht. Natürlich waren nicht nur die Kühe schön hergerichtet, sondern auch die Dorfbewohner selbst. In Tamil Nadu gehören Blumen in den Haaren der Frauen genauso zu besonderen Festtagen dazu, wie gutes Essen oder schöne Kleidung. Wir aus dem Hostel hatten natürlich keine Zeit, um uns Jasmin-Ketten zu besorgen… Im letzten der drei Dörfer kam beim Warten auf die Ankunft aller Kühe ein kleines Mädchen in einem grün-blauen Kleidchen zu mir, nicht älter als 3 Jahre, und sie hat ganz verwirrt auf mein Haar gezeigt und „Poo enge?!?“ gesagt, was „Wo sind die Blumen?“ bedeutet. „Poo ille“ musste ich ihr leider antworten, „Keine Blumen“. Fachmännisch hat sie sich kurzerhand ihre eigene kleine Blumenkette aus dem Haar gerupft und sie mir mit einer Haarnadel angesteckt. Ihr Blick hat so viel gesagt wie: „Na so geht das aber nicht, heute ist doch Pongal, da braucht man Blumen!“. Ohne ein weiteres Wort ist sie wieder davon getapst zu ihrer großen Schwester. Ich war sehr gerührt und habe ihr „Nandri Papa!“ (~Danke meine Kleine) nachgerufen. Statt sich über ihre eigenen Blumen zu freuen, hat sie ohne zu Zögern darauf verzichtet, um mich für Pongal schick zu machen.

Anschließend gab es wieder sweet-Pongal und auch Tee. Auf der Rückfahrt waren wir alle ganz euphorisch, weil wir wirklich Pongal gefeiert hatten, und nicht wie gedacht den ganzen Tag im Hostel bleiben mussten!

Der dritte Tag des Pongal Festes ist ein Tag der Gemeinschaft, man geht aus dem Haus um Leute zu treffen, besucht die Familie, freut sich über die Beziehung zu anderen Menschen. Bei der Gelegenheit ist es in den Dörfern auch Tradition, dass man an diesem Tag nach möglichen Hochzeits-Partnern für die eigenen Kinder Ausschau hält. Wenn ein möglicher Kandidat/ eine mögliche Kandidatin gesichtet wird, setzen sich die Familien zusammen und treffen erste Arrangements. (In meinem nächsten Blogeintrag werde ich etwas genauer auf die Arranged Marriages und die Rolle der Frauen und Mädchen in Tamil Nadu eingehen, aber ich habe das Gefühl, dass dieser Beitrag jetzt schon lang genug wird 🙂 )
Eine weitere Tradition ist, dass am dritten Tag die junge Generation von Haus zu Haus geht und übersetzt so etwas wie „War euer Pongal gestern gut?“ oder „Habt ihr Pongal auch gut verbracht?“ fragt. Die alten Leute geben daraufhin den Jungen etwas Geld und wünschen „Pongal Valthukal“ (=Happy Pongal).

In diesem Sinne wünsche ich euch allen Happy Pongal und ein gesundes, frohes und erfolgreiches neues Jahr 2019! Vielen Dank für das Interesse und die Kommentare der vielen fleißigen Leser dieses Blogs und vielen Dank für die Spenden für Kuppaynallur! Bis bald!