Frohe Ostern!

Ein kurzer Gruß zur Osterzeit aus Kuppayanallur an alle fleißigen Leser:)

Lenten Season

Die Fastenzeit und vor allem die Karwoche haben mir mal wieder vor Augen geführt, wie intensiv der Glauben an diesem Ort gelebt wird. In der Fastenzeit ist es üblich, an Freitagen das Frühstück ausfallen zu lassen und nur leichte, einfache Speisen an diesem Tag zu essen. Jeden Freitag ist „Way of the cross“, also Kreuzweg, bei dem die 14 Stationen von Jesu Leidensweg verlesen werden, zusammen mit Interpretation und Gebeten.

Palmsunday

Am Palmsonntag durfte ich mit Sister Gaspar nach Ongur, wo im Good Samaritan Hostel zunächst die Weihung der Palmzweige war, bevor wir dann in einer Prozession zur Kirche gelaufen sind. Da es in Indien sehr viele Kokosnuss-Bäume und Palmen gibt, hatten wir tatsächlich RICHTIGE Palmzweige in der Hand, manche auch ganze Bündel, die sie von ihren eigenen Bäumen mitgebracht hatten. Der Gesang der Prozession wurde von Lautsprechern übertragen, die an einem Motorrad befestigt und an die zwei Mikrofone angeschlossen waren. Das ist so typisch Indien, dass ich schmunzeln musste. Insgesamt war der Ausblick auf so viele bunt gekleidete Menschen mit ihren Palmzweigen in der Luft sehr besonders und wunderschön. Da es für alle Dörfer an Festtagen nur einen großen Gottesdienst gemeinsam in der Parish Church Ongur gibt, waren sehr viele Leute da und auch vier Priester. So wurde die Passion nur von Priestern gelesen und am Ende gab es noch eine halbe Stunde Ansagen, wie und wo und wann im weiteren Verlauf der Woche die Gottesdienste ablaufen werden.

Maundy Thursday

Am Gründonnerstag wollten Manimala Miss und ich zur 18 Uhr-Messe, aber wir mussten noch auf die Kitchen-Amma (alle Köchinnen werden hier Amma, also Mutter, genannt) warten und dann musste Manimala unbedingt noch telefonieren, also sind wir erst um 6 Uhr losgelaufen nach Ongur. Der Weg dauert immer ca. eine halbe Stunde und ich war schon echt angespannt, weil ich zumindest beim Gottesdienst eigentlich gerne pünktlich wäre. Aber Manimala hat mich beruhigt, „Samira, it is Indian mass, don‘t worry it will start only at 7pm“… und natürlich hatte sie recht, wir waren um 6.30pm dort und haben noch eine halbe Stunde gewartet, bis genügend Leute da waren. Am Gründonnerstag waren auch gleichzeitig Wahlen in Indien, deshalb mussten wir noch auf Father Samy warten, der erst aus Madurai zurückkommen musste. Als dann alle da waren konnte es pünktlich um 7pm beginnen.
Für mich eine große Besonderheit: die Fußwaschung aus dem Evangelium wurde hier tatsächlich praktiziert in der Messe. Aus jedem Dorf durften drei ausgewählte Gemeindemitglieder auf einer Bank vorne Platz nehmen und die drei anwesenden Jesuiten haben sich ein Handtuch umgewickelt und los ging es. Die Füße wurden mit Wasser gewaschen und die Jesuiten haben anschließend auch noch jeden Fuß geküsst. In Indien gelten Füße als etwas sehr Schmutziges und die Füße von anderen Leuten zu berühren ist die größte Geste der Unterwerfung, die ich hier erfahren habe. Es war beeindruckend zu sehen, wie die Priester sich vor den Leuten hinknien und diese Fußwaschung mit einer solchen Hingabe begehen. Anschließend wurden Geschenke an die Auserwählten verteilt und sie wurden gesegnet. Danach sind alle Jesuiten durch die Reihe gegangen und haben sich selbst den Segen der Leute abgeholt. Die Frauen und Männer haben den Jesuiten die Hände aufgelegt und die Stirn geküsst, das habe ich so auch noch nie gesehen. Der Moment war so innig, besonders und magisch, es hat mich wirklich sehr berührt. Danach ging die Messe normal weiter und am Schluss wurden die geweihten Hostien wie bei uns in einer Prozession zum reich geschmückten Tabernakel in der kleinen Kirche gebracht. Die Gottesdienste der Karwoche finden aufgrund hoher Besucherzahl natürlich draußen statt.

Good Friday

Am Karfreitag ging der Kreuzweg diesmal pünktlich um drei Uhr los und viele waren zu meiner Überraschung in weiß gekleidet, während man in Deutschland an diesem Tag ja eher ausschließlich schwarze Kleidung sieht. Die 12. Station wurde bei drei Kreuzen verlesen, die in einer Ecke des Platzes aufgestellt worden waren.

Ansonsten wurde bei jeder Station ein Bild hochgehalten mit dem jeweiligen Ereignis. Ein großes Holzkreuz sowie zwei Kerzen und ein kleines Kreuz wurden auf dem Weg von Gemeindemitgliedern mitgenommen. Im Anschluss war die Messe und ich habe vor allem die Musik sehr genießen können, weil die Sängerinnen und Sänger wirklich talentiert waren. Die Passion wurde diesmal von Gemeindemitgliedern und Father Arul, dem Parish Priest, verlesen. Alle waren verkleidet, so hatte Pilatus beispielsweise eine rosane Papierkrone und einen grünen Mantel, Petrus ein rotes Gewand mit weißer Schärpe und Father Arul hat als Jesus einen purpurnen Mantel und eine Dornenkrone angelegt bekommen. Bei der Kreuzverehrung wurden drei Kreuze an verschiedenen Seiten um den Altar von jeweils einem Priester hochgehalten, denn es waren so viele Leute da, dass es mit einem einzigen Kreuz bestimmt zwei Stunden gedauert hätte. Jeder hat die Füße von Jesus geküsst oder sie mit den Fingerspitzen berührt und diese zum Mund geführt, deshalb wurde das Kreuz nach jeder Person mit einem Tuch abgewischt. Und es ist üblich, ein bisschen Geld in einer Schale neben dem Kreuz zu lassen, wenn man es verehrt hat.

Easter

Die Osternacht war genauso aufgebaut wie bei uns, erst wurde am Feuer die Osterkerze entzündet und das Licht an alle weitergegeben, die eine Kerze hatten, dann hat unser Schulleiter das Exsultet gesungen und es gab viele Lesungen.

Vor dem Evangelium wurde plötzlich dramatische, laute Musik gespielt und alle haben ihre Köpfe nach links gewandt, wo ein weißer Vorhang beiseite geschoben wurde und eine kleine Bühne mit Bäumchen und Blumen zum Vorschein kam. Eine Nebelmaschine wurde angeschaltet und aus einem Loch im Boden der Bühne kam eine Jesusstatue empor, deren Ankunft von einem kleinen Feuerwerk begleitet wurde. Danach ging der Gottesdienst weiter mit allem drum und dran. Heiligenanbetung, Wasserweihe, Tauferneuerung, das ganze hat von 11 Uhr bis um 3 Uhr morgens gedauert, weil auch noch Danksagungen und Verabschiedungen von einigen Jesuiten am Ende kamen. Dann wurden gekochte Eier und Kuchen an alle Leute verteilt und fröhliche, aber müde „Happy Easter“ Rufe schallten über den Platz.

In diesem Sinne wünsche ich allen ein gesegnetes Osterfest, genießt eure Ferien sofern ihr welche habt:)

Wie geht es weiter?

Ab dem 29.04. werde ich mit einer Volunteer-Freundin per Zug und Bus Indien erkunden. Der Mai ist der heißeste Monat, deshalb sind Ferien und alle schauen, dass sie in Bergregionen „flüchten“, so auch wir… Darjeeling, Varanasi, Agra, Bangalore und Kodaikanal sind unsere Ziele, auch wenn wir das Ende der Reise noch nicht ganz fertig geplant haben. Es bleibt also spannend bei uns, wir sind schon ganz aufgeregt!

Im Juni werde ich für einen Monat wieder nach Kuppayanallur zurückkehren, ich vermisse es jetzt schon und will meine Freunde, die Mädels und auch die Fathers wiedersehen, auf der Dachterrasse mit den Sternen einschlafen, lernen wie man Idlies macht, und so vieles mehr. Reisen ist spannend und wir sind privilegiert, so viele Orte besuchen zu dürfen, aber es ist auch gut zu wissen, dass man zu Hause wieder herzlich aufgenommen wird!

Schöne unruhige Zeiten

Endlich habe ich mal wieder Zeit gefunden, einen neuen Beitrag für euch zu schreiben, bitte verzeiht mir die lange Pause. Die letzten Wochen waren sehr stressig, ereignisreich, wunderschön und bereichernd, es ist so viel passiert. Jetzt, Ende März, beginnt die letzte Klausurenphase in diesem Schuljahr, das bedeutet (zumindest für mich) weniger Arbeit. Die älteren SchülerInnen schreiben gerade ihre „Public Exams“, das ist wie das Abitur, nur schreibt man es hier dreimal, einmal in der 10., einmal in der 11. und nochmal in der 12., natürlich mit jeweils unterschiedlichem Stoff. Schon sehr bald sind sie damit fertig und verlassen die Schule und das Hostel, am 10.April ist dann auch für die Kleineren alles vorbei und sie gehen in die Ferien. Ich werde sie unglaublich vermissen, ohne SchülerInnen ist der Campus leer und traurig still. Ich weiß nicht, wer und wie viele Mädels nächsten Juni ins Hostel zurückkehren, deshalb ist es für mich jetzt schon wie ein Abschied… Aber spulen wir nochmal ein paar Wochen zurück in den Februar, denn da war noch alles voller Leben und in Aktion!

Neue alte Bekannte

Anfang Februar kamen zwei ganz besondere Besucher in Kuppayanallur an: Teresa und Freund Sebastian. Teresa hat 2016/17 wie ich für ein Jahr im Gracy Illam Hostel gewohnt und wollte nun ihre Freunde und die Mädels besuchen. Es war ein freudiges Wiedersehen und für mich war es auch wirklich schön, sie persönlich kennenzulernen. Wir hatten eine tolle Woche gemeinsam und haben uns über so viele Dinge ausgetauscht! Wenn ich eines Tages hier her zurückkehre und genauso herzlich und freudig von allen empfangen werde wie sie, wäre ich sehr glücklich. Ihr Besuch hat mir nochmal deutlich vor Augen geführt, dass es auch ein Leben nach dem Einsatz gibt (ich bin hier wie in einer Blase, da kann das schon mal in den Hintergrund geraten), aber dass man selbst entscheiden kann, was und wie viel man mitnimmt aus diesem ganz besonderen Jahr.

ELT-Assembly

Während ihrem Besuch liefen auch die Vorbereitungen für die große ELT Assembly auf Hochtouren. Normalerweise habe ich eine Schulstunde pro Tag und ansonsten vormittags oder nachmittags frei. In den zwei Wochen vor der Assembly gab es aber so viel zu tun, dass ich nach dem kompletten Tag in der Schule und noch Gamestime, Evening Study und Night Study immer hundemüde ins Bett gefallen bin. Ich habe großen Respekt vor meiner Freundin Manimala Miss, die das jeden Tag ohne Pause durchzieht!
Bei der Assembly war ich verantwortlich für einen Sketch, den Prayer Song und einen „Western Dance“ (=einfach ein Tanz zu einem englischen Lied mit „westlichen“ Tanzschritten, aber auf keinen Fall darf es anzüglich sein…).
Den Sketch habe ich für ca. 20 SchülerInnen geschrieben und ich wollte Kinder aus allen drei ELT-Jahrgängen (6. bis 8. Klasse) dabei haben. Da es ein 15 min Theaterstück war, mussten wir sehr sehr viel proben, wir hatten ein einhalb Wochen Zeit. Da ich wirklich keine große Autoritätsperson bin, waren die meisten Proben sehr chaotisch, aber wir haben es gut über die Bühne gebracht und ich bin super stolz auf meine Kinder! Beim Prayer Song haben die Mädels leider in einer anderen Tonart angefangen (und sie bis zum Ende durchgezogen) als ich auf dem Klavier gespielt habe, aber was soll‘s. Kleinigkeiten wie diese gehören eben dazu in Kuppayanallur und ich habe gelernt, die Freude am Singen hinter den oft vielleicht etwas schiefen Tönen zu hören, wie es auch die anderen tun. Der Tanz zu „Can‘t stop the feeling“ wurde von mir und Manimala Miss gecoacht, aber weil sie den ganzen Tag im Office beschäftigt ist, habe ich in der Schulzeit mit meinen dürftigen Tanzkünsten alleine versucht, das Bestmögliche aus den Mädels rauszuholen. Erst zwei Tage vor der Assembly wurde entschieden, dass es überhaupt einen Tanz geben soll, deshalb mussten wir etwas schnelller vorankommen. Aber mit ein bisschen indischer Gelassenheit hat es doch super geklappt!

Probier‘s mal mit Gemütlichkeit

„Inder haben ein anderes Verständnis von Zeit, Pünktlichkeit ist ihnen eh egal“

Dieses Vorurteil ist mir viel begegnet, als ich mich auf meinen Einsatz vorbereitet und davon berichtet habe. Das Problem mit solch pauschalen und wertenden Aussagen ist, dass sie nicht in die Tiefe gehen und meist nur die negativen Seiten einer Sache beleuchten.
An der Loyola H.Sec.School wird, wie an jeder deutschen Schule auch, sehr auf Pünktlichkeit geachtet! Jeder, der zu spät kommt, muss einen Apology letter schreiben und womöglich vor dem Klassenzimmer statt drinnen sitzen. Wenn im Hostel die Study Bell klingelt, springen alle auf und wuseln durcheinander, zum einen wegen dem durchdringenden und unangenehm lauten „Drrrrrrr“ der Glocke, zum anderen, weil jedem bewusst ist was für schwerwiegende Konsequenzen Zu-Spät-Kommen haben kann.
Außerhalb des Schul- und Hostelalltags ist jedoch schon etwas von diesem angedeuteten „anderen Verständnis von Zeit“ zu spüren. Aber gar nicht unbedingt im negativen Sinne, es ist oft wirklich entspannt zu wissen, dass mein Gegenüber es mir kein Stück übel nimmt, wenn ich 10 Minuten später als verabredet auftauche. Es wird nicht mal erwartet, dass man um Punkt 6pm ankommt, wenn man sich für 18 Uhr verabredet hat. Das Leben ist viel weniger stressig wenn man nicht dauernd panisch auf die Uhr schauen muss. Ein dazu sehr passendes Bild ist entstanden, als mir irgendjemand in der Studytime einen rosa Smiley auf die Armbanduhr geklebt hat, sodass ich das Ziffernblatt nicht mehr sehen konnte. Erst war ich genervt und wollte den Sticker abmachen, dann dachte ich mir, genau so funktioniert Zeit hier! Warum ist es denn so wichtig, ob ich noch 10 oder 20 Minuten für etwas Zeit habe. So lange es mir dabei gut geht was ich mache, ist es doch viel schöner, von einem Smiley angelächelt zu werden, als ständig das ungnädige Ticken der Zeit vor Augen zu haben.

Inzwischen habe ich ihn wieder abgemacht:D

Und das Nicht-auf-die-Uhr-Schauen kann helfen, sich mehr Zeit für kleine Momente zu nehmen, vielleicht noch schnell jemandem ein Pflaster bringen oder eine Matheaufgabe erklären, obwohl man um 3 mit einer Freundin verabredet ist.
Versteht mich nicht falsch, ich bin bis heute kein unpünktlicher Mensch geworden und ich bemühe mich wie immer, Zeiten einzuhalten. Man sieht mich auch von Zeit zu Zeit über den Campus rennen, wenn ich das Gefühl habe, ich wäre zu spät dran. Außer mir rennt nie jemand und oft wird mir gesagt „Slow, slow, you will fall“.
Aber ich habe glaube ich trotzdem mehr Gelassenheit erlangt, z.B. falls es eben einmal nicht klappt, dass wir genau um 11:15 Uhr losfahren. In Deutschland entsteht nicht selten ein Streit wegen zu spätem Loskommens, hier wird erst gar kein Problem daraus gemacht. Ich will allerdings nicht leugnen, dass mein Inneres manchmal „Komm, ein bisschen schneller, schneller, schneller“ ruft, wenn ich mit Manimala irgendwo hingehe, und sie gemütlich noch ihre Haare fertig macht, dann gemächlich wie eine Königin die Treppen heruntergeht und nicht schneller als Schritttempo läuft. Meistens bin ich 5 Schritte voraus, bemerke, dass ich gerannt bin, renne wieder zurück, sage „sorry“ und denke „FASTER PLEASE!“, versuche mich ihrem Tempo anzupassen, renne wieder etc.

Eine kulinarische Überraschung

Mein Mentor Fr. Dominic kam Ende Februar mit zwei Gästen aus UK nach Kuppayanallur und wir haben darüber geredet, was ich denn so vermisse an Deutschland. Neben meinen Freunden und meiner Familie ist mir vor allem eines eingefallen: richtiges, deutsches, hartes, dunkles Brot! Bei uns in Kuppayanallur gibt es jeden Sonntag „Brot“ im Fatherhouse, es ist wie Milchbrötchen in Toastbrot-Form und schmeckt süß! Seit 7 Monaten haben meine Fathers mich schon gefragt: „Na aber was ist denn jetzt eigentlich deutsches Brot?“, so wirklich gut konnte ich es aber nicht erklären. Die Gäste und Dominic sind dann weiter nach Pondicherry gefahren am Morgen. Meine Überraschung war groß, als er am Nachmittag wieder auf der Matte stand, diesmal mit einer großen Tüte! Heraus ragten zwei Baguettes, doch ich dachte das wäre nur Einbildung… Aber nein, die drei sind in Pondicherry extra für mich auf die Suche gegangen und haben eine Französische Bäckerei gefunden! Sie haben gefühlt von allem etwas mitgebracht, es war eine Wundertüte der europäischen Backkunst! Vollkornbrot, Weißbrot, Körnerbrötchen, Baguette, Fladenbrot, ich war ganz aus dem Häuschen:) Ich liebe die tamilische Küche wirklich, es gibt keinen Ort wo mehr Liebe und Verstand im Essen steckt, aber nach 7 Monaten Brotentzug hat mir diese Tüte wirklich ein großes Lächeln geschenkt.

Eine kleine Auswahl aus meiner Brottüte

So viel Brot konnte ich natürlich nicht alleine essen und so haben wir zum Frühstück diesmal echtes Brot und Brötchen gegessen und an einem Abend hat Father Samy mit dem Fladenbrot in der Mikrowelle Pizza gemacht (wir haben keinen Ofen). Hähnchen, Zwiebeln, Würstchen, Sandwich-Käse, Tomaten und Koriander sind vielleicht kein typisch italienischer Belag, aber geschmeckt hat es trotzdem!

Kurze Ergänzung zu den Gästen aus UK: ich habe mich inzwischen komplett eingehört im indischen Englisch, mir wird sogar nachgesagt ich hätte selbst ein gutes Indian English drauf. Die zwei Damen aus UK habe ich dagegen nur mit wirklich hoher Konzentration verstehen können, häufig musste ich noch einmal nachfragen. Nach dem Abendessen mit ihnen saß ich noch mit Father Dominic und Father Samy zusammen und Dominic fragte mich ganz verzweifelt: „Samira, verstehst du die wenn sie reden?“. Ich habe ehrlich zugegeben: „Nee, das ist so schwer!“, woraufhin er einen mitleiderregenden Blick aufgesetzt hat und mir erzählte, dass er eine GANZE Woche mit den Beiden unterwegs ist und meistens keine Ahnung hat, was sie ihm erzählen:D

Eine Auszeit zum Austausch

Im Rahmen des Freiwilligeneinsatzes ist es Pflicht, ein Zwischenseminar im Einsatzland zu besuchen. Mein Zwischenseminar fand Ende Februar in Trichy statt, einer Stadt in Tamil Nadu. Meine Anreise war also relativ kurz, während andere aus dem Norden mehr als 2 Tage mit dem Zug dorthin gebraucht haben. Wir waren eine Gruppe von 23 Volunteers aus Deutschland, die alle für ein Jahr in Indien im Einsatz sind. Geleitet wurde das Seminar von drei TeamerInnen, die extra für uns aus Deutschland eingeflogen sind. Wir hatten eine intensive Woche zusammen, in der wir sehr viel geredet haben. Es tat so gut sich mit anderen auszutauschen, die in der gleichen Situation sind wie man selbst und wir haben die Zeit gut genutzt. Wir haben gegenseitig unsere Projekte kennengelernt und uns über Probleme aber auch schöne Erfahrungen unterhalten. Es gab so viel Raum für Gespräche, dass wirklich jeder seine ganz persönliche Situation erläutern konnte. An zwei Tagen haben wir auch ein bisschen Sight Seeing gemacht und zwei Tempel in Trichy (einer war auf einem großen Felsen mitten in der Stadt mit tollem Ausblick) sowie den Thanjavur Tempel und Velankanni besucht. Velankanni wurde mir schon von sehr vielen hier empfohlen, es ist ein Marienwallfahrtsort, dem viele Wunder im Zusammenhang mit Mother Mary nachgesagt werden. Es gab beispielsweise eine Flut und die einzigen Überlebenden waren die, die Zuflucht in der Basilika gefunden hatten. Oder ein Schiff mit portugiesischen Kolonialisten, das in Seenot war, soll in der Nähe des Strandes in Velankanni nach einer Erscheinung von Mother Mary gerettet worden sein.

Ich bin sehr dankbar für dieses schöne Seminar und die Gemeinschaft mit den anderen Freiwilligen. Es war wie eine kurze Pause zum Durchschnaufen und den-Kopf-frei-machen.

Da meine JV-Betreuerin Sarah das Seminar in Indien mitgeleitet hat, hat sie danach noch mein Projekt und auch die Einsatzstellen in Darjeeling und Kalimpong besucht. Zwei Tage lang waren wir beide direkt im Anschluss an das Seminar mit Fr. Dominic auf Erkundungstour in Tamil Nadu, er hatte wirklich viel vor mit uns. Wir sind nach Mahabalipuram, Kuppayanallur, Acharapakkam(Schrein bei dem ganz viele Wunder passiert sein sollen), Pondicherry, Vettavalam und Ranipet gefahren, dann wurde ich wieder in Kupp. abgesetzt und Sarah ist mit Fr. Dominic nach Chennai. Es waren sehr ereignisreiche und schöne Tage, natürlich habe ich mich aber auch wieder auf mein eigenes Bett und meine Kuppayanallur-Familie gefreut, die ich in den 12 Tagen sehr vermisst habe!

Home is where your heart is

Mitte März kam schon wieder Besuch für mich, meine Eltern und Edith (aus St.Josef) haben die lange Reise nach Indien angetreten, um mein zweites Zuhause und diese ganz besondere Kultur kennenzulernen. Ich habe mich total gefreut sie zu sehen und ihnen alles zeigen zu können! Sie wurden auch schon sehnlichst erwartet, zwei Tage vor ihrer Ankunft fing es an, dass ich ununterbrochen von allen Mädels gefragt wurde, ob meine Eltern denn schon da wären. Ihr Ton wurde immer vorwurfsvoller, als würde ich meine Eltern in meinem Zimmer vor ihnen verstecken oder so:) Hunderte „My guests come on Friday iravu (=Nacht)“ später war dann endlich wirklich Freitag Abend und nach dem Kreuzweg, der in der Fastenzeit jeden Freitag stattfindet, saß ich beim Abendessen wie auf heißen Kohlen. Es gab „Kanchi“, was eigentlich nur Reis mit Wasser ist, aber Freitag ist immer „Fastentag“ und es gibt einfaches Essen (schmeckt trotzdem super). Die Jesuiten wollten meinen Gästen für ihr erstes Abendessen in Kuppayanallur aber doch etwas anderes als Wasserreis bieten, also wurden extra noch Nudeln und Dosai gemacht!
Vier Tage waren meine Eltern und Edith bei mir in Kuppayanallur, haben die Schule und das Hostel gesehen, Lehrerinnen, Mädels und die Jesuiten kennengelernt und sind mit mir nach Ongur, Uthiramerur und Kanchipuram gegangen.
Danach sind wir noch zusammen in Chennai gewesen für 3 Tage, bevor sie von dort wieder abgeflogen sind. Danke für euren Besuch ihr drei, es war wunderschön euch wieder zu sehen und in die Arme schließen zu können! Meine zwei „Zuhauses“ waren für eine kurze Zeit wie vereint…

Wir hatten ein nettes Abendessen mit Father Dominic 🙂

Alltags-Anektdoten aus dem Gracy Hostel

Auch wenn so viele „außergewöhnliche“ Dinge passiert sind in letzter Zeit, geht das Leben im Hostel doch trotzdem Tag für Tag seinen normalen Lauf. Aber jeden, und zwar wirklich jeden, Tag gibt es Momente, die mir in Erinnerung bleiben, die mich zum Lachen oder zum Weinen bringen, die wertvoll sind. Eines Tages im Februar haben die Kleinen (6. -8.) im Hostel z.B. beschlossen: uns ist die Dutytime zu langweilig, jeder fegt täglich sein eigenes Stück Boden wie vorher aufgeteilt, aber es geht doch auch anders! Die Aufregung war groß, als Nishanti mit einer neuen Idee ankam: joined duty, das heißt alle schließen sich zusammen und die große Gruppe fegt den gesamten Vorplatz gemeinsam. Das macht mehr Spaß und ist auch viel schneller, die Duty dauert jetzt 10 min, während sich vorher die letzten manchmal eine halbe Stunde gequält haben! In einem Kaufhaus habe ich neulich einen Satz gelesen, der schön zusammenfasst, was die Mädels an jenem Februartag gelernt haben: „None of us is as strong as all of us“, keiner von uns ist so stark wie wir alle zusammen.

In der Studytime bin ich jetzt vor allem für die 6.Klässlerinnen zuständig, was sehr chaotisch ist weil sie wirklich alles tun außer lernen… ich muss oft streng sein und sie auseinander setzen, weil sie ziemlich laut sein können, aber das Problem ist, dass ich gleichzeitig eigentlich auch lachen muss. Die Methoden, wie man unbemerkt Snacks von der Schultasche in den Mund befördert, sind zahlreich und sehr ausgereift, aber ich erwische sie trotzdem meistens! Oft macht irgendjemand ein Pupsgeräusch nach und eine fängt an zu kichern, daraufhin prusten auch die anderen los. Manchmal sprechen sie sich ab und fangen alle gleichzeitig an zu weinen, natürlich nur gespielt, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen, dass ich sie zum lernen ermahne. Aber nicht mit mir, kleine Kinder sind oft wirklich leicht zu durchschauen. Meistens reicht es schon, wenn ich eine Grimasse ziehe, und die Maske aus Tränen fällt in sich zusammen und wird zu einem Grinsen. Haha, ertappt!

Die Klausur, die am meisten Angst und Schrecken verbreitet, ist Mathe. Die Kleinen wollen ständig Mal und Geteilt rechnen üben und ich soll ihnen Übungsaufgaben stellen. Also kombiniere ich munter Zahlen und gebe immer vier Rechnungen auf einmal. Meine jüngste Hostelschwester hat ein ganz lustiges Problem beim Mal-Rechnen: sobald eine 1 vorkommt, gerät bei ihr alles durcheinander. Während eigentlich für jeden die Regel 1×1=1; 1×2=2; 1×3=3 etc. offensichtlich und einfach ist, schaut sie mich immer verzweifelt an, wenn ich ihr eine Rechnung mit einer 1 gebe und ruft: „Nooo Miss, no 1 please, this is collapsing, pleeeeaase“. Wenn ich dann sage, sie müsse dann eben genau das üben, vergräbt sie das Gesicht in den Händen und zieht mit ihren Matheaufgaben von dannen.

Heiß, heißer, Mai

Der indische Sommer geht von März bis Mai, wobei Mai der heißeste Monat sein soll. Schon seit ich angekommen bin, wurde ich vor dem Monat gewarnt, ich würde mich wie ein „fried fish“ fühlen. Aber schon seit Ende Januar wird es immer wärmer, das Wasser aus der Leitung ist tagsüber immer lauwarm bis warm und ohne Ventilator will ich auch nicht mehr schlafen. Was für ein Glück, dass genau in diesen warmen Monaten die Wassermelonen reif sind! An jeder Straßenecke findet man inzwischen stapelweise die großen grünen Bälle, die so viel Erfrischung versprechen… Früchte sind einfach etwas Tolles, ich freue mich schon, wenn sehr bald die Mango-Saison wieder anfängt. Im Moment sind die Mangos noch sehr klein…

Was gerade auch gut wächst ist der Reis. Junger Reis ist tiefgrün und die Felder sehen aus wie aus dem Bilderbuch! Wenn er älter wird, färbt sich die Pflanze gold-orange und lässt den Kopf mit den schweren Früchten hängen. Dann ist der Reis fertig zur Ernte, am 29.03. war es soweit! Wegen unseren Reisfeldern mussten wir auch Wasser sparen auf dem Campus, denn Reisanbau braucht viel davon. Da es seit Dezember nicht mehr geregnet hat, sinkt der Wasserspiegel unseres ponds rapide, aber jetzt wurde der Reis geerntet und es wird hoffentlich wieder besser.
Die Reisernte wurde mit einer Maschine gemacht, die nur 3 Stunden für die drei Felder benötigt hat. Wäre es von Hand geschehen, hätten unsere Farmer mindestens 4 Tage gearbeitet… Nach der Ernte schauen die Felder jetzt etwas gerupft aus und nicht mehr so schön, aber sie haben uns 3-4 volle Wagenladungen mit Reis geschenkt.

So, ich mach dann auch mal wieder Schluss für heute! Auf den nächsten Beitrag müsst ihr hoffentlich nicht wieder so lange warten, ich plane schon… Bis bald, danke, dass ihr am Ball bleibt!

Von Volunteers, Bergen und Kühen

So, jetzt ist es soweit. Seit etwas mehr als einer Woche ist die Hälfte meines Einsatzes in Indien vorbei. In mir ist ein Chaos der Gefühle, das ich noch nicht so ganz ordnen kann, denn einerseits war ich schon so lange nicht mehr zu Hause und ich vermisse meine Familie und Freunde! Nürnberg und vor allem richtiges Brot vermisse ich auch. Aber andererseits kann ich mir nicht vorstellen, diesen Ort hier schon im Juni verlassen zu müssen. Ich würde so gerne noch länger in Indien bleiben und meinen Mädchen beim Aufwachsen zusehen, sehen, was die Zukunft für sie bringt! Und Dinge wie die vielen Farben, die Früchte, die Herzlichkeit, die Spontanität, die Spiritualität von Indien, das Grün um mich herum, das alles möchte ich nicht nach einem Jahr schon wieder verlieren. Die Vergänglichkeit des Augenblicks wird mir immer öfter bewusst, aber ich versuche, das nicht schon jetzt so nah an mich heran zu lassen. Schließlich sind immer noch 5 ½ Monate übrig, während ich das hier schreibe…

Jetzt könnt ihr aber erst einmal über meine letzten Wochen lesen, die sehr ereignisreich waren!

New Year in Vettavalam

Über Neujahr bin ich nicht nach Chennai gereist, sondern durfte bei den Jesuiten im Loyola College Vettavalam (weiter südlich) bleiben. Ich habe die Kommunität dort über die Ferien gut kennengelernt und viele der Fathers und Brothers sehr ins Herz geschlossen. Sie haben alles getan, um mir schöne Ferien zu bereiten. Jeden Tag sind sie mit mir rausgefahren und sie haben mir täglich Schokolade mitgebracht, was gar nicht nötig gewesen wäre (ich habe mich ein bisschen wie die Enkelin gefühlt, die sie nie haben würden und der man eben gerne eine Freude macht)! Über Neujahr sollte ich eigentlich mit meinem Mentor Father Dominic zur Messe in eines der Dörfer gehen, wo es ein großes Fest geben würde und eine lange Feier bis in den Morgen. Aber die Kupplung seines Autos hat genau auf dem Weg nach Vettavalam, wo er mich abholen wollte, den Geist aufgegeben und er saß deshalb erst mal am Straßenrand fest. Also bin ich über Silvester in der Kommunität der Vettavalam-Jesuiten geblieben. Ich war schon sehr traurig, dass mir das große Fest jetzt (wie schon an Weihnachten) wieder entgehen würde, aber was solls. Die Christen in Tamil Nadu feiern über den Jahreswechsel einen Gottesdienst, genau um Mitternacht soll das Gloria gesungen werden. Wir hatten uns für 11.45 pm in der Hauskapelle verabredet, im Fatherhouse geblieben sind zwei Fathers, ein sehr alter Brother und ich. Um 11.50 pm waren die zwei Fathers und ich in der Kapelle, nur der Brother hat noch gefehlt. Er hatte zuvor ein wenig geschlafen, war aber eigentlich um 11.15 pm aufgeweckt worden, um sich bereit zu machen. Um 11.55pm war er immer noch nicht da, also haben wir ohne ihn angefangen. Zu dritt hatten wir einen ganz netten Gottesdienst, bei dem nur die Fathers gesungen haben, weil ich die tamilischen Lieder noch nicht so schnell mitlesen kann… Um 12:30 pm waren wir fertig, gerade als wir die Treppe heruntergegangen sind, kommt uns der Brother entgegen, ganz verwirrt, warum wir denn schon fertig sind. Es stellte sich heraus, dass er den Weckruf nicht gehört hatte, weil er schon etwas schwerhörig ist (dabei hat Father Alton mindestens 10 Minuten lang an seine Tür gehämmert und gerufen, das war echt lustig!). Dann ist er später von alleine aufgewacht, doch seine Armbanduhr ist genau um 11.15 pm stehengeblieben, weshalb er die ganze Zeit dachte, er hätte noch viel Zeit übrig:D Wir haben so viel zusammen gelacht über diesen Zufall, während wir zur Feier des neuen Jahres Pudding-Kuchen verspeist haben. Der war eine Spezialität des alten Brothers, er hatte den ganzen Tag in der Küche verbracht, um diesen Kuchen vorzubereiten.

Am nächsten Tag ist Father Dominic angekommen und hat mich mit in sein Heimatdorf genommen. Dort haben wir seine Familie besucht, Biriyani gegessen und sind dann wieder zurück nach Vettavalam. Da sein Auto noch in der Werkstatt war und an Neujahr niemand arbeitet, habe ich in Kuppayanallur Bescheid gegeben, dass ich wohl doch nicht am 02.Januar zurück sein würde, wenn die Schule wieder anfängt. Wir mussten länger warten als gedacht, und so hatte ich noch die Gelegenheit, bei einer Kirchweihfeier in Vettavalam dabei zu sein. Die Gemeinde der Mother Mary Church im Dorf pilgert mit einer Marienstatue zu diesem Anlass stets auf einen Berg in der Nähe, wo ein Schrein des Hl. Josefs ist. Dort steht eine berühmte Statue des schlafenden Josef, die mit der Marienstatue „vereint“ wurde. Auf dem Berg fand eine 4-stündige Messe statt! Vor, während und nach dem Gottesdienst wurden immer wieder von einem Priester Intentionen vorgelesen. Viele Menschen hatten 100 oder mehr Rupees bezahlt, damit ihr Name und ihr Herkunftsort bei der Feier verlesen wird. Mir tat der Priester wirklich leid, weil gefühlt jeder der Versammelten mitsamt seiner Familienmitglieder erwähnt werden wollte, weshalb gegen Ende sein Sprechtempo immer schneller wurde. Der Priester mit der Predigt war so in Fahrt, dass er fast eine Stunde geredet hat, und schließlich hat der Parish Priest ihn freundlich unterbrochen, damit die Gemeinde nicht verhungert. Tatsächlich hatten wir noch nichts gefrühstückt, um 11 habe ich dann endlich ein paar Poori bekommen (Biriyani gab es für die Gottesdienstbesucher, aber ich sollte mit den Fathers essen). Der Ausblick von dieser Kirche auf dem Berg war wirklich beeindruckend und es war schön, früh am Morgen bei einer kühlen Brise über die Landschaft zu schauen.

Neue Gesichter in Kuppayanallur

Von Vettavalam bin ich dann nicht wieder direkt zurück nach Kuppayanallur, sondern bin noch für zwei Nächte mit nach Chennai gekommen (inzwischen war es schon der vierte Tag nach Schulanfang). Der Grund: ich habe zum ersten Mal Besuch bekommen! Sophie und Lydia, zwei Jesuit Volunteers, die für ein Jahr im Norden von Indien im Einsatz sind, haben ihre Winterferien genutzt, um ein bisschen den Süden zu erkunden. Nach einer sehr langen Reise kamen sie erschöpft in Chennai an und ich habe sie vom Bahnhof abgeholt, wo eine schöne gemeinsame Woche begonnen hat! Mit ihnen bin ich dann endlich zurück in meine zweite Heimat Kuppayanallur gekommen, ich habe meine Mädels soooo sehr vermisst in den Ferien. Nach zwei Wochen konnte ich sie endlich wieder in die Arme schließen und mir ihre aufgeregten (und ein wenig vorwurfsvollen) Erzählungen anhören, wie schrecklich diese eine Woche ohne Samira Miss im Hostel doch gewesen sei. Die Ferien waren sehr schön, aber ich war einfach nur glücklich daheim zu sein!

Lydia und Sophie waren sehr neugierig auf die Früchte im Süden und so haben wir viele Chancen ergriffen, um Granatäpfel, Ananas, Orangen, Bananen, Kokusnüsse etc. zu genießen. Außerdem haben wir die Sonne auf der Dachterrasse ausgenutzt, denn vor allem bei Lydia in Darjeeling gibt es zur Zeit nicht viel davon. Es war einfach schön, Zeit zusammen zu verbringen und sich über so viele Dinge austauschen zu können! Das habe ich nach 6 Monaten ohne Mitfreiwillige(n) sehr genossen.

Meine Kuppayanallur Fathers hatten am Sonntag die Idee, dass wir Volunteers zu dritt ein Nachmittagsprogramm für die kleineren Hostelmädels veranstalten könnten. So umringten uns ein wenig später 20 mehr oder weniger motivierte Kinder, mit denen wir gesungen und getanzt haben. Lydia Miss, Sophie Miss und Samira Miss wurden sehr von den Mädels in Anspruch genommen! Als wir ein tamilisches Lied angemacht haben, sind sie völlig ausgerastet, haben wild getanzt und gelacht und waren einfach ausgelassen. So gerne ich ihnen mehr davon ermöglicht hätte, wusste ich doch, dass wir nach 3-4 Liedern lieber aufhören sollten. Wenn die Sister oder die Fathers dieses Chaos mitbekämen, würde es vermutlich Ärger geben…

Da eine Woche nach unserer Ankunft in Kuppayanallur bereits der Hostel Day stattgefunden hat, war die ganze Woche sehr vollgestopft mit Proben und ich hatte vor allem abends leider nur wenig Zeit. Aber wir haben zu dritt das beste daraus gemacht und am letzten Tag sind wir sogar noch auf einen Kurzbesuch nach Mamallapuram gefahren, einer Stadt mit wunderschönen Tempeln und Meer. Ich hatte nur eine Stunde dort Zeit, weil am Abend die erste Generalprobe für den Hostel Day stattfand, aber für einen Felsentempel und einen Blick auf das Meer hat es gereicht!

Danke für die schöne Zeit, Sophie und Lydia, ich hoffe ich schaffe in den Sommerferien einen Gegenbesuch!:)

Wenn ihr wollt könnt ihr gerne auch mal auf den Blogs von Lydia und Sophie vorbeischauen, ich schreibe euch hier die Internetadressen auf:
Sophie: www.dasfernelied.wordpress.com
Lydia: www.lebenindarjeeling.wordpress.com

Ihre Projekte sind sehr besondere Orte: Sophie ist an der Gandhi Ashram School in Kalimpong, einer Schule für Musik, wo die Kinder verschiedene Instrumente lernen können und sie nebenbei noch eine sehr gute Bildung bekommen. Lydia arbeitet bei der Hayden Hall in Darjeeling im Kindergarten und Evening Study Centre. Die Einrichtung richtet sich an mittellose Frauen und Kinder, um ihnen zu einem menschenwürdigeren Leben zu verhelfen.

Berge, Früchte und (k)ein Tempel…

Am Tag vor dem Hostel Day fand der alljährliche Lehrerausflug statt, auf den ich spontan noch mit durfte. Da hatte ich wirklich Glück, denn es ging in die Berge zu einer Stadt namens Tiruvannamalai. Um aber zu dieser Stadt in den Bergen zu gelangen, mussten wir erst zahllose Serpentinen und S-Kurven auf uns nehmen, die unser Busfahrer in einer waghalsigen Geschwindigkeit gemeistert hat. Kurz bevor die Serpentinen begannen, hat Father Samy eine Wunderwaffe gegen Übelkeit hervorgezaubert: kleine Limonen! Wenn man immer mal wieder an der Schale riecht und den Zitronengeruch einatmet, vergeht die Übelkeit wie im Nu. Bei mir hat es wirklich gut funktioniert, normalerweise bin ich nämlich nicht sehr Serpentinen-fest…

Je höher wir kamen, desto schöner wurde der Ausblick auf Wälder, Täler, Felder und den tiefblauen Himmel. In den Bergregionen Tamil Nadus wachsen sehr viele Jackfruit-Trees. Ich hatte vor Indien noch nie davon gehört, aber die Früchte sind hier sehr bekannt und beliebt. Teuer sind sie außerdem, vor allem jetzt, weil die Saison dafür eigentlich vorbei ist. Zum ersten Mal habe ich auch einen echten Feigenbaum gesehen!

Unser Ziel war ein kleiner Wasserfall, zu dem wir gewandert sind. Da es dieses Jahr nur wenig geregnet hat im Vergleich zu anderen Jahren, führt er nur wenig Wasser im Moment, aber allein die Aussicht war den Weg auf jeden Fall wert.

Der weitere Tagesplan wurde spontan umgekrempelt. So haben wir das Tretboot-Fahren auf dem kleinen See in der Nähe ausfallen lassen und sind stattdessen nach Vellore zum „Goldenen Tempel“ gefahren. Ich war total aufgeregt, weil sich endlich die Chance bot, einen großen Hindu-Tempel, der noch dazu sehr bekannt ist, zu besichtigen. Da die meisten der LehrerInnen Christen sind, würde es auch für sie das erste Mal in einem Tempel sein. Die gesamte Anlage des Tempels ist in einer Sternform angelegt und für die Innenausstattung wurden aus dem Ausland mehrere Tonnen Gold gespendet. Aufgeregt machten wir uns bereit, Schuhe und Handys/Kameras blieben im Bus, weil sie im Inneren nicht erlaubt sind. Um hineinzukommen mussten wir durch vergitterte Gänge laufen und uns beim „Checkpoint Ladies“ anstellen, wo es eine Art Sicherheitskontrolle gab. Die Männer wurden in diesen Gängen von den Frauen getrennt und ich habe mich beim Laufen ein bisschen so gefühlt, als würden wir ein Hochsicherheitsgefängnis betreten wollen. Die Warteschlange bei den Frauen war um einiges länger als die der Männer, und so sind die Lehrer schnell hineingekommen, währen die Lehrerinnen fast eine Stunde nur vor dem Checkpoint gewartet haben. Man wurde dort in allen möglichen Sprachen Indiens angesprochen oder beschimpft, wenn von hinten zu sehr geschoben wurde. Wir wurden immer nervöser, weil wir insgesamt nur 2 h Zeit hatten. Als wir endlich den Checkpoint passiert hatten, haben mich die anderen Lehrerinnen zu einer Absperrung gelotst, durch die wir von einem Sicherheitsbeamten geschoben wurden. Erst dachte ich: „Super, sie haben eine Abkürzung gefunden und wir kommen schneller rein“. Aber bald wurde mir klar, dass wir nicht rein, sondern wieder hinaus gingen. Sie erklärten mir, dass es hinter dem Checkpoint nochmal Waiting Boxes gibt, wo die Wartezeit für Frauen zu dem Zeitpunkt mehr als 4 Stunden betrug. Also würden wir den Tempel wohl doch nicht sehen können. Ich war wie betäubt vor Enttäuschung, weil wir so nah waren aber uns diese Chance nun entgehen würde. Stattdessen haben wir uns dann zu den Straßen von Vellore durchgekämpft und gemacht, was die meisten Frauen nach einer Enttäuschung eben gerne tun: Shoppen:)
Auf der Rückfahrt im Bus wurde ein tamilischer Film gezeigt, der ganz nett anfing aber immer düsterer und gruseliger wurde. Der Psychopath, der Schulmädchen im gleichen Alter wie unsere Hostelmädchen auf brutalste Weise ermordet hat, war wirklich nicht das richtige für eine Nachtfahrt in einem Bus ohne Innenbeleuchtung. Manimala (meine Freundin und Hostelkollegin) und ich haben uns irgendwann nur noch mit unseren Schals die Augen zugehalten, weil wir sonst alle 2 Minuten aufgeschrien hätten… Wir haben uns echt gefragt, wie wir jetzt noch alleine in unseren Zimmern im Hostel schlafen sollten, denn wir kamen erst um Mitternacht zurück nach Hause. Vor allem die Filmmusik wollte mir nicht mehr aus dem Kopf! Und so habe ich für eine Nacht das zweite Bett in Manimalas Zimmer in Beschlag genommen und wir haben uns gegenseitig vor Christopher, dem psychotischen Mörder, beschützt:)

Hostel Day

Wie schon vorher angekündigt fand Mitte Januar endlich der lang ersehnte Hostel Day statt, für den wir im November bereits Wettbewerbe und Aktionen veranstaltet hatten. Boys und Girls Hostel haben an diesem Tag zusammen mit den Eltern und LehrerInnen gefeiert. Ich war für einen Englischen Sketch verantwortlich, den ich die ganze Woche über mit 5 Schülerinnen der 6.-8. Klasse geprobt hatte. Es gab ein sehr buntes Programm mit zwei Theaterstücken, vier Tänzen, einer Diskussionsrunde, Festreden, Panthomime, Stand-up-Comedy, drei Musik/Percussion- Beiträgen und Preisverleihungen. Jeder hat sich für diesen Tag in Schale geworfen und ich habe einen Sari von Manimala getragen. Mein Zimmer wurde an diesem Morgen zur Sicherheitsnadel-Börse (in weiser Voraussicht hatte ich vorher noch ein neues Päckchen gekauft), zur Umkleide und zur Schmink-Zentrale, denn ich habe den einzigen Spiegel, bei dem man den ganzen Körper sehen kann. Vor lauter Proben, Sari-Anziehen und Mädels für ihre schönen Saris zu loben, hatten wir Lehrerinnen kaum Zeit zum Frühstücken.

Mit einer Stunde Verspätung (weil die Ehrengäste noch nicht da waren) haben wir mit dem Programm um 10:30 Uhr begonnen. Die Sister stand die ganze Zeit draußen im Gang, denn es gab dort einen Aufgang zur Bühne und alle haben sich in diesem Gang fertig für den Auftritt gemacht. Aufgabe der Sister war es, Jungs und Mädchen voneinander fernzuhalten und sie am Reden mit dem jeweils anderen Geschlecht zu hindern. Das mag in unseren Deutschen Ohren vielleicht lächerlich und hart klingen, aber es wird von den Eltern auf die Schule großer Druck ausgeübt, die Geschlechter getrennt zu halten. Bis zwei Uhr lief das Programm, ohne Pause aber mit viel Spaß!
Ich lasse einfach mal die Bilder für sich sprechen, die Stimmung am Hostel Day war jedenfalls so ausgelassen und fröhlich wie schon lange nicht mehr!

Ich brauche glaube ich nicht zu erwähnen, wie viele verborgene Talente in den Kindern schlummern, die nur darauf warteten ans Licht gebracht zu werden. Dreimal dürft ihr raten, was es im Anschluss an die Feier zum Essen gab: Richtig, Biriyani! Sogar Eis wurde für alle verteilt, ein einmaliger Genuss für die Hostelkinder. Danach konnten alle mit ihren Eltern nach Hause gehen, denn die Pongal Ferien waren direkt im Anschluss. Nur 5 Mädchen sind über die Ferien im Hostel geblieben, weil sie sehr weit weg wohnen und es sich für sie nicht gelohnt hätte, nach Hause zu gehen.

Pongal Valthukal!

Im Januar wird in Indien „Pongal“ gefeiert, und zwar an drei aufeinanderfolgenden Tagen. Es ist von der Idee her vergleichbar mit dem deutschen Erntedank, aber viel viel größer. Zuerst dachte ich, es wäre ein hinduistisches Fest, aber es wird von allen Religionen gefeiert, es ist ein indisches Fest.
Am ersten Tag betet man zur Sonne und dankt der Natur für alles, was sie für uns tut. Vor allem die Bauern danken für ihre Ernte und es werden überall Kolam-Kunstwerke vor den Häusern auf den Boden gemalt. Ich war an diesem Sonnen-Pongal für einen Nachmittag in Uthiramerur und ich bin an fast jedem Hauseingang stehen geblieben, um die farbenfrohen Blumenmuster zu bestaunen! An Pongal gibt es traditionellerweise eine Süßspeise mit dem gleichen Namen („Pongal“:D), außerdem wird Sugarcane gegessen. Bei dieser Pflanze braucht man gute Zähne, weil sie wie ein Ast aussieht und eine harte „Rinde“ besitzt, aber allein mit Kieferkraft geschält werden muss. Dann kann man auf dem „Fleisch“ herumkauen und den Saft genießen (aber man darf danach ca. 1 h lang kein Wasser mehr trinken, weil es sonst im Mund brennt). Angeblich ist der Saft gut für die Zähne, auch wenn es sugarcane heißt…

Am zweiten Tag wird Cow-Pongal gefeiert, es werden alle Hilfsmittel für die Landwirtschaft geehrt und vor allem die Tiere schön geschmückt und gesegnet. Manimala, die verbliebenen 5 Hostelmädchen und ich haben die Chance erhalten, mit Father Samy in die Villages zu fahren und bei der Segnung der Kühe und Bullen dabei zu sein. Ich war so glücklich (vor allem auch für die Mädels), dass wir mal aus dem Hostel herauskommen und bei so einem wichtigen kulturellen Ereignis live dabei sein können.

Die Hörner der Kühe wurden bunt angemalt, wenn man politische Treue zeigen wollte auch manchmal in den Farben der jeweiligen Partei. Außerdem wurden Gras-Girlanden am Kopf der Tiere befestigt, was ich ziemlich gemein fand. Stellt euch vor ihr müsstet den ganzen Tag mit leckerem Essen herumlaufen, das euch von den Ohren baumelt, aber hinein beißen dürft ihr nicht. Die Luftballons, die an die Hörner gebunden wurden, haben das ganze Fest sehr bunt und auch laut gestaltet. Denn sobald sich zwei Kühe zu nahe gekommen sind, hat das Horn der einen Kuh die Ballons der Nachbarkuh mit einem lauten Knall zum Platzen gebracht. Natürlich waren nicht nur die Kühe schön hergerichtet, sondern auch die Dorfbewohner selbst. In Tamil Nadu gehören Blumen in den Haaren der Frauen genauso zu besonderen Festtagen dazu, wie gutes Essen oder schöne Kleidung. Wir aus dem Hostel hatten natürlich keine Zeit, um uns Jasmin-Ketten zu besorgen… Im letzten der drei Dörfer kam beim Warten auf die Ankunft aller Kühe ein kleines Mädchen in einem grün-blauen Kleidchen zu mir, nicht älter als 3 Jahre, und sie hat ganz verwirrt auf mein Haar gezeigt und „Poo enge?!?“ gesagt, was „Wo sind die Blumen?“ bedeutet. „Poo ille“ musste ich ihr leider antworten, „Keine Blumen“. Fachmännisch hat sie sich kurzerhand ihre eigene kleine Blumenkette aus dem Haar gerupft und sie mir mit einer Haarnadel angesteckt. Ihr Blick hat so viel gesagt wie: „Na so geht das aber nicht, heute ist doch Pongal, da braucht man Blumen!“. Ohne ein weiteres Wort ist sie wieder davon getapst zu ihrer großen Schwester. Ich war sehr gerührt und habe ihr „Nandri Papa!“ (~Danke meine Kleine) nachgerufen. Statt sich über ihre eigenen Blumen zu freuen, hat sie ohne zu Zögern darauf verzichtet, um mich für Pongal schick zu machen.

Anschließend gab es wieder sweet-Pongal und auch Tee. Auf der Rückfahrt waren wir alle ganz euphorisch, weil wir wirklich Pongal gefeiert hatten, und nicht wie gedacht den ganzen Tag im Hostel bleiben mussten!

Der dritte Tag des Pongal Festes ist ein Tag der Gemeinschaft, man geht aus dem Haus um Leute zu treffen, besucht die Familie, freut sich über die Beziehung zu anderen Menschen. Bei der Gelegenheit ist es in den Dörfern auch Tradition, dass man an diesem Tag nach möglichen Hochzeits-Partnern für die eigenen Kinder Ausschau hält. Wenn ein möglicher Kandidat/ eine mögliche Kandidatin gesichtet wird, setzen sich die Familien zusammen und treffen erste Arrangements. (In meinem nächsten Blogeintrag werde ich etwas genauer auf die Arranged Marriages und die Rolle der Frauen und Mädchen in Tamil Nadu eingehen, aber ich habe das Gefühl, dass dieser Beitrag jetzt schon lang genug wird 🙂 )
Eine weitere Tradition ist, dass am dritten Tag die junge Generation von Haus zu Haus geht und übersetzt so etwas wie „War euer Pongal gestern gut?“ oder „Habt ihr Pongal auch gut verbracht?“ fragt. Die alten Leute geben daraufhin den Jungen etwas Geld und wünschen „Pongal Valthukal“ (=Happy Pongal).

In diesem Sinne wünsche ich euch allen Happy Pongal und ein gesundes, frohes und erfolgreiches neues Jahr 2019! Vielen Dank für das Interesse und die Kommentare der vielen fleißigen Leser dieses Blogs und vielen Dank für die Spenden für Kuppaynallur! Bis bald!

Wie ein Lied Weihnachten retten kann

A Mosquito story…

Seit Ende November beginnt jede Studytime mit demselben Streit: sollen wir den Ventilator benutzen oder nicht. Die eine Hälfte will sich vor den Mosquitos schützen und schaltet den „fan“ an, die andere Hälfte beginnt daraufhin zu nörgeln, weil es ziemlich kalt werden kann am Abend und die Mädchen dauernd frieren. Meistens gewinnt die Mosquito Gruppe den Kampf, weil es wirklich unerträglich werden kann mit den Viechern. Eines Tages hat die Schule beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen, und die Fathers haben Männer angeheuert, die auf dem ganzen Campus Mosquitogift verteilen sollten. Mir hat davon keiner etwas gesagt, und so war ich unwissend in meinem Zimmer an diesem Nachmittag und habe gerade meine Wäsche fertig aufgehängt. Plötzlich klopft es an meiner Tür und die Sister ruft, dass ich die Tür aufmachen soll, weil ein paar Männer mit Mosquitogift kommen. Gesagt getan, ich öffne die Tür und werfe hastig einen Schal über mein sehr unordentliches Bett. Ich habe erwartet, dass die Männer vielleicht irgendeine Flüssigkeit an den Fensterrahmen und an den Stellen, die mit Wasser in Berührung kommen (Mosquitos brüten im Wasser), verteilen. Falsch gedacht. Ich höre plötzlich ein Brummen und Zischen hinter mir und drehe mich wieder zur Tür um, nur um festzustellen, dass da jemand irgendeinen Dampf in mein Zimmer hinein sprüht mit einem sehr lauten Gerät. Ich bin so überrascht, dass ich einfach nur verdutzt und geschockt dastehe. Als ich aus meiner Schockstarre erwache, ist bereits so viel Dampf in meinem Zimmer, dass ich die Tür kaum noch sehen kann. Weil ich weiß, dass in der Tür ein Mann mit dem Gerät steht, renne ich instinktiv zum Fenster auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Ich muss von dem Gas husten und kann den Arbeitern nichts zurufen. Nach einer gefühlten Ewigkeit hört das Geräusch auf und ich bleibe mit einem Schal vor Mund und Nase gepresst schockiert am Fenster zurück, ich sehe meine Hand kaum vor Augen, so neblig ist es. In meinem Kopf sind drei Gedanken: Warum hat mir die Sister nicht gesagt, dass ich raus gehen soll? Wie komme ich jetzt hier raus? Und ein sehr banaler, in der Situation etwas unpassender Gedanke: Na toll, jetzt darf ich meine aufgehängte Wäsche nochmal waschen!
Irgendwann zähle ich drei, zwei, eins runter und renne los, blindlings in den Nebel hinein. Zum Glück kenne ich den Weg nach unten sehr gut, aber ich habe trotzdem wirklich Panik, weil ich nichts sehen kann! Ich reiße im Rennen viel Wäsche von den Wäscheleinen im Gang, aber das ist mir egal, ich will nur noch die Treppe finden. Als ich dann endlich draußen bin, schauen mich alle ganz verwundert an und fragen, warum ich denn nicht vorher rausgegangen bin.
Ich war danach heilfroh und gleichzeitig unglaublich wütend, weil man mir vorher nicht Bescheid gegeben hat. Das ganze Hostel war in Nebel gehüllt und aus den Fenstern quoll Dampf. Es sah aus, als würde es innen brennen. Nach 25 Minuten hatte sich das meiste wieder verflüchtigt und man konnte innen wieder etwas sehen. Der Geruch blieb noch etwas länger, war aber auszuhalten. Das Mosquitogift wurde auch in allen anderen Gebäuden und auf den Wiesen verteilt, kein Ort war davor sicher.

Genützt hat die ganze Aktion nach unser aller Meinung kaum etwas. Ein, zwei Tage waren es deutlich weniger Mosquitos, aber schon nach drei Tagen war wieder alles wie vorher. Wir müssen wohl einfach warten, bis die Saison vorüber ist…

Eine weihnachtliche Woche

In der Woche vor Weihnachten waren sehr viele Weihnachtsfeiern! Die Hostel-Weihnachtsfeier, die LehrerInnen-Weihnachtsfeier, die Weihnachtsfeier in der Good Samaritan Grundschule in Ongur, die Jesuiten-Weihnachtsfeier, die Weihnachtsfeier der Jugendgruppen aus allen Villages in der Umgebung. Jede Feier hatte ihren eigenen Zauber und war besonders.

Im Hostel haben wir drei Tage vorher mit der Planung begonnen, für tamilische Verhältnisse sehr früh, nach meiner Erfahrung. Zwei Tänze, drei Weihnachtslieder, zwei kurze Theaterstücke, zwei Reden, ein Auftritt des Christmas-Tatas (Übersetzt Weihnachts-Opa, also Santa Claus).

Ein buntes Programm, das mit dem Verteilen der Geschenke geendet hat. Dafür wurde im Hostel gewichtelt, also hatte jeder eine andere Person, hier „Christmas Friend“ genannt, für die er ein kleines Geschenk vorbereitet. In den Tagen davor musste ich unzählige Male „C-h-r-i-s-t-m-a-s F-r-i-e-n-d“ für jemanden buchstabieren, trotzdem kamen am Ende die lustigsten Varianten auf den Grußkarten raus: „Krismas Frend“, „Chrisma Prand“, „Kirusmas Fiend“, es war wirklich süß und auch lustig zu lesen! An der Feier selber ist dann immer eine Person vorgetreten und hat ihren Christmas Friend angepriesen, ohne deren Namen zu verraten. Das Publikum durfte raten und am Ende hatte jede von uns ein Geschenk bekommen. Manche haben ein Schulheft, Stifte oder Ketten verschenkt, andere haben mehr Geld und größere Geschenke wie eine kleine Wanduhr oder Weihnachtsdeko gekauft.

Auf der LehrerInnen Weihnachtsfeier war das Programm kürzer, aber der Christmas-Tata durfte auch hier nicht fehlen. Wir haben alle als Geschenk einen Kuchen und eine tamilische Bibel für 2019 bekommen, in der für jeden Tag Lesungen und das Evangelium stehen. Ich verstehe darin zwar fast nichts, aber ich benutze die Bibel jetzt, um das Lesen der Tamilischen Buchstaben zu üben.

Tamilische Bibel für 2019

In Ongur wurden alle Mitglieder des Staffs im Fatherhouse geehrt, die Köchinnen, die Farmer, die Wäscherin, die Näherin, der Watchman. Die Grundschüler aus dem Hostel der Good Samaritan Primary School hatten nur einen Tag für die Vorbereitungen und haben trotzdem drei wundervoll bunte Tänze, zwei inbrünstige Weihnachtslieder und ein sehr gut inszeniertes Theaterstück vorgeführt. Ich war vor der Feier 20 Minuten früher da als gedacht und wurde stürmisch begrüßt. Ich habe mit den Kleinen Quatsch gemacht, sie haben mit mir getanzt und gelacht, es war so schön mit ihnen. Nach dem Essen musste ich versprechen noch zu warten, weil mir die Mädchen ihre neuen Kleider vorführen wollten, die sie von Sponsoren an der Feier bekommen hatten. Ich kenne die Kinder in Ongur erst so kurz, aber sie haben mein Herz in Rekordzeit erobert.

Auf der Jesuiten Weihnachtsfeier in der Nähe von Chengalpattu war ich die einzige Frau und die einzige nicht-Jesuitin, aber inzwischen habe ich mich schon so an die Gesellschaft von Fathers gewöhnt, dass es trotzdem ein lustiger Abend wurde. Mein Mentor Father Dominic hatte mich eingeladen und ich habe dort viele Fathers getroffen, die ich aus Chennai oder von anderen Feiern kannte. Während der Feier wurde in jeder zweiten Rede mein Name erwähnt und ich wurde nochmal extra willkommen geheißen. Das war mir ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit, aber ich konnte sie nicht davon abhalten:) Die Feier wurde in Gedenken an die viele Opfer vom Zyklon Gaia sehr klein gehalten, es gab z.B. keine Geschenke, wie es sonst üblich ist. Beim Essen habe ich mich lange mit einem vollbärtigen Jesuiten mittleren Alters unterhalten, der von 2002 bis 2005 in Nürnberg gewesen ist. Wie es der Zufall will hat er oft in der Maria-Ward-Kapelle Gottesdienst gehalten, die ich ja sehr gut kenne. Gemeinsam haben wir uns in Erinnerungen an den Christkindlesmarkt und „Drei im Weggla“ verloren…

Die Weihnachtsfeier der Jugendgruppen fand ebenfalls in Ongur statt. Jedes Dorf hat mit seinen Jugendlichen ein oder zwei Beiträge zum Programm beigesteuert, da waren wieder so viele schöne Tänze und Lieder dabei, auch „Nun freut euch ihr Christen“ in Englisch und Tamil (wobei ich leise auf Deutsch mitgesungen habe, um selbst ein bisschen Weihnachtsgefühl zu bekommen). An alle Gäste wurde Kuchen verteilt, denn was bei uns die Weihnachtsgans ist, ist in Tamil Nadu der Christmas Cake. Ich glaube wir haben in den letzten Wochen jeden Nachmittag im Fatherhouse Kuchen gegessen, gebacken von allen möglichen Sisters oder Familien aus der Umgebung.

Ich habe für Weihnachten außerdem eine verrückte Bastelaktion gestartet: ich wollte Fröbelsterne für alle Hostelkinder und Lehrerinnen machen! Irgendwie hat sich die Anzahl hochgeschaukelt, denn wenn ich dem einen schenke, muss ich dem auch einen schenken, und dann muss ich ihr eigentlich auch einen geben, das übliche Geschenke-Problem eben. Die finale Anzahl war 68, aber ich habe früh genug angefangen, um das bis zum 22. hinzubekommen, wenn die meisten den Campus verlassen. Fast meine komplette freie Zeit verbrachte ich vor Weihnachten mit Buntstiften (nur weiß wäre ja langweilig!), Papier, Schere und Lineal. Ich wurde immer schneller im Papierstreifen-Ausschneiden und im Falten. Am Abend des 21.12. wurde der letzte Stern fertig, 13 Papierbögen und viele verzweifelte Momente wegen gerissenen Papierstreifen später. Zufrieden sah ich auf meine 68 Sterne und hoffte, den Mädels damit morgen ein Lächeln auf ihre Gesichter zaubern zu können.

Mit diesem Geschenk wollte ich zeigen, dass man für etwas Schönes nicht immer viel Geld ausgeben muss, und dass Mühe und liebevolle Arbeit manchmal ein besseres Geschenk sein können, als etwas für 200 Rupees im Laden zu kaufen. Die Sterne wurden mit Freude von meinen Mädels bestaunt und viele kamen gleich zu mir, um noch welche für ihre Familie zu bestellen:)

Leider konnte ich die Sterne an die Lehrerinnen nicht mehr vor Weihnachten verteilen, weil ich sie im Lehrerinnenzimmer am letzten Tag knapp verpasst habe.

Weihnachten – Wie ein Lied den Abend gerettet hat

Weihnachten in Indien! Wie sehr ich mir diesen Tag vorher ausgemalt habe, in den schönsten Farben, mit wunderbaren Klängen, großem Fest, vielen glücklichen Menschen. Ich hatte hohe Erwartungen, denn Weihnachten muss schließlich ein ganz besonderer Tag werden. Doch Weihnachten hat mich dieses Jahr eine Lektion gelehrt, die viel mit „hohen Erwartungen“ zu tun hat…
Aber fangen wir von vorne an: In Indien wird Weihnachten erst am 25. Dezember gefeiert, die Messe ist spät abends am 24. und endet am 25. . Ich war wohl die einzige hier, die schon am 24. mit Weihnachtsgefühl im Bauch herumgelaufen ist und jedem ein Lächeln geschenkt hat, einfach weil Weihnachten ist. Die fast schon gleichgültige Einstellung meiner Mitmenschen zum 24. Dezember (wir hatten sogar Schule) hat mein Hochgefühl etwas gehemmt, aber ich wollte es mir dadurch nicht nehmen lassen! Geplant war, dass wir mit den neun verbliebenen Hostelmädchen nach Kuppayanallur in den 11:30 pm Gottesdienst gehen. Es ist das erste Mal, dass in der Kirche von Kuppayanallur ein Weihnachtsgottesdienst ist, weil es nur eine untergeordnete kleine Gemeinde ist, die zur Parish Church von Ongur dazugehört, und normalerweise gibt es nur in den Parish Churches einen Weihnachtsgottesdienst. Weil dieses Jahr mit der Tradition gebrochen wurde, hat man uns eine große Feier mit viel TamTam versprochen, auf die wir uns den ganzen Tag gefreut haben. Aber die Vorfreude wurde uns beim Mittagessen genommen, als vom Father Superior verkündet wurde, dass nur die Jungs aus dem Boys Hostel nach Kuppayanallur dürfen und die Mädels nach Ongur in die Messe gehen sollen. In Ongur leben nur fünf christliche Familien, weshalb die Ongur-Messe durch die „Konkurrenzveranstaltung“ in Kuppayanallur dieses Jahr sehr leer sein wird. Die Mädels sollten die leeren Reihen füllen und außerdem den Chor bilden. Wir waren sehr enttäuscht, weil uns die große Feier nun entgehen würde, aber wir haben es akzeptiert und uns dann eben auf einen kleinen, privaten Gottesdienst gefreut. Vor dem Abendessen wurden fleißig Weihnachtslieder geübt, nach dem Essen haben wir uns zurechtgemacht. Eigentlich zieht man in Tamil Nadu für eine große Feier wie Weihnachten immer ein neues Kleid an, das extra dafür gekauft wurde. Da wir aber alle seit den letzten Ferien im Hostel waren, hatte keiner von uns Zeit ein neues Gewand zu kaufen und wir haben uns für bereits getragene Kleider(die immer noch sehr schön sind!) entschieden. Mir wurde eine hübsche Frisur gemacht, wir haben uns kleine Steinchen auf die Stirn geklebt, die Vorfreude war wieder da und riesig.

Als alle fertig umgezogen waren, kam der zweite Rückschlag des Tages: eine 12. Klässlerin hat sich übergeben, kurz bevor wir los mussten. Dann waren alle in heller Aufruhr und haben ihr heißes Wasser (hier ein Wunderheilmittel für alles) und Glucose gebracht, sie hat sich hingelegt und der Hostel-Direktor wurde angerufen. Die Zeit lief uns davon, aber es hat niemanden gestört, alle waren so besorgt um sie. Ich habe mich in einem Anflug deutschen Pünktlichkeitsdenkens gefragt, ob nicht wenigstens die restlichen Mädels schon mal zur Messe gehen könnten, schließlich erwartete man dort den Chor. Aber stattdessen haben nur alle rumdiskutiert, was das Mädchen falsches gegessen haben könnte, weshalb es ihr jetzt so schlecht geht. Unser Fahrer ist mit dem Schulleiter ohne uns nach Ongur vorgefahren, weil wir so spät dran waren, aber der Schulleiter die Predigt halten musste. Mit einer halben Stunde Verspätung haben wir dann vor dem Eingangstor auf die Rückkehr unseres Busses gewartet, damit er auch uns nach Ongur bringen kann. Die kranke 12. Klässlerin wollte unbedingt mit in die Messe, denn sie ist Hindu und wollte schon immer mal Weihnachten feiern. Also haben wir auf sie Acht gegeben und sie durfte mitkommen. Als wir dann endlich im Bus waren, hat uns irgendein Motorrad auf halber Strecke aufgehalten, weil es mitten auf der Straße stehengeblieben ist. Ich dachte schon, wir kommen gar nicht mehr an. Dann sind wir vom Bus zur Kirche gehetzt und ich bin im Dunkeln über einen rostigen Hering im Boden gestolpert, an dem ich mir meinen Zeh aufgeschlagen habe. In der Kirche hatte der Gottesdienst schon angefangen, ich wurde zu einem Metallstuhl gelotst um mich zu setzen. Dort hatte ich dann viel Zeit zum Nachdenken, weil ich in der Tamilischen Messe nicht sehr viel verstehe. Im Hintergrund hat ein Baby die ganze Zeit Krach gemacht, sodass man den Priester kaum verstanden hat. Neben meinem Kopf hat eine riesige Libelle lautstark versucht, möglichst nah an die helle Lampe zu fliegen, wobei sie das Lametta an der Wand nervtötend zum Rascheln gebracht hat. Mein Fuß wurde zum Opfer zahlreicher Mosquitos, sodass er gleichzeitig gejuckt und (von der Wunde vorher) gebrannt hat. Ich habe mich nur noch nach Hause gewünscht in meine gemütliche St. Josefs Kirche, wo ich innerlich zur Ruhe kommen und Weihnachten einfach mit meiner Familie genießen kann. Es waren so viele Kleinigkeiten auf einmal, die mir die Weihnachtsstimmung genommen haben. So habe ich mir Weihnachten in Indien wirklich nicht vorgestellt! Meine Enttäuschung war groß und ich saß traurig und genervt auf meinem Stuhl. Auch die viele Deko mit Glitzer und Blink-Lichtern und Sternen in allen möglichen grellen Farben hat meine Stimmung nicht heben können. Ich habe mich jetzt schon fünf Monate lang an diese (für mich ziemlich kitschige) Art der Dekoration gewöhnt, aber an diesem Abend war es mir einfach zu viel. Es erschien mir so unecht und so künstlich wie noch nie zuvor.

Während der Predigt habe ich mich mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt, denn ich konnte diese Situation einfach nicht so auf mir sitzen lassen. Ich wollte nicht, dass Weihnachten so für mich endet. Ich habe mir überlegt, dass die Situation vor allem so schrecklich ist, weil ich so hohe Erwartungen und schon eine genaue Vorstellung von diesem Tag gehabt hatte. In meiner Phantasie war es ein perfekter Tag mit vielen neuen Eindrücken, die mich überraschen und mich zum Staunen bringen. Die Wirklichkeit hat mich nur deshalb so kalt erwischt, weil ich den Tag in Gedanken schon so oft vorher durchgespielt hatte, dass er sich jetzt wie ein Fehlschlag anfühlte. Ich habe versucht mich zum positiven Denken zu zwingen und allein durch Willenskraft diesen Mantel der Enttäuschung abzulegen. So richtig gelingen wollte es mir zunächst nicht, es war einfach zu wenig Vertrautes und zu wenig Weihnachtliches in meiner Umgebung.

Aber dann kam dieses Lied. Ich kenne den Titel nicht und ich hatte es vorher erst einmal gehört, aber es hat die Nacht für mich geändert. Unser Schulleiter ist ein begnadeter Sänger und er hat am Ende der Messe ein Wiegenlied vorgetragen, es war ganz langsam und ruhig, fast schon meditativ, auf jeden Fall weihnachtlich. Während des Liedes sind alle Gottesdienst Besucher zur Krippe gegangen, um das Jesuskind zu verehren. Ich war wie gebannt von der Melodie und konnte den Ort plötzlich mit ganz anderen Augen sehen. Da war die Krippe, beleuchtet von mehreren Lichterketten in allen Farben. Da war der Altar, geschmückt mit so vielen bunten Tüchern, die plötzlich nicht mehr kitschig sondern mit-viel-Mühe-hergerichtet wirkten. Da war das Kind, vorher ein Störfaktor, jetzt schlief es beim Klang der Musik friedlich und niedlich in den Armen seiner Mutter. Ich weiß nicht, warum dieses Lied alles besser und schöner gemacht hat, ich weiß nur, dass ich es in genau dem Moment gebraucht habe. Wir haben nach dem Gottesdienst Kuchen gegessen und Fotos gemacht, jeder war in ausgelassener Stimmung, weil Weihnachten ist und wir das zusammen feiern können. Auch ich habe meine Freude vom Vormittag wiedergefunden und konnte wieder lächeln.

P.S.: Nur falls ihr euch wundert, warum einige Mädchen an Weihnachten im Hostel bleiben: in der Schule gibt es am Anfang jeder Ferien für die 10. bis 12. Klassen noch „coaching classes“, so was wie Intensivierungsunterricht. Jeder der 4 Tage wird einem Schulfach gewidmet, sodass ein vertiefterer Zugang zum Stoff möglich ist, als in den normalen 45 Minuten-Schulstunden. Dieser Unterricht fand am 23. (ja, es war Unterricht am Sonntag), 24., 26. und 27. Dezember statt. Weihnachten war ein freier Tag, den wir sehr entspannt angegangen sind. Es war natürlich sehr schwer für die SchülerInnen, Weihnachten fern von ihren Familien zu verbringen, also saßen wir alle im gleichen Boot. Aber wir hatten uns immerhin gegenseitig und haben uns eine schöne Zeit gemacht. Endlich wurde auch die schöne Dachterrasse des Hostels geöffnet, die seit meiner Ankunft immer mit einem Schloss versperrt gewesen war. Der Ausblick ist einfach toll und es ist so schön ein bisschen Sonne zu tanken, umgeben von den Baumkronen der Mango-, Neem- und Coconut-Trees.

Damit verabschiede ich mich auch schon wieder, ich wünsche allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2019!

Und wo wird Jesus dieses Jahr geboren?

Hier bin ich wieder aus dem sonnigen Kuppayanallur! Seit dem letzten Beitrag ist wieder viel passiert und bitte lest bis zum Schluss, der ist dieses Mal das Wichtigste!

Hostel Day

Im Januar wird in Kuppayanallur der Hostel Day stattfinden, eine große Feier, bei der alle Hostelbewohner im Mittelpunkt stehen und ein großes Programm auf die Bühne gebracht wird. Vorbereitend wurden im November zahlreiche Wettbewerbe und Sportaktivitäten durchgeführt, bei denen Teams gegeneinander angetreten sind. Im Boy Hostel „Loyola Illam“ gab es 4 Gruppen, bei uns im Gracy Illam Hostel nur 2 Gruppen. In jeder der Gruppen waren alle Altersklassen vertreten und Geschwister sowie beste Freundinnen wurden bewusst getrennt. Vier Wochen lang ist ein gnadenloser Kampf zwischen „Sarawathi“ und „Athirathi“, den beiden Teams, ausgebrochen und hat für Spannungen im positiven und negativen Sinne gesorgt.

Zuerst fanden die Sportarten draußen statt, Throwball, Volleyball, Hitting the ball below the knee (ein Spiel bei dem eine Gruppe die andere mit einem Ball unterhalb des Knies treffen muss) und Gogo (ein tamilisches Spiel, das traditionell eher von Frauen ausgeübt wird und dessen Regeln für mich sehr kompliziert erscheinen…). Die Jungs hatten natürlich auch noch Fußball, obwohl es mich immer wieder wundert, wieso ich trotz des großen Cricket-Fanatismus in Indien auf diesem Campus noch nie jemanden Cricket habe spielen sehen…

Das ist Gogo:

Danach gab es Indoor games(Chain Checkers, Schach und Carrom, ein Schnip-Spiel), die sehr beliebt sind bei den Mädels. An einem Sonntag Vormittag haben wir Fun Games angeboten, die sehr sehr lustig waren und Teamgeist gefordert haben. Beim letzten Spiel (möglichst viele Kerzen mit einem einzigen Streichholz anzünden) wurden so einige verbrannte Fingerkuppen in Kauf genommen, nur um dem eigenen Team den Sieg zu sichern!

 

An den Abenden fanden Wettbewerbe im Zeichnen, Gedicht schreiben, Essay schreiben, Allgemeinwissen und Schulbuchwissen statt, die von ausgewählten Teammitgliedern bestritten wurden. Zusätzlich gab es noch Group Dance, Singing Contest und Monoact, meine persönlichen Favoriten. Es ist einfach immer wunderbar, wenn die Mädels tanzen! Selbst wenn sie ein paar Schritte durcheinander bringen, so ist die Gesamtperformance einfach bewundernswert, genauso wie die schönen Kleider und der Schmuck.

Beim Singen gab es eine riesige Überraschung: eine 7.Klässlerin, die normalerweise sehr ungehorsam und ungezogen ist und die von der Sister täglich hart bestraft wird für irgendwelche Missetaten, sie hat in ihrer Altersklasse gewonnen und eine unglaublich sanfte und reine Stimme. Ich habe schon oft mit einigen ausgewählten Mädels Lieder einstudiert, aber sie hatte ich nie auf dem Schirm. Das lag, wie ich beschämt zugeben muss, wahrscheinlich an ihrer aufmüpfigen Art, keiner im Hostel hat ihr diese Stimme zugetraut. Sogar die Sister hat drei Tage lang nur Lobeshymnen auf sie ausgesprochen und sie nicht mehr so hart rangenommen. Sie ist seitdem ein fester Bestandteil unserer Singing group! Der Hostel Day ist wirklich eine Chance, verborgene Talente ans Licht zu bringen, ich bin sehr froh über diese Chance.

Auch beim Monoacting war diese 7.Klässlerin am Start. Monoacting bedeutet, dass eine Person alleine ein Theaterstück aufführt, aber dabei alle Rollen übernehmen muss. Wie man das anstellt, ist der Kreativität der Schauspielerin überlassen.

Leider ist die Zeit der Wettbewerbe jetzt vorbei, weil die Klausurenphase begonnen hat. Aber wir hatten eine tolle Zeit und am Hostel Day im Januar wird dann die Sieger-Gruppe gekürt (obwohl man mir gesagt hat, dass die Verlierer-Gruppe die gleichen Preise bekommen wird, da es sonst eine Rebellion gibt 😀 )

Schneidersitz

In einem Gespräch mit zwei Jesuiten beim Mittagessen habe ich neulich erfahren, dass in Tamil Nadu Frauen traditionellerweise nicht mit übergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl sitzen sollen, vor allem nicht in der Gegenwart eines Mannes. Zum einen ist diese Sitzposition anscheinend nicht gut für den Körper, zum anderen hat es etwas mit Respekt zu tun. Die hier übliche Sitzposition ist eindeutig der Schneidersitz (natürlich eher auf dem Boden als auf einem Stuhl, obwohl ich das auch schon oft gesehen habe). Jeder, und da gibt es wirklich keine Ausnahmen, setzt sich im Schneidersitz auf den Boden.

In Deutschland habe ich mir eigentlich immer andere, gemütlichere Sitzpositionen auf dem Boden ausgesucht, aber 5 Monate Training haben auch mich fast schon zu einer Ausdauer-Schneidersitz-Sitzerin gemacht. Natürlich sitzt man auch in Deutschland im Schneidersitz, aber es gibt dort überall Stühle oder Bänke oder andere Sitzgelegenheiten, sodass man nur selten auf den Boden ausweicht. Nach meiner Erfahrung ist das Auf-dem-Boden-Sitzen in Tamil Nadu kulturell geprägt und es ist auch sehr platzsparend, muss ich zugeben. Es passen viel mehr Menschen in eine Kirche oder in eine große Halle für eine Veranstaltung, wenn nicht jeder einen eigenen Stuhl hat oder man Bänke aufstellen muss. Zwar schlafen mir immer noch regelmäßig die Füße ein, denn nach 1 h Rosenkranz auf dem steinigen Boden draußen brauchen meine Beine einfach ein bisschen mehr Bewegung… Aber ich habe auch buchstäblich ein bisschen die Perspektive wechseln können, dadurch dass ich meine Umgebung jetzt sehr oft von einer Stufe weiter unten sehe. Vor allem beim Essen habe ich festgestellt, dass ein Tisch und Stühle eine große Distanz schaffen können. Manchmal bleibe ich zum Essen im Hostel und setze mich zu den Mädels. Die Teller vor uns auf dem Boden schaufeln wir uns Reis und Sambar in den Mund und lachen gemeinsam. Von links oder rechts oder vorne werde ich ab und zu liebevoll mit einem Häufchen Reis gefüttert um zu testen, ob Reis mit Sambar von Virginiyas oder Sandhias Teller und Reis mit Sambar von meinem Teller gleich schmeckt 🙂

Eingequetscht zwischen Hemden und Granatäpfeln

Ich bin jetzt schon oft von Kuppayanallur nach Chennai und wieder zurück gereist, inzwischen finde ich den Weg auch gut alleine. Man fährt zuerst von Uthiramerur (der Stadt neben Kuppayanallur) nach Chengalpattu mit dem Bus, dann nimmt man einen Zug nach Chennai.

Als ich vor zwei Wochen nach einem Wochenendbesuch den Rückweg angetreten habe und in Chengalpattu aus dem Zug gestiegen bin, hastete ich zum Busbahnhof, der zwei Straßen neben dem Zuggleis liegt. Ich bin zu einer der vielen Straßenverkäuferinnen gelaufen, um mir eine Granatapfel-Erfrischung zu gönnen. „Munu“ sage ich zu der Frau, um zu zeigen, dass ich drei Früchte haben möchte. Da ich keine Ahnung habe, wie viel drei Granatäpfel kosten, halte ich ihr mit fragendem Blick einen 100 Rupee-Schein hin. „Anju“ ist ihre Antwort, „fünf“. 500 Rupees? Das finde ich dann doch ein bisschen viel für drei Granatäpfel, aber ich bin sehr schlecht im feilschen, vor allem durch mein begrenztes Tamil, und ich habe keine Zeit mehr, um woanders hin zu gehen. Also ziehe ich noch 4 weitere 100 Rupee Scheine aus dem Geldbeutel und nehme mir vor, Brother Thomas nach meiner Rückkehr mal nach dem echten Preis für das nächste Mal zu fragen.
Doch die Verkäuferin schaut mich fassungslos an, eine Tüte mit 5 Granatäpfeln in der Hand. Dann dämmert mir, dass ich da wohl etwas missverstanden habe… für 100 Rupees gibt es 5 Granatäpfel, nicht nur 3! Peinlich berührt halte ich ihr den 100 Rupee Schein hin, sie nimmt ihn und fängt an mich auszulachen, dreht sich zu ihrer Nachbarin am nächsten Stand um und erklärt ihr, atemlos vom lachen, dass ich für drei Granatäpfel 500 (!) bezahlen wollte. Die Geschichte breitet sich wie ein Lauffeuer um mich herum aus, was mir unglaublich peinlich ist, aber ich habe beschlossen, mitzulachen ist der bessere Weg als verärgert zu sein. Zu meinem Glück habe ich in diesem Moment meinen Bus entdeckt, der sich zum Losfahren bereit gemacht hat.

Er war schon sehr voll, sodass ich keinen Sitzplatz bekam, aber das ist an sich nicht weiter schlimm. Ich hatte aber zwei Taschen dabei und noch meine Granatäpfel, und in Bussen muss man seinen Rucksack immer abnehmen, um mehr Platz für die anderen Fahrgäste zu machen. Also klemmte ich mir meine Habseligkeiten zwischen die Knie und versuchte, mich möglichst klein zu machen. Sobald jemand entdeckt hat, dass die weiße Frau dort am Eingang des Busses stehen muss, kam Bewegung in die Menge. Ich wurde gewarnt, dass es am Eingang sehr gefährlich werden kann, ich sollte lieber in die Mitte des Busses kommen. Meine Taschen sollte ich aber dort stehen lassen, weil in der Mitte keine Abstellfläche dafür vorhanden ist. Ich wollte sie aber wirklich nicht unbeaufsichtigt da stehen lassen, so vieles was mir lieb und teuer ist war in diesen Taschen. Aber ich wurde von der Masse an Menschen weggedrängt und hatte nur noch meine Granatäpfel und mein Geld, an die ich mich klammerte. Ich sah in der Mitte des Busses eine Frau, die ich aus dem Dorf kannte (wenn auch nicht mehr ihren Namen), und habe mich zu ihr gesellt. Sie hat mir ein bisschen erklärt, wie das in den tamilischen Bussen so läuft, und dass meine Taschen in Sicherheit wären. Eng gedrängt an sehr viele Menschen fuhren wir eine Stunde bis nach Uthiramerur, und es kamen immer mehr dazu, weil Chengalpattu erst die erste Haltestelle des Busses gewesen ist. Meine Gesprächspartnerin war aber total super und hat mir geholfen, in dem Gedränge meine Fahrkarte zu kaufen ohne umzufallen (denn der Bus ist ja währenddessen gefahren) oder meine Granatäpfel zu schützen. Ich habe mich immer wieder ängstlich nach meinen Taschen umgeschaut, aber es waren einfach zu viele Menschen. Aber dann passierte etwas sehr erstaunliches. Ein Mann neben mir hatte bemerkt, wie unwohl ich mich wegen des Gepäcks fühlte und rief einem seiner Freunde zu, dass sie doch meine Taschen vom Eingang herüberreichen sollten. Ich war ihm so dankbar, dass ich ihn am liebsten umarmt hätte, aber wir waren eh schon so eng aneinander, dass ich das im Prinzip schon tat. Wiedervereint mit meinem geliebten blau-weiß-gepunktetem Rucksack und meiner Tasche fühlte ich mich gleich viel besser und konnte die restliche Busfahrt mit meiner Beschützerin mehr genießen.

Mein Fazit aus dieser Erfahrung ist, dass viele Menschen auf einem Fleck sehr bedrohlich und beengend sein können, aber dass es gleichzeitig immer unter ihnen welche gibt, die ein sehr gutes Herz haben und die einen vor dem (möglichen) anderen kleinen Prozentteil schützen, der es vielleicht nicht so gut meint.

Happy X-Mas

Weihnachten ist im Anmarsch und ihr in Deutschland seid vielleicht schon im Geschenke-Modus, vielleicht urlaubsreif, vielleicht besinnt wenn ihr euren Adventskranz anschaut, vielleicht genießerisch auf dem Christkindlesmarkt bei einer Tasse Glühwein.

In Kuppayanallur versteckt sich die Adventszeit noch ein bisschen, wir haben keinen Adventskranz und noch keine Weihnachtsdeko, wir backen keine Plätzchen (es gibt keinen Ofen und wir haben wegen den Klausuren auch kaum noch Zeit, um etwas anderes auszuprobieren) und es gibt keinen Weihnachtsmarkt.

Aber es kommt langsam! Eine alljährlich große Aktion ist das Bauen der Krippe im Hostel. Eine Gruppe von älteren Schülerinnen hat sich dieser Aufgabe angenommen und wir haben letzten Sonntag mit Stöcken und Stofffetzen das Grundgerüst gebaut. Verziert wird sie mit Schals, die es in Indien in allen möglichen Mustern und Farben gibt. Vor der Krippe, deren Boden ein Tisch bildet, wurde auf einer Fläche von vielleicht 2 Quadratmetern Erde verteilt.

Kleine Samen wurden dort gepflanzt und gerade beginnen kleine Pflänzchen daraus zu sprießen, das ist wirklich schön anzusehen! Nur die Figuren fehlen jetzt noch, bis übermorgen muss sie fertig sein.

Außerdem hatten wir vor einer Woche die Christmas Celebration in der Schule (der Schulleiter wollte das noch vor den Klausuren machen, damit die SchülerInnen nicht von irgendwelchen Proben oder Vorbereitungen vom Lernen abgelenkt werden). Es gab viel Weihnachtsdeko, aber für mich persönlich trotzdem kein Weihnachtsgefühl. Das könnte am Wetter gelegen haben, strahlender Sonnenschein bis um 15 Uhr, dann kleine Wölkchen. Oder es könnte daran gelegen haben, dass ich kaum etwas verstanden habe, denn mein begrenzter Wortschatz in Tamil reicht noch nicht aus, um eine Festrede oder eine Bibelstelle zu verstehen. Mir wurde danach erzählt, dass die Rede wirklich gut war und es darum ging, dass Weihnachten und Jesus für alle da sind, egal welcher Religion sie angehören. Es gibt zahlreiche LehrerInnen und SchülerInnen an unserer Schule, die Hindus sind. Aber die Botschaft von Liebe und Hoffnung kann auch ihre Herzen erreichen.

Am Ende kam Santa Claus vorbei, der ein sehr alberner und lustiger Kauz war und ständig tanzen und Hände schütteln wollte. Eingefahren wurde er auf einem Anhänger-Wagen, auf dem er kleine Kunststücke mit einem Mini-Fahrrad vorführte. Die Kinder hatten unglaublich viel Spaß mit ihm und das ist die Hauptsache!

Leider wurde die Weihnachtsdeko nach der Feier wieder abgenommen, aber ich hoffe, dass wir im Hostel vielleicht noch ein bisschen was herrichten können, außer der Krippe.

Wo wird Jesus dieses Jahr geboren?

Weihnachten wird überall auf der Welt gefeiert, jedes Jahr zur gleichen Zeit, jedes Jahr in ähnlicher Tradition. Aber sollte Weihnachten wirklich jedes Jahr gleich sein? Ist nicht gerade die Botschaft der heiligen Nacht, dass etwas Neues kommt, etwas auf das wir hoffen können? Es ist eine Botschaft der Liebe, die natürlich immer erneuert werden muss, aber wir können ihr jedes Jahr aufs Neue eine besondere Bedeutung geben, eine Bedeutung, die auf unsere Welt HEUTE passt.

Ich möchte euch einladen, dieses Jahr an Weihnachten darüber nachzudenken, wo Jesus heute gebraucht wird. Wo könnte er in diesem Jahr geboren werden, um durch die Liebe neue Hoffnung zu schenken?
Natürlich könnten wir jetzt gleich heraus Orte wie Syrien oder Jemen nennen, die schreckliches durchleben und keine Hoffnung mehr haben. Doch wir müssen unseren Blick gar nicht so weit weg werfen, auch in unserem direkten Umfeld gibt es Hoffnungslosigkeit oder Lieblosigkeit. Vielleicht ist bei Bekannten ein geliebter Mensch in ihrer Familie gestorben und es ist das erste Weihnachten, das sie ohne ihn oder sie verbringen. Vielleicht kennt ihr jemanden, dessen Zukunft sehr ungewiss ist, weil sich einiges im Leben gegen ihn oder sie gewandt hat. Bei diesen Menschen wird Weihnachten wirklich gebraucht und es gibt noch viel mehr Situationen wie diese.

Mein Weihnachten wird ohne Zweifel anders werden, als in den Jahren zuvor. Ich möchte mit euch teilen, wo in Tamil Nadu/Kuppayanallur dieses Jahr Jesus geboren werden könnte.

… Eine Tante der Hostel-Sister liegt seit September im Krankenhaus, weil sie sich bei einem Sturz das Bein und die Hüfte zertrümmert hat. Sie kann immer noch nicht operiert werden, weil ihr Körper zu schwach dafür ist, deshalb leidet sie im Bett liegend vor sich hin und betet für ihren Tod. Da sie selbst Sister ist, hat sie keine Kinder oder einen Ehemann, der sich um sie kümmert oder sie besucht. Nur manchmal kommen entferntere Verwandte, um sie zu sehen, aber in Madurai, wo sie im Krankenhaus liegt, gibt es niemanden. Täglich telefoniert sie mit unserer Hostel-Sister und bittet sie um einen Besuch, aber die Sister kann auch nicht jede Woche kommen, weil sie ja hier 34 Mädels hat, um die sie sich kümmern muss. Ich sehe, wie sehr der Zustand ihrer Tante die Sister bedrückt und dass sie Schuldgefühle hat, weil sie ihr nicht beistehen kann. Jesus könnte dieses Jahr in diesem Krankenhaus in Madurai geboren werden. Er könnte der leidenden Tante ihren Lebenswillen zurückgeben und für ihn würde sie ums Überleben kämpfen. Wir können im Moment nur für sie beten und hoffen, dass ihr ein Wunder widerfährt.

… Der Zyklon Gaia hat im Süden von Tamil Nadu großen Schaden angerichtet. Er ist genau in die Regionen gekommen, in denen viel Landwirtschaft betrieben wird und hat dort unbarmherzig gewütet. Jahrzehnte alte Bäume wurden entwurzelt und sind auf die Kaffeeplantagen gestürzt, die sie eigentlich beschützen sollten. Ganze Bananenplantagen gleichen nun einem Schlachtfeld, kein Baum steht mehr. Viele Reisfelder werden dieses Jahr keine Ernte einbringen, weil sie durch den Regen oder umherfliegende Trümmer geschädigt wurden. Man kann sich die genaue Hektaranzahl der zerstörten Fläche anschauen, aber was dabei verloren geht, ist die Tatsache, dass tausende Farmer nun keine Lebensgrundlage mehr haben und vor dem Nichts stehen. In der Zeitung habe ich von dem traurigen Schicksal eines Bananen-Bauern gehört, der sein ganzes Geld und all seine Energie in seine Bananenbäume gesteckt hat. So wie sich jemand eine Wohnung/ein Haus als Absicherung und Geldanlage kauft, so hat er sich auf seine Bananen verlassen. Er war durch sie ein wohlhabender Mann geworden, der seine drei Kinder auf eine gute Schule schicken kann und in einem Haus wohnt. Nun sind 95% seiner Bäume zerstört und er kann sich die Bildung seiner Töchter nicht mehr leisten, weil seine einzige Einnahmequelle, seine Absicherung, sein Haus und sein Leben zerstört sind, und das nur durch Gaia. Die Regierung verspricht natürlich Entschädigungsgelder (aber weil es ein Naturphänomen war natürlich nur in begrenztem Umfang). Aber die Entschädigungsgelder von der großen Flut in Chennai 2015 sind teilweise heute noch nicht angekommen, also muss sich die Bevölkerung wohl noch eine Weile gedulden. Geduld ist ohne ein Haus oder Geld natürlich schwierig, die Situation ist für so viele einfach nur hoffnungslos. Ich wünschte, Jesus würde dieses Jahr in einem Reisfeld oder einer Kaffeplantage zur Welt kommen und den einfachen Menschen, wie damals den Hirten, seine Botschaft verkünden.

Und schließlich würde ich mir wünschen, dass Jesus in unserem Hostel geboren wird. Ich kann gut verstehen, dass keinem der Hostel-Kinder das Leben dort gefällt. Es gibt kaum Freizeit und sie können nicht sie selbst sein, denn sie müssen sich an so viele Regeln und vorgeschriebene Rollen halten. Manchmal gibt es natürlich viele sehr schöne und lustige Momente, aber auch dann fühlt es sich an, als würden die Kinder an der kurzen Leine gehalten, weil im nächsten Moment schon die Dutytime oder die Studytime anfängt. Ich würde mir von Weihnachten dieses Jahr wünschen, dass die SchülerInnen für das gelobt werden, was sie gut machen. Dass nicht immer nur das Schlechte und die Fehler gesehen werden, sondern auch die Talente und Besonderheiten jedes/jeder einzelnen. Ich möchte, dass Jesus hier geboren wird, damit die Kinder nach Weihnachten gerne hierher zurück kommen und damit sie hier mehr Freude und Anerkennung erfahren können. Gleichzeitig soll der Segen der Heiligen Nacht auch bis in ihre Familien reichen, denn es gibt einfach zu viele tragische Schicksale in den Leben meiner geliebten Mädels. Alkoholismus ist leider sehr verbreitet in den villages von Tamil Nadu, er ist wie ein Geschwür und kann ganze Familien kaputt machen. Außerdem sind über die Hälfte der Hostelmädchen Halbwaisen, eine traurige und für mich sehr erschreckende Erkenntnis, die mich immer wieder trifft, wenn ich die Geschichten der Mädchen höre.

„Wer Freude genießen will, muss sie teilen.“ – Lord Byron

Ich möchte euch eine Möglichkeit anbieten, dieses Weihnachten zu einem besonderen Weihnachten zu machen. Wenn ihr im Geschenke-Stress durch die Straßen lauft, denkt an eines meiner Hostelmädchen in Kuppayanallur. Sucht ihr ein kleines Weihnachtsgeschenk aus, mit dem man ihr eine Freude machen könnte. Statt das Geschenk zu kaufen und hierher zu schicken, könnt ihr den Preis aufschreiben und ihn auf das Spendenkonto für Kuppayanallur überweisen. Das Geld von diesem Konto wird ausschließlich für die Schule und das Hostel verwendet, die den Mädels eine gute Bildung, ein sicheres Dach über dem Kopf und dreimal am Tag eine gute Mahlzeit bieten (was keine Selbstverständlichkeit wäre, wenn sie daheim leben würden). Selbst ein kleines Geschenk in Deutschland, das vielleicht 3 € kostet, ist in Indien sehr wertvoll, denn das wären schon fast 250 Rupees (also 12 ½ Granatäpfel :D).

Damit ihr auch eine kleine Vorstellung von meinen Mädels habt, schicke ich euch hier zu jedem Kind eine kleine Charaktereigenschaft, anhand der ihr euch jemanden und vielleicht auch das Geschenk aussuchen könnt, wenn ihr die Chance nutzen möchtet. Vielleicht findet ihr euch ja in einer Beschreibung selbst wieder… Ihre Namen habe ich geändert, aber ihre Einzigartigkeit wird dadurch nicht gestört.

Anni, die sehr verfroren ist und seit Oktober immer eine Vliesjacke trägt.

Katharina, die ein zuckersüßes Lächeln hat.

Shanti, die mich mit ihren großen braunen Augen täglich zum Schmelzen bringt.

Vivien, die Süßigkeiten über alles liebt.

Jabina, die quasi ständig kichert und an allem etwas lustiges finden kann.

Jenny, die schon in der 7. Klasse besser Englisch spricht als manche 12. Klässlerinnen.

Rebekka, die eine fleißige Messdienerin ist.

Nami, deren kleine Augen in der Night Study time immer kurz vor dem Zufallen sind.

Kasandra, die eine wunderschöne Stimme hat.

Anna, die täglich mit den Buchstaben kämpft, aber große Fortschritte macht.

Tina, die einfach ein verrücktes Huhn ist.

Rike, die mich täglich mit Mathefragen löchert.

Ramana, die sehr schön malen kann.

Abi, die immer heimlich nascht.

Namita, die für jede Aufgabe immer bereit steht und sich freiwillig meldet.

Sara, die Ärztin werden möchte und unglaublich klug und fleißig ist.

Vicki, meine treueste und begabteste Sängerin.

Tamara, die immer eine Gruselgeschichte oder einen Scherz auf Lager hat.

Chrissi, die eine unglaublich angenehme und sanfte Gesellschaft ist.

Kathrin, die mehr als alle anderen lernt und ein Vorbild für viele ist.

Kathrina, die gerne mit ihrem Freund zusammen wäre, aber das ist hier verboten.

Sheela, die immer hilfsbereit und offen auf andere zugeht.

Pia, die unglaublich gut tanzen kann.

Vanessa, die eine Vorliebe für die sauren Tamarind Früchte hat.

Janina, die sich oft für ihre Freunde aufopfert.

Sabrina, die so schnell rennt, dass sie schon auf einem Wettbewerb in Delhi war.

Davalakshmi, die sehr aufmerksam und fürsorglich ist.

Solila, die mal eine sehr starke Frau werden wird.

Felixia, die immer das Positive sehen kann.

Stefanie, die alle zum Lachen bringt mit ihrer tapsigen Art.

Pungili, die eine gute Gesprächspartnerin und Freundin ist.

Vasha, die sich nie unterkriegen lässt.

Lilly, die sich mit auswendiglernen schwer tut.

Amala, eine Naturschönheit mit Schauspieltalent.

Vielen Dank an alle, die an diesem Weihnachten einen kleinen Segen nach Indien schicken, er wird auf fruchtbaren Boden treffen!

Hier noch einmal als Erinnerung die Daten des Spendenkontos:

Empfänger: Jesuitenmission
IBAN: DE61 7509 0300 0005 1155 82 (Liga Bank)
BIC: GENO DEF1 M05
Verwendungszweck: X38284 Samira Löw

Damit verabschiede ich mich aus Kuppayanallur und wünsche allen eine schöne Adventszeit und ein gesegnetes Weihnachten!

Ein voller Terminkalender

Nach langer Wartezeit melde ich mich mal wieder mit ein paar Eindrücken aus Tamil Nadu 😀
Im letzten Monat sind immer mehr Aufgaben und Veranstaltungen für mich dazugekommen, dadurch hatte ich leider nur wenig Zeit, um einen weiteren Beitrag zu schreiben. Es ist so viel passiert seit dem letzten Mal, ich versuche euch hier einen groben Überblick zu verschaffen.

„Just taste and see“

Mit diesen Worten reagierte Father Samy auf meinen entsetzten Blick, als er vor meinen Augen eine Banane mitsamt Schale verspeiste. Ich war skeptisch. All meine Lebenserfahrung sagte mir, ich sollte das besser lassen, schließlich wurde mir seit Kindertagen beigebracht, dass man Bananen schälen muss vor dem Essen. Und wer schon mal Bananenschale probiert hat, wird bestätigen, dass sie nicht sehr gut schmeckt.
ABER: ich habe gelernt, dem Father in Sachen Essen stets zu vertrauen, weil es sich meistens sehr lohnt. Er sagte, dass in der Schale sehr viele Vitamine und andere gesunde Sachen stecken, die verloren gehen, wenn ich die Schale wegschmeiße. Mit „just taste and see“ hat sich seit Beginn des Einsatzes meine Einstellung zu neuem Essen sehr geändert!
Also griff ich nach der nächstbesten Banane, schloss die Augen… biss hinein… und was für ein tolles Geschmackserlebnis! So viel Frische!
Man muss dazu sagen, dass diese Essensmethode nur bei dieser bestimmten Art von Banane möglich ist. Die Schale von „normalen“ Bananen vertragen wir nicht! Also BITTE NICHT NACHMACHEN!
Wie ich bereits im ersten großen Blogartikel geschrieben habe, gibt es in Indien von allen Arten von Essen nochmal zig verschiedene Varianten. Bei Bananen und Mangos ist das besonders auffällig, weil der Geschmack auch spürbar unterschiedlich ist! Es gibt große, kleine, dicke, dünne, gelbe, rote, süße und eher saure Bananen. Die spezielle „variety“, bei der man die Schale essen kann, ist sehr teuer und ich habe erfahren, dass es sogar Wartelisten bei den Händlern gibt, auf denen Kunden sich eintragen müssen, um in naher Zukunft diese Früchte genießen zu können! Wir haben das Glück, dass Father Samy selbst Bananenbäume dieser variety gepflanzt hat, weshalb er hin und wieder ein paar dutzend davon mitbringt.

Außerdem hat er mich neulich zu sich gerufen und mir 2 Früchte der weltschärfsten Chilli gezeigt, die man ohne Handschuhe nicht einmal anfassen sollte. Aus diesen Chillis wurde „Pickle“ hergestellt, so etwas wie eine Paste, die sehr sehr intensiv schmeckt. Irgendwie haben unsere Köchinnen es geschafft, die Schärfe in Süße umzuwandeln, und hin und wieder genießen wir das Chilli-Pickle mit Reis:)

Lehrerinnen-Ferien

Zwischendurch waren mal wieder 4 Tage frei und die HostelschülerInnen sind nach Hause gegangen. Ich habe mich dazu entschlossen in Kuppayanallur zu bleiben, um die Dinge zu tun, für die ich in der Schulzeit keine Zeit finde. Ich habe zwei meiner Lehrer-Kolleginnen besucht, die in der Nähe wohnen. Im Haus von Christina Miss gab es unglaublich leckeres Essen, sie kann schon kochen, seit sie in der vierten Klasse gewesen ist, und hat deshalb viiiiel Erfahrung!

Der orangefarbene Reis in der Mitte ist Chicken Biriyani; oben von links nach rechts: Banane,  eine Brinjal-Soße, ein süßes Gebäck (rund, hellbraun und total lecker), ein gekochtes Ei, Zwiebel-Karotte-Granatapfel-Koriander-Salat mit Joghurt, Chicken 65 (eine Delikatesse!) und Ananas-Kaiseri (ebenfalls süß). Das ganze wird serviert auf einem gewaschenen Bananenblatt, das man nach dem Essen einfach zusammenklappt.

Auch mit Manimala Miss, der Lehrerin aus dem Hostel, bin ich mehr in Kontakt gekommen, denn sie und ich waren die einzigen, die geblieben sind. Vor diesen Ferien haben wir nicht wirklich viel miteinander geredet, weil ich kaum Tamil sprechen kann und sie sehr schüchtern im Englisch reden ist. Aber das Eis wurde in diesen vier Tagen gebrochen und wir werden jeden Tag mehr zu Freundinnen.

Manimala Miss, Sister Gaspar Mary und ich. Wir sind zusammen im Hostel für die Mädels da.

Insgesamt habe ich viel mehr Kontakt zu den Lehrerinnen seitdem, ich besuche sie jeden Tag im Lehrerinnen Zimmer und lerne viel über Indien, über die tamilische Sprache aber auch über das Lehrerdasein von ihnen. Ich bin sehr dankbar, dass sie mich so herzlich und offen aufnehmen!

Functions, functions, functions

(Das Wort „Function“ wird hier für Feste und Feierlichkeiten aller Art verwendet; ich habe es als Englisches Wort in diesem Zusammenhang vorher noch nie gehört, aber ich vermute es ist ein Wort aus dem Tanglischen, dem tamilischen Englisch 🙂 )

In letzter Zeit haben viele Feste stattgefunden in unserer Umgebung, ich darf mich glücklich schätzen, dass ich vielen davon beiwohnen durfte!

Da war zum einen die Einweihung der neuen Kirche in Papanallur. Als mich die Jesuiten gefragt haben, ob ich mit ihnen dorthin kommen möchte, habe ich einen kleinen Gottesdienst mit dem ganzen Dorf und vielleicht noch einen tea für alle im Anschluss erwartet. In 2h, so dachte ich, bin ich wieder daheim. Wie sehr ich mich geirrt habe! Das Fest war gigantisch groß, alles war bunt und laut und voller Lichter und Menschen. Die Straße, die zur Kirche führt, war schon zweihundert Meter vor der Kirche mit Fahnen und Lampen und Tüchern geschmückt worden, dort fand zunächst eine Prozession mit einer Marienstatue und Trommelmusik statt.

Auch aus allen Nachbardörfern sind die Menschen zu der Kirche gekommen, um das Fest mit ihrer Nachbargemeinde zu feiern. Es waren etwa 20 Priester da und der Bischof hat eine Flagge mit der Jungfrau Maria gehisst und ist als erster in die Kirche geschritten. Der Gottesdienst hat 3 Stunden gedauert. Ich hatte eine „Aufpasserin“, eine 11.Klässlerin aus der Schule, an meiner Seite, die mich ins Innere der Kirche gezogen hat. Außen gab es auch ganz viele Stühle zum Sitzen, weil bei weitem nicht alle Menschen in der Kirche Platz hatten. Ich wollte der Heimatgemeinde eigentlich den Vortritt im Innenraum der Kirche lassen, aber meine Begleitung war der Meinung, dass ich unbedingt das Geschehen aus nächster Nähe sehen muss. Und so fand ich mich plötzlich in einer Ecke der Kirche wieder, wo nur Kinder saßen. Ich bin schon im Vergleich zu Erwachsenen hier sehr großgewachsen, aber an diesem Abend kam ich mir neben den Kindern noch dreimal auffälliger und größer vor. Im Anschluss an den Gottesdienst gab es Essen, natürlich Biriyani, was sonst!

6 Stunden nachdem wir in Kuppayanallur gestartet sind, haben wir dann vom Fest aus wieder die Heimreise angetreten. Eigentlich sind es nur 20 Minuten mit dem Auto, aber wir haben fast 90 Minuten gebraucht, weil unser Tank auf halber Strecke leer geworden ist, mitten im Nirgendwo. Die Tankanzeige im Jeep ist schon länger kaputt und irgendwie war auch noch der Hebel abgebrochen, mit dem man die Motorhaube aufmachen kann. Dadurch hat es nochmal länger gedauert, aber schließlich sind wir dann doch zu Hause angekommen. Situationen wie diese haben mich gelehrt, Dinge öfter einfach so hinzunehmen wie sie sind. Sich aufzuregen hätte einfach nichts genützt sondern nur die Stimmung verschlechtert. Und so haben wir eine lustige Stunde unter den Sternen verbracht…

Ein weiteres Fest zu einem sehr traurigen Anlass war einen Tag vorher in Kuppayanallur gefeiert worden. Ein Schüler aus der 7. Klasse unserer Schule ist beim Baden in einen Wassertank gefallen und ertrunken. Seine Familie hat noch am selben Tag eine Totenaufbahrung und die Beerdigung organisiert. Da es ein Feiertag war, aber alle Lehrer für ein Meeting in der Schule waren, sind wir als große Gruppe zu seinem Haus gegangen, um bei seinem Leichnam für ihn zu beten und seiner Familie beizustehen. Es war sehr berührend und traurig, schließlich war er noch so jung. Ein paar Tage zuvor ist er vielleicht noch einem der Lehrer auf die Nerven gegangen (er war ein sehr aktiver junge, hat man mir erzählt) oder einen Baum hochgeklettert (eine seiner Leidenschaften), jetzt wird er für immer schlafen. Mich hat dieser Tag gelehrt, dass jeder Tag, den wir erleben dürfen, etwas unglaublich wertvolles und besonderes ist. Bereits jetzt durfte ich mehr Tage erleben, als der Junge in seinem kurzen Leben, das macht mich dankbar und traurig zugleich. Ich werde noch oft an ihn denken, sein Name war Sunil.

Eine Lehrerin aus dem Sekretariat ist im neunten Monat schwanger, und hat mich letzte Woche auf eine Feier in ihrem Haus eingeladen, die vorbereitend für die Geburt des ersten Kindes in jeder Familie in Tamil Nadu gefeiert wird. Die Frau wird gesegnet und es gibt ganz viele Zeremonien, die sehr anstrengend aussahen. Wie sie das im neunten Monat durchgehalten hat, ist mir schleierhaft. Sie stand z.B. 20 Minuten lang vornübergebeugt, die Hände auf drei Pötten mit Wasser abgestützt, und über ihrem Rücken wurden über ein Bananenblatt in eine Schüssel Coconut-Water, Milch und Wasser geschüttet. Jede ihrer Cousinen (und es waren viele!) hat dies dreimal gemacht, dann konnte sie sich wieder aufrichten. Diese Zeremonie soll das Kind segnen und sicherstellen, dass es ein wohlhabendes Leben führen wird. Danach zieht sich die Frau um und setzt sich neben ihren Ehemann. (Die Ehemänner in Tamil Nadu rasieren sich weder Bart noch Haare, solange ihre Frau schwanger ist, denn sie sollen keine scharfe Klinge berühren, wenn ein Kind unterwegs ist.) Das Ehepaar wird von den Gästen der Feier gesegnet, indem sie Blumen über ihnen streuen, ihnen Essen in den Mund schieben, sie an verschiedenen Stellen mit einer braunen Farbmischung oder rotem Pulver (mir wurden diese Stoffe als „sandal-colours“ vorgestellt) bemalt werden. Der Frau wird von jedem Gast ein paar Bangals (klimpernde Armreife in Gold oder allen möglichen Farben) übergestreift, sodass danach ihr ganzer Arm voller schimmernder Ringe ist. Das klimpernde Geräusch soll das Baby glücklich machen und die Bangals werden bis zur Geburt nicht mehr abgenommen. Die ganze Feier wird veranstaltet, um der Frau die Angst vor der Geburt zu nehmen. Sie soll sich glücklich und geborgen fühlen im Kreise ihrer Liebsten, das überträgt sich dann auch auf das Kind und beide sind entspannter für den großen Tag. Ich hatte das Gefühl, dass es eigentlich ganz schön stressig für die Frau bei dieser Feier ist, aber das ist nur meine subjektive Meinung. Ich stand die ganze Zeit einfach nur staunend da und habe neue Eindrücke eingesogen. Am Ende gab es, wer hätte es gedacht, Biriynai!

Children‘s Day

Am 14. November wird in Indien der Children‘s Day gefeiert, in Gedenken an den ersten Premierminister Nehru, der bekannt war für seine Nähe zu und seinen Einsatz für Kinder.
Im Gegensatz zum Teacher‘s Day im September, bei dem allein die SchülerInnen das Programm gestaltet haben, sind am 14. November die LehrerInnen an der Reihe. Den Kindern werden Süßigkeiten mitgebracht und Glückwünsche zugerufen und die LehrerInnen zeigen ihr Können auf der Bühne zur Unterhaltung ihrer students. Zwei Tage vorher wurde im Lehrerinnenzimmer verkündet, dass einige Lehrerinnen einen Tanz aufführen werden. Ich wurde sogleich überzeugt, mich dieser Gruppe anzuschließen, auch wenn ich vorher so meine Bedenken hatte. Tanzen ist nicht gerade eine meiner Leidenschaften oder Talente… Aber: Wir hatten einfach eine unglaublich lustige Zeit beim Proben und auf der Bühne!
Auch ein paar der anderen Lehrerinnen sind keine geborenen Tänzer, die Schritte wurden für uns extra einfach gehalten. Trotzdem: einen 5 Minuten langen Tanz an 2 Tagen zu lernen, ist eine Herausforderung. Den ganzen Dienstag und Mittwoch konnte man Lehrerinnen im ELT Room ein und aus gehen sehen, weil jeder, der gerade eine Freistunde hatte, zum Proben dorthin gegangen ist. Der Mittwoch (=14.November) kam und wir hatten erst zweieinhalb Minuten des Liedes mit Tanzschritten gefüllt! Irgendwie haben wir es aber noch geschafft, die zweite Hälfte am Vormittag zu lernen und am Nachmittag schon aufzuführen…
Ich wurde in einen pinken Saree gekleidet, denn zum Tanz muss man sich natürlich schick machen! Überraschenderweise war es aber gar nicht hinderlich beim Tanzen, sondern hat mir eher das Gefühl gegeben, dass ich, obwohl tamilisches Tanzen Neuland für mich ist, wenigstens ein bisschen graziös dabei aussehe:D Außerdem wurden mir Armreife und Ketten angelegt und Blumen ins Haar gesteckt.

 

Die Kinder haben den Tag sehr genossen, das Theaterstück der männlichen Lehrer und der Tanz der Lehrerinnen waren die Highlights des Nachmittagsprogramms. Noch eine Woche später wurde ich auf dem Gang mit „Your dance was super“ oder „Miss, you on Wednesday in Saree? Very nice!“ begrüßt. Die Hauptsache ist, dass die Kinder Spaß hatten, kleine Patzer sind in der allgemeinen Hochstimmung gar nicht aufgefallen 🙂

In der Zeitung habe ich gelesen, dass am Children‘s Day 40 Kinder aus sehr armen Familien in Tamil Nadu die Chance erhalten haben, zum ersten Mal in ihrem Leben (vielleicht auch zum letzten Mal… ) in einem Flugzeug zu fliegen. Sie sind von Chennai nach Madurai und wieder zurück geflogen und während des Flugs war ein bekannter tamilischer Schauspieler zur Unterhaltung mit dabei. Diese Veranstaltung wurde von der Regierung organisiert, teilweise auch als Prestigeprojekt zu Wahlkampfzwecken… Dennoch hatten die Kinder bestimmt einen unvergesslichen Tag!

Das ELT-Programm

Alle SchülerInnen der 6. bis 8. Klassen sind Teil des English Language Teaching (ELT) Programms, das in den Schulen im Rahmen des Englisch Unterrichts praktiziert wird. Jede Woche gibt es zwei extra Englisch Stunden, die zur Vertiefung und Anwendung des Lernstoffes gedacht sind (es gibt sogar ein separates ELT-book für alle SchülerInnen). Zusätzlich werden die Klassen in Teams aufgeteilt (z.B. yellow, indigo, red, green, orange) und sammeln im Unterricht Punkte. Jeden Tag gibt es ein Pouch word, eine Vokabel, die an diesem Tag an einer Karte ans Revers geheftet wird und gelernt werden soll. Dreimal im Jahr gibt es die ELT-Assembly, bei der das Programm ausschließlich von ELT SchülerInnen und LehrerInnen gestaltet wird. Diese Woche war die zweite ELT Assembly in diesem Schuljahr, und ich habe mit einigen SchülerInnen den Prayer Song und einen kleinen Sketch vorbereitet. Außerdem gab es einen Action Song (When you‘re happy and you know it, clap your hands…), eine Lesung aus der Bibel, dem Koran und einem heiligen Buch der Hindus, eine Conversation über das Fällen eines Neem trees, eine Geschichte auf Englisch, eine Rede, etc. etc.
Das meiste hat gut funktioniert und vor allem wir Lehrerinnen waren froh, als es endlich geschafft war! Wir haben bei jedem Satz mitgefiebert und mitgelitten, wenn jemand seinen Text vergessen hat:)

Seit einigen Wochen testen wir außerdem die Idee, wöchentlich ein Quiz-Programm für die ELT Klassen anzubieten. Wir haben mit der 8. Jahrgangsstufe angefangen und jetzt wechseln sich 6., 7. und 8. Klasse jede Woche ab. Bei dem Quiz werden 50 Vokabeln spielerisch abgefragt, die in der Woche vorher gelernt wurden. Die Klassen spielen innerhalb ihrer Jahrgangsstufe gegeneinander und sammeln Punkte. Da in jeder der Klassen ein bis zwei meiner Hostel Mädchen sind, kann ich mich nie entscheiden, für wen ich mitfiebern soll, aber es ist einfach schön zu sehen, mit wie viel Eifer die SchülerInnen dabei sind!

Das ELT-Programm trägt eindeutig Früchte, meine 8. Klassen sind viel enthusiastischer und aufgeweckter im Englischunterricht als die 9. Klassen, die das ELT-Programm nicht mehr mitmachen. Obwohl auch sie die letzten drei Jahre ELT-Englisch gelernt haben, trauen sie sich viel weniger in Englisch zu sprechen, als die 8. Klassen, die noch im Programm involviert sind. Das ist schade, finde ich!

Special Classes

Für eine Woche hatten wir an der Schule einen besonderen Gast. Ein Psychologie Professor mit einer speziellen Ausbildung in besonderen teaching-Methoden hat SchülerInnen, die Probleme mit dem Lesen oder der Rechtschreibung haben, das tamilische Alphabet und das Zusammensetzen von Wörtern spielerisch beigebracht. Er hat vieles über Lieder gemacht, außerdem mussten sich die SchülerInnen ständig bewegen, was ihnen sehr viel Spaß gemacht hat. Die 247 tamilischen Buchstaben hatte er auf Plättchen gedruckt und die mussten dann sortiert werden. Eine weitere Methode war, dass die Kinder am Ende des Unterrichts eine Buchseite aus einem ihrer Schulbücher laut (und mit laut ist wirklich sehr laut gemeint) vorlesen, und zwar alle gleichzeitig im Raum verteilt. Es hat sich angehört als wäre die halbe Schule im Raum und würde sich lautstark unterhalten, aber so wurde ihnen die Angst genommen, Fehler zu machen.

Dieser spezielle Unterricht wurde für ausgewählte SchülerInnen der 7. bis 10. Klasse angeboten, sogar an den zwei Feiertagen der Woche sind die SchülerInnen und LehrerInnen zu Professor Perumal gekommen. Die LehrerInnen waren abwechselnd mit bei den Special classes dabei. Zum einen zum Mithelfen und zum anderen um zu beobachten, wie Unterricht auch ausschauen kann.

Mich hat zuerst schockiert, dass es auch in der zehnten Jahrgangsstufe noch SchülerInnen gibt, die nicht lesen und schreiben können. Ich habe mich gefragt, wie sie es bis in diese Klasse geschafft haben, wenn sie bei den Klausuren nicht einmal die Fragen lesen, geschweige denn eine Antwort hinschreiben können. Aber im tamilischen Schulsystem kann man bis zur zehnten Klasse nicht durchfallen. Auch wenn man in allen Klausuren unterpunktet, wird man weitergeschickt in die nächste Jahrgangsstufe. Die Probleme werden dadurch nicht gelöst, sondern eher immer weiter aufgeschoben, das sehe ich und sehen auch viele der LehrerInnen sehr kritisch.

Apology letters

Ich habe in meiner ersten Woche hier zum ersten Mal etwas von einem „Apology letter“ gehört, nachdem zwei Siebtklässlerinnen im Hostel zu spät zur Studytime gekommen sind. Ich habe sie auf dem Boden sitzen und einen Brief schreiben sehen und sie gefragt, was das ist. „Apology letters, Miss“ „For the Sister, we came late so we write“. Was ich am Anfang noch für einen Scherz gehalten habe, ist keineswegs unüblich in Tamil Nadu. Täglich müssen in der Schule ganze Horden von Jungen und Mädchen ihre apology letters vom Schulleiter unterschreiben lassen, weshalb vor seinem Büro immer eine lange Schlange steht. Auch LehrerInnen müssen sich schriftlich entschuldigen, wenn sie etwas falsch gemacht haben (von mir wurde für einen Fehler noch nie ein Brief verlangt, ich glaube ich habe als Ausländerin da eine Sonderrolle).
Alle apology letters von SchülerInnen und LehrerInnen werden wie in einer Akte über jeden einzelnen gesammelt, und können jederzeit für oder gegen die jeweilige Person verwendet werden. Im Hostel werden die Mappen mit den apology letters den Eltern gezeigt, wenn sie zu Besuch kommen.
Erst dachte ich, dass die Apology letters nur an der Schule so gehandhabt werden, bis ich in Chennai erfahren habe, dass auch am College und in Firmen das apology letter Schreiben Gang und Gebe ist. Einmal wurde mir sogar eine Geschichte von einem Unfall erzählt, bei dem ein Fußgänger aus Versehen einen Fahrradfahrer zu Fall gebracht hat. Die Polizei hat zu dem Fußgänger nur gesagt „write an apology letter to him, then you can go home, it is not a big deal“.

Apology letters sind hier so alltäglich, aber ich finde trotzdem, dass es nicht so viel bringt, einen Brief als Entschuldigung abzugeben. Das wird niemanden davon abhalten, den Fehler nochmal zu begehen. Eine mündliche Entschuldigung direkt ins Gesicht des Betroffenen ist viel schwieriger und hinterlässt auch mehr Wirkung, als ein Brief. Wenn ich wütend auf jemanden bin, können mich doch ein ehrlich gemeintes „I am really sorry“ und vielleicht noch ein paar erklärende Worte viel eher besänftigen, als ein formeller Brief mit Unterschrift. Andererseits ist ein Brief natürlich offizieller, als eine mündliche Entschuldigung, also können beide Seiten sich darauf berufen, sollte es wieder Probleme geben.

Ein Apology letter besteht aus der Überschrift „Apology letter“, Name und Anschrift von Verfasser und Empfänger, einem kurzen Text über das Vergehen/den begangenen Fehler und den Unterschriften von Verfasser und Empfänger (in der Schule zusätzlich auch noch der Schulleiter).

Rotznasen und Binomische Formeln

Und hier der aktuelle Wetterbericht aus Tamil Nadu…

Die Regenzeit hat begonnen aber der Regen hat aufgehört!
Mitte Oktober hat sich der Regen mit einem letzten kräftigen Unwetter fürs erste verabschiedet. Es war genau der Tag, an dem alle in die 4-tägigen Ferien aufbrechen wollten. Pünktlich um 15 Uhr, als alle Schüler zurück ins Hostel stürmten, um ihre Taschen zu packen und ihren Eltern in die Arme zu fallen, begann ein Wolkenbruch. Für 2 Stunden hat es so sehr geschüttet, dass keiner einen Schritt aus dem Haus gewagt hat. Der Donner war so laut, dass wir dachten, ein Haus würde nebenan einstürzen! Nur Abina, die Unerschrockene, hat ein Papierboot gebaut und es zum Vergnügen aller draußen in dem vor der Hosteltreppe entstandenen Bach auf die Reise geschickt.

Das einzige, was uns jetzt, 2 trockene Wochen später, von der Monsunzeit bleibt: Moskitos 🙁
Brother Kulandai, der Schulleiter, hat offiziell den Beginn der Moskitophase angekündigt, als er eines Morgens Zeitung-schlagend und fluchend in den Speisesaal gestürmt kam. Und tatsächlich, seit diesem Tag nimmt die Anzahl meiner Stiche stetig zu! Es werden alle möglichen Abwehrmaßnahmen ergriffen:

– Es gibt 2 neue Moskito-Schläger in der Community, die die Köchinnen täglich im ganzen Father-Haus benutzen (sie sehen aus wie kleine Tennisschläger und sobald sie eine Moskito berühren gibt es ein lautes Knacken und Knistern; ich erschrecke immer noch oft, wenn Pungili, die eifrigste Moskito-Killerin, wie aus dem Nichts auftaucht und dieses Geräusch durch die Gänge hallt)

– Sobald man einen Raum betritt, wird als erstes der Deckenventilator eingeschaltet (auch nachts laufen die „fans“ auf Hochtouren)

– Die Türen werden hastig wieder zugeschlagen, wenn man in einen Raum rein oder hinaus geht, damit nicht noch mehr Moskitos ihren Weg nach Innen finden

– Mir wurde eine angenehm riechende Creme empfohlen, die sowohl die bereits vorhandenen Stiche kühlt, als auch vor neuen Angriffen der Moskitos schützt: Odomos (Allerdings wirkt mein Anti-Brumm aus Deutschland viel besser als Abwehr, meiner Erfahrung nach)

Eine weitere Folge des kühleren Klimas: es sind sehr sehr viele Leute krank. Zwei der Jesuiten, die Sister aus dem Hostel und drei der Köchinnen sind erkältet und einige von ihnen haben auch Fieber. Bei den Hostelkindern schaut es nicht besser aus: 15 von 35 Mädels sind mit Fieber nach Hause geschickt worden und täglich muss Brother Thomas aus dem Boys Hostel mit neuen Schülern ins Hospital nach Uthiramerur. Mich hat es noch nicht erwischt, und das obwohl ich keinen Koriander-Ingwertee oder Grass-Juice trinke, wie mir alle ständig raten. Hier ist es üblich, vorbeugend sehr gesunde, natürliche Mixturen zu sich zu nehmen, um gar nicht erst krank zu werden. Mir reicht allerdings schon die Vorstellung von Koriander-Ingwertee, um ein flaues Gefühl im Magen zu bekommen… Die Fathers trinken morgens immer eine halbe Tasse Grass-Juice, ich habe es an meinem ersten Tag hier probiert und beschlossen, dass es auch das letzte Mal sein würde, weil es für mein Empfinden einfach zu gesund geschmeckt hat. Die Regierung hat gestern für alle Schulen Neem-Tree Saft gesponsort, um die Schüler vor Erkältung und Gliederschmerzen zu schützen. Ich konnte diesmal leider nicht schnell genug entkommen und hatte plötzlich auch einen Becher mit dem bitteren Zeug in der Hand. Nase zu und durch!

Der Drei-Fronten-Krieg

Letztes Wochenende haben die 8. Klassen sehr viele Hausaufgaben in Mathe bekommen. Ihr neues Thema: Binomische Formeln. Verzweifelt kam am Freitag Nishanti zu mir und hat auf eine Buchseite voller Umformungsaufgaben gezeigt, die wir sogleich angepackt haben. Nach 3(!) Studytimes waren wir fertig. Als am nächsten Tag Tamilvani mit genau den gleichen Aufgaben zu mir kam habe ich innerlich ein bisschen geseufzt, aber habe eben nochmal genau das gleiche erklärt wie vorher ihrer Klassenkameradin. Am dritten Tag rannten die restlichen drei Mädels aus der 8. Klasse, Rajasri, Asina und Rebeka, alle auf einmal zu mir, um genau die gleiche Buchseite mit mir durchzuarbeiten. Da sie alle unterschiedlich schnell im Rechnen und im Merken der Formeln sind, musste ich jedem einzeln erneut die gleichen Umformungen erklären wie die 2 Tage davor auch schon. Nur dass diesmal von drei Seiten gerufen wurde:

„Naan first, Miss, pleeease“
„One formular, Miss, only one more formula“
„I, Miss, I, Rebeka was so long now“
„No Miss, me first, tomorrow my Maths Sir will correct!“
„Rajasri only sleeping, come here Miss“
„Miiiiss Miiiss, this one is right Miss? You see!“

Ich habe versucht, allen dreien gerecht zu werden, aber es herrschte wirklich Krieg in dieser Studytime! Der Krieg um meine Aufmerksamkeit und der Krieg gegen die binomischen Formeln. Wir haben aber alle gemeinsam die Schlacht gewonnen, weil am Montag Morgen in der Morning Study auch noch die letzten Formeln ihre Anwendung gefunden hatten und wir zufrieden die Mathebücher schließen konnten. Zumindest bis zum nächsten Mal…

Science exhibition

Am Science exhibition Day an der Loyola Higher Secondary School waren alle SchülerInnen sehr aufgeregt. Jede Klasse hat verschiedene Versuche, Plakate oder eigene Erfindungen präsentiert, die alle in der großen „Indigo Hall“ aufgebaut waren. Es gab so viele pfiffige Projekte, wie Straßenlaternen mit Bewegungsmelder (zum Stromsparen), ein kompliziert aussehendes System von Wasserrohren in einem Haus (um Regenwasser geschickt weiterzuleiten) oder einen ferngesteuerten Roboter mit Flaschendeckeln als Räder.

 

Mein Lieblings-Projekt war eine kleine Maschine aus einer CD mit Löchern und einer Plastikflasche, die Seifenblasen erzeugt hat:)

Begeistert habe ich mir alles angeschaut und mir eifrige Erklärungen meiner Englischschüler zu ihren Erfindungen angehört.

Pooja, Affen und Fisch

In den vorher schon erwähnten Ferien Mitte Oktober war ich wieder in Chennai am Loyola College bei Father Dominic. Er hat mich gleich am ersten Ferientag mitgenommen auf einen Ausflug in den Westen Tamil Nadus. Unsere Reisebegleitung: Father Venish aus Chennai und der Driver des Loyola College, Baskar. Wir sind zuerst zu einem Arzt in Krishnagiri gefahren, der Naturheilkundler ist und dem Dominic sein vollstes Vertrauen schenkt. Während die Männer im Wartezimmer gewartet haben, war ich eher interessiert an dem Laden für Tore und Zäune nebenan. Es war Pooja-Fest an diesem Tag, das bedeutet, dass alle Gegenstände verehrt werden, die uns im Alltag und im Arbeitsleben helfen. Deshalb wurden alle Maschinen und Fahrzeuge des kleinen Ladens mit Blumen, Farben und Obst geschmückt und um eine Gottesstatue herum platziert. Ich wurde eingeladen, ganz vorne bei der Zeremonie mit zuzuschauen, eine große Ehre, die mir vermutlich wegen meiner weißen Haut zuteil wurde. Eine Schale mit Feuer wurde vor den Gegenständen mehrmals im Kreis geschwenkt, danach haben alle Gäste dreimal mit den Händen (ganz leicht) die Flammen berührt und die Hände danach zur Stirn geführt – eine Geste der Verehrung. Danach wurde das gleiche mit einem Kürbis wiederholt, den man ebenfalls zum brennen gebracht hat. Um das Haus für das nächste Jahr zu segnen, wurde er vor dem Eingang zu Boden geschmissen und ist in 4 gleichgroße Teile zersprungen. Ich habe voller Staunen diesen ganzen Ereignissen zugeschaut und war froh, dass ich nicht wie die anderen die ganze Zeit im Wartezimmer gesessen habe! Zum Abschied wollten alle auf dem kleinen Pooja-Fest mit mir Bilder machen und ich habe eine riesige Tüte mit knusprigen Snacks in die Hand gedrückt bekommen. Die haben wir auf der weiteren Fahrt im Auto gemeinsam verspeist:)

Wir sind als nächstes zum Hogenakkal Wasserfall an der Grenze zu Karnataka gefahren, der in einem riesigen Naturschutzgebiet liegt, aber sehr touristisch ist. Kurz vor unserer Ankunft fuhren wir ein Stück durch wunderschöne Waldlandschaften, Schilder am Straßenrand warnten vor Elefanten und Affen, die die Straße überqueren könnten. ELEFANTEN?! Ich war ganz aufgeregt und habe wie gebannt in die Bäume rings um gestarrt, ich wollte unbedingt einen Elefanten entdecken! Aber wie zu erwarten meiden Elefanten die Umgebung der Straße, zu viele Menschen treiben dort ihr Unwesen. Also keine Elefanten, dafür aber umso mehr Affen. Freche Affen! Sie sind auf Autos geklettert, haben Essen von Tellern stibitzt und sind einem wirklich nah gekommen. Wir haben im oberen Becken des Wasserfalls ein Bad genommen, der Wasserfall selbst war leider gesperrt und wir konnten ihn nicht anschauen:( Aber Baden war auch lustig, ich hatte extra Klamotten mitgenommen, die ich beim Schwimmen anziehen kann. Badeanzüge kann man in Indien höchstens an sehr touristischen Stränden in den großen Städten anziehen, ansonsten sollte man, wie die indische Bevölkerung, auf Schwimmen mit Kleidung umsteigen, aus Respekt der einheimischen Kultur gegenüber. Die Fathers sind zum Männer-Badeplatz gegangen, Baskar, der Driver, ist als mein Aufpasser mit zur Frauen-Seite gekommen. Komischerweise waren auch viele Männer auf der Frauen-Seite im Wasser… Erst hatte ich ein bisschen Bedenken, was ich da alleine im Wasser eigentlich soll, aber sie waren unbegründet! Schon 2 Sekunden nachdem ich das Wasser berührt hatte, umgab mich eine Schar von Frauen, die mich hineingeführt und angelächelt hat. Sofort begannen Frauen und Männer, die nahe genug an mir dran waren, Fragen zu stellen. What is your name? Where are you from? Where are you staying in India? Who came with you? Do you have brothers and sisters? Do you like India? Do you like our food? How old are you? Etc. etc.

Meine neuen Badefreunde waren auch begeisterte Selfie-Macher, nach 20 Minuten hatte ich dann auch genug, obwohl die Leute wirklich nett und das Wasser sehr schön kühl war. Ich wollte meine Klamotten zum trocknen aufhängen, bis die Fathers von ihrem Bad zurückkamen, aber eine Gärtnerin meinte hastig, ich sollte meine Sachen ganz schnell wieder einpacken! Der Grund waren die diebischen kleinen Affen…

Nach diesem aufregenden Tag kamen wir abends sehr erschöpft wieder in Chennai an und ich habe es die nächsten Tage eher ruhig angehen lassen:)

An dieser Stelle muss ich eine kleine Korrektur für meinen letzten Blogeintrag vornehmen. Ich habe eine Kirche mit Kirchenbänken gefunden: die auf dem Loyola College! Aber bisher ist das auch die einzige, in der ich welche gesehen habe…

Ich habe in Chennai zwei Freundinnen gefunden, Studentinnen am Loyola College, mit denen ich mich in meinen Ferien immer treffe. Nooria, eine Studentin aus Afgahnistan, und ich sind zusammen essen gegangen und haben die Läden rund um das Loyola College erkundet.

Leider musste sie und auch meine andere Freundin für ihre Klausuren lernen, weshalb sie nur wenig Zeit hatten. So bin ich mit Fr. Dominic zu einer mit ihm befreundeten Famile gefahren, die er vor 3 Jahren auf einer Zugfahrt kennengelernt hat. Seither haben sie Kontakt gehalten und es sind wirklich nette Leute! Sie haben ein riesiges Essen für uns zubereitet, allerdings eine Herausforderung für mich als Fisch-und-Meeresfrüchte-Skeptikerin… Es gab frittierte Fischscheiben (die noch alle winzige Gräten hatten), Fischcurry(im Curry werden traditionellerweise nur Kopf und Schwanz des Fisches verarbeitet) mit Reis, Biriyani mit Garnelen und als Beilage Zwiebeln mit Garnelen. Ich muss zugeben, dass die kleinen Garnelen ein bisschen wie Hühnchen geschmeckt haben und gar nicht so schlecht waren, aber Fischkopf brauche ich wirklich nicht nochmal… Es gab danach aber noch leckeren Nachtisch und nach dem Nachtisch noch Schokoeis und nach dem Schokoeis noch Tee und Cashew-Snacks. Auch Onkel und Tante der Familie waren für unseren Besuch angereist und wir führten viele gute Gespräche.

Teilen ohne zu zögern

Wie schnell die Zeit vergeht…

3 Monate sind schon vergangen, seit ich mich auf den Weg nach Indien gemacht habe, es ist kaum zu glauben! Die Zeit vergeht für mich wie im Flug, da im April die Sommerferien für die SchülerInnen anfangen, bleiben im Prinzip nur noch 6 Monate Schule übrig!
Ich habe im September endlich meinen Willkommens-Baum gepflanzt! Father Samy, der Pflanzen-Beauftragte von Kuppayanallur, meinte schon vor Wochen, ich sollte (ganz nach tamilischer Tradition) einen Baum pflanzen, um den Start in einen neuen Lebensabschnitt zu markieren. Wenn ich gehe, soll ich einen zweiten pflanzen… Und so kam er eines Tages mit einem bereits sprießenden Coconut-Tree-Samen, den ich dann unter dem Beifall der Mädels einpflanzen konnte.

Es wurden noch drei weitere Bäume daneben gepflanzt und ich wurde zur Bewässerungs-Beauftragten ernannt. An jedem regenlosen Tag schnappe ich mir drei Mädels und wir schleppen Wasserpötte zu den jungen Bäumen, damit sie auch gut wachsen.

Meine ersten Ferien in Indien

Ende September waren einige Tage lang Ferien. Für einen Nachmittag habe ich eine der 11. Klässlerinnen aus dem Hostel zu Hause besucht. Sie wohnt in einem Vorort von Chengalpat, wo ich am Abend einen Zug erwischen musste. Nach dem Mittagessen in Kuppayanallur bin ich zu ihr gekommen und wurde mit einem zweiten Mittagessen überrascht. Eigentlich war ich schon völlig satt, aber hausgemachtes Biriyani sollte man wirklich nicht ablehnen! Zwei volle Teller später konnte ich einen dritten erfolgreich abwehren, ohne unhöflich zu sein, auch wenn es wirklich lecker war! Womit ich nicht gerechnet hatte: Es gab noch Nachtisch… Auch der war speziell für mich zubereitet worden, so was ähnliches wie Teigtaschen mit Nussfüllung. Anschließend haben wir uns umgezogen für einen Besuch in 2 Hindutempeln in der Nähe. Ich habe einen sehr edlen, sehr pinken Saree von ihrer Mutter getragen und war etwas langsam beim Laufen, sehr darauf bedacht nicht auf den Stoff zu treten 🙂

In den Tempeln sind wir jeweils 3 mal im Kreis gelaufen, bevor wir in der Mitte vor der Gottesstatue so etwas wie ein Mini-Räucherstäbchen angezündet haben.

Im ersten Tempel gab es einen „Wächter“, der nur einen Dothi (ein weißes Tuch, das viele tamilische Männer traditionell umbinden und statt einer Hose tragen) trug und der mich über meine Herkunft und meine bisherigen Erfahrungen in Indien ausgefragt hat. Zurück im Haus gab es zum Abendessen nochmal Biriyani, dann bin ich zu meinem Zug gebracht worden.
Es war ein Nachtzug nach Sivagangai, einer sehr südlichen Stadt in Tamil Nadu, wohin ich mit meinem Mentor Father Dominic und seinem Kollegen Father Justin aufgebrochen bin. Die beiden haben sehr gut auf mich aufgepasst und so hatte ich eine sehr gemütliche Nacht in einem der obersten Betten des Zuges (es sind immer 3 übereinander) 😀 Wir sind dorthin gefahren für die Priesterjubiläumsfeier einiger Jesuiten. Die Familie von einem der Jesuiten hat das Fest ausgerichtet und organisiert.

Ich war schon vorher öfter auf Feiern wie dieser in Indien und wage zu behaupten, dass sie (zumindest wenn Jesuiten beteiligt sind) immer ähnlich ablaufen. Zuerst ist Gottesdienst, dann werden Geschenke überreicht. Hierfür stellt sich eine sehr lange Reihe von Menschen hintereinander auf, jeder mit Früchten, Deko-Gegenständen, Kleidung, Taschen, Blumen oder anderen Geschenken in den Händen. Nacheinander überreichen sie diese und werden im Gegenzug von dem Beschenkten gesegnet. Danach kommen alle anderen Gäste der Feier und segnen den Gefeierten, indem sie ihm einen Schal umlegen (ich habe noch nicht herausgefunden, was Männer nach der Feier mit so vielen Schals anstellen…). Von jedem, der einen Schal überreicht und gratuliert, wird ein Bild mit dem Gefeierten gemacht, danach startet das Programm (Singen, Tanzen) und am Schluss steht die Dankesrede. Danach können alle zum Essen kommen, es gibt bei Feiern IMMER Biriyani, viele Soßen, Gemüse und Fleischstückchen dazu, eine kleine Flasche Wasser und als Nachtisch Eiscreme. Gegessen wird mit einem Bananenbaumblatt als Teller, das danach schnell und sauber entsorgt werden kann. Leider kommt bei wirklich jedem Fest die Eiscreme viel zu früh, sodass sie immer schon geschmolzen ist, wenn man fertig gegessen hat!

In Sivagangai habe ich auch die Kathedrale besucht, die direkt neben dem Bischofshaus steht.

Alle Kirchen, die ich bisher in Tamil Nadu gesehen habe, unterscheiden sich sehr von Kirchen in Europa. Die Mauern sind bunt angemalt, es gibt viele Heiligen-, Jesus- und Marienstatuen und sehr bunte Dekorationen mit Blumen und glänzenden Stoffen. Die schönen Verzierungen zeigen die große Hingabe an Gott und sollen den Ort als etwas Verehrungswürdiges kennzeichnen. Das ewige Licht war in der Kathedrale eine elektrische Lampe statt einer Kerze und in keiner Kirche gibt es Kirchenbänke. Die Gemeinde sitzt am Boden, nur die älteren und die „wichtigen“ Personen sitzen auf Plastikstühlen.

Nach der Feier sind wir mit dem Auto zurück nach Chennai gefahren, wo ich die restlichen Tage der Ferien am Loyola College verbracht habe. Neben ein bisschen Shopping, um mich mit einem Regenschirm und außerdem mit Haarspangen, Sicherheitsnadeln und Potu (den Punkten auf der Stirn) auszustatten, war ich mit zwei Freundinnen aus Chennai im Kino. Der Film „U-Turn“ entpuppte sich als tamilischer Thriller/Horrorfilm, war aber wirklich spannend und obwohl ich fast kein Tamil kann, habe ich die Story sehr gut verstanden! Da es kein Liebesfilm war, gab es kein Tanzen und Singen, wie man es sonst von Bollywoodfilmen kennt. Es hat eher an einen Krimi erinnert (nur etwas gruseliger), wie wir ihn auch in Deutschland gerne sehen.

Inzwischen sind wir wieder alle zurück im Hostel. Die Ferien waren sehr lustig und entspannend, aber es ist doch auch wunderschön, alle inzwischen so vertrauten Gesichter wiederzusehen und zu wissen: hier gehöre ich hin!

„Remember, that the happiest people are not those getting more, but those giving more“  -H. Jackson Brown

Dieser Satz trifft auf die Menschen in Indien auf jeden Fall zu! Jeden Tag bin ich aufs Neue erstaunt, wie selbstverständlich und friedfertig Radiergummis, Stifte, Kleber, Scheren etc. im Hostel von einem zum anderen Mädchen weitergegeben werden, sobald jemand danach fragt. Ohne mit den Augen zu rollen oder genervt anzumerken, dass die Fragende sparsam damit umgehen soll, werden auch fast leere Kleberflaschen oder das letzte leere Blatt in einem Heft an andere verteilt! Nicht viele Mädchen im Hostel besitzen Buntstifte, aber diejenigen, die welche haben, verstecken sie trotzdem nicht vor den anderen, um selbst mehr davon zu haben. Und nicht nur mit den eigenen Freunden wird geteilt, sondern mit jedem, der es braucht.

Das gleiche gilt für alle Arten von Essen und Trinken! Jeden 2. Sonntag dürfen die Eltern ihre Kinder am Nachmittag besuchen und bringen ihnen stets eine Vielzahl von Blumen (fürs Haar), Snacks und anderen Kleinigkeiten mit. Neulich sitze ich mit zwei 6. Klässlerinnen in der Studyhall und eine der beiden erzählt mir traurig, dass ihre Eltern meistens nicht genug Geld haben, um ihr Snacks mitzubringen. Eine Sekunde später steht die andere 6. Klässlerin auf und stürmt zum Platz ihrer großen Schwester, um ein Päckchen mit Nüssen für ihre traurige Freundin zu holen. Auf dem Weg wurde sie leider von der Sister erwischt und musste sich als Bestrafung fürs Herumlaufen (während der Studytime) in der Mitte aufrecht auf den Boden knien und da warten, bis die Sister sie zurück auf ihren Platz schickt. Diese Ungerechtigkeit hat mir fast das Herz gebrochen, immerhin wollte sie nur etwas Gutes tun und wird dann dafür bestraft. Da Snacks aber ein noch schlimmeres Vergehen als Herumlaufen sind, konnte ich der Sister wohl kaum die Situation erklären, ohne die Bestrafung noch zu steigern 🙁

Kleine Päckchen mit Chips-ähnlichen, knusprigen Leckereien und Nüsschen sind hier sehr beliebt. Wenn mir jemand mit so einem Päckchen entgegenkommt, wird mir immer etwas angeboten/aufgedrängt. Egal wie oft ich beteuere, dass ich gerade keinen Hunger habe oder gerade erst Snacks im Fatherhouse gegessen habe, bevor ich nicht eine Hand voll genommen habe wird keine Ruhe gegeben. Glückliche Gesichter schauen mir dann beim Essen zu und fragen hoffnungsvoll: „Tasty?“. Auch wenn wir in größerer Runde beisammen sind, jeder bekommt etwas ab! Und jeder, der etwas gegeben hat, freut sich, wenn die anderen es mit genießen konnten.
Diese Lebenseinstellung finde ich sehr schön und sehr berührend. Ich will damit nicht sagen, dass wir in Deutschland nicht gerne teilen! Wir haben in der Schule auch manchmal Kuchen, Mini-Tomaten, Brot etc. untereinander geteilt. Nur die Selbstverständlichkeit des Teilens habe ich noch nie so sehr gespürt wie hier! Sogar eine mir völlig unbekannte Frau im Zug hat mir neulich ein total leckeres, süßes Sesam-Bällchen geschenkt, weil ich zufällig daneben stand, als sie sich welche davon gekauft hat… Es gibt noch so viel mehr Beispiele, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann!Doch schon allein die Frage „Saptingalaa?“ (Hast du schon gegessen?), die man an jeden richtet, den man so im Vorbeigehen trifft, zeigt, wie sehr die tamilische Seele um das leibliche Wohl ihrer Mitmenschen besorgt ist. Beantwortet man die Frage mit Nein, erntet man einen besorgten Blick und sollte schnell beteuern, dass man gerade auf dem Weg zur nächsten Mahlzeit ist.

Neben dem Teilen fällt mir auch auf, dass die Hostelmädchen trotz vieler kleiner Streitigkeiten doch auch untereinander sehr verbunden sind. Sie sitzen alle im gleichen Boot und haben es bei den hohen Erwartungen an sie nicht immer leicht hier.
Vor einer Woche bekamen die 6. Klässlerinnen als Hausaufgabe auf, bis zum nächsten Tag die Zahlen von 1 bis 5000 aufzuschreiben. Tapfer haben sie in der Studytime angefangen, ohne die Sinnhaftigkeit dieser Hausaufgabe zu hinterfragen (ich an ihrer Stelle hätte mich furchtbar über den Lehrer aufgeregt!). Nach einiger Zeit habe ich bemerkt, dass auch die 9. Klässlerinnen pausenlos Zahlen auf ein Blatt Papier schreiben. Als ich sie gefragt habe, ob sie die gleiche Aufgabe bekommen haben, stellte sich heraus, dass jede von ihnen einem der jüngeren Mädchen beim Zahlen aufschreiben geholfen hat! Statt für ihren Poem test am nächsten Tag zu lernen, haben sie die gesamten 2 Stunden der Evening Study für ihre kleinen Hostel-Schwestern die Zahlen von 3000 bis 5000 aufgeschrieben! Ohne diese Hilfe hätten es die 6. Klässlerinnen nie bis zum nächsten Tag geschafft, aber so präsentierten sie mir um 9.45 pm stolz ihre Blätter voller Zahlen. Auch aus den anderen Klassenstufen gibt es viele sehr hilfsbereite Mädels, die selbstlos Hausaufgaben oder Strafarbeiten ihrer Hostel-Kameradinnen mittragen, wenn die es alleine nicht schaffen.

Baustelle Hostel

Kurz vor den Ferien wurde ein Leck in den Wasserleitungen, die „Gracy Illam“ versorgen, festgestellt. Erst hat man sich mit einer provisorischen, überirdischen Leitung beholfen, die über die Fenster mitten durch ein Gebäude verlaufen ist. Schließlich mussten dann aber doch der Boden aufgerissen und die Rohre ersetzt werden, das war ein sehr großer Aufwand.

Leider hatten wir dadurch kein Wasser mehr im Hostel und auch nicht im Fatherhouse. Doch die Arbeiten wurden innerhalb von 2 Tagen abgeschlossen, sodass unsere vorher abgefüllten Wasservorräte noch gereicht haben. Nach den Ferien wurde das gleiche Leck in den Leitungen zum Boys Hostel gefunden… die gleiche Aktion nochmal, nur auf der gegenüberliegenden Seite des Campus.
Außer den neuen Rohren hat auch die Wasserstelle einen neuen Anstrich über die Ferien bekommen und es wurden die Wäscheleinen nachgespannt. Alles sieht jetzt ein bisschen ordentlicher aus, mal schauen, wie lange das so bleibt… 🙂

Durch den stets heftiger werdenden Regen wird es immer matschiger draußen und leider kommen auch jeden Tag mehr Mosquitos dazu. Wenn es sehr stark windet und regnet, ist meistens schulfrei, da die Kinder aus den etwas weiter entfernten Dörfern sonst auf ihrem Schulweg gefährdet wären.

An solchen Tagen fällt uns im Hostel oft die Decke auf den Kopf, weil wir den ganzen Tag eingesperrt sind. Um Erkältungen vorzubeugen darf niemand rausgehen, wenn es regnet. Aber dafür werden an Regentagen die Brettspiele ausgepackt, ein seltenes Privileg, das mit großer Begeisterung aufgenommen wird. Ich habe die indische Variante von „Mensch ärgere dich nicht“ gelernt, das Spiel heißt „Daibas“ und wird nicht mit einem Würfel sondern mit 4 Hälften einer Tamarind-Nuss gespielt, die entweder „weiß“ oder „schwarz“ zeigen können. Es macht großen Spaß und man kann sogar im Team spielen! Als Spielfiguren kann alles mögliche dienen, wir haben uns für „Sicherheitsnadeln“ gegen „Haarclips“ entschieden.

Von Klausuren, Müll und Vorurteilen

Regen und Lernen – der September im Gracy Illam Hostel

Man spürt in Kuppayanallur allmählich den Beginn der Regenzeit, fast jeden Abend gibt es einen kleinen Schauer, ab und zu gewittert es auch sehr stark. Von vielen Bäumen brechen dabei große Äste ab, was sehr gefährlich sein kann.

Die Stromversorgung ist an solchen Tagen fast dauerhaft gestört. Vor ein paar Tagen ist der Strom im Hostel komplett ausgefallen, nur manchmal gaben die Lampen noch ein leichtes Flackern ab, ein sehr schwaches Lebenszeichen. Kürzere Stromausfälle sind hier ganz normal, aber so lange war es wirklich noch nie… Zum Glück gibt es in jedem Raum einen Ventilator und eine Lampe, die von einer vom Stromnetz unabhängigen Stromquelle versorgt werden! Aber bei dauerhaft flackernden Lampen oder ganz ohne Licht (wenn auch die unabhängige Stromquelle ausfällt) sind die Studytimes am Abend und in der Nacht eher sinnlos, weil man die Notizen kaum lesen kann…

Für Tamil Nadu ist dieser frühe Beginn der Regenzeit eher untypisch, normalerweise ist sie eher im Oktober/November. Aber die Bäume haben ein bisschen Wasser nötig, jeden Abend singen wird beim Night-Prayer ein Lied mit der Bitte um Regen.

Momentan sind die 2 Klausuren-Wochen für alle Klassenstufen. Das Schuljahr gliedert sich in 3 Semester, am Schluss jedes Terms sind die Klausuren. Während der Schulzeit gibt es nur kleinere Tests, vergleichbar mit Exen in Deutschland. Einmal war ich bei einem solchen Test in Englisch dabei, die Lehrerin hat am Pult mündlich Fragen gestellt und die SchülerInnen haben die Antworten in ihr Test-book, ein Heft nur für Tests, geschrieben. Anschließend ist die Lehrerin durch die Reihen gegangen und hat direkt alle Tests auf Richtigkeit geprüft.

Die Klausuren laufen aber ähnlich ab wie in Deutschland, man bekommt ein Angabenblatt (Question Paper) und bearbeitet das auf einem Extrabogen Papier. Dass alle Klausuren hintereinander in 2 Wochen gequetscht werden, ist sehr stressig für die SchülerInnen, aber andererseits haben sie während des restlichen Semesters dafür ihre Ruhe. Für ein paar Minuten habe ich bei der Englisch-Klausur zugeschaut, weil es mich sehr interessiert hat, wie das abläuft. Die meisten SchülerInnen (mehrere Klassenstufen hatten gleichzeitig Klausur) saßen in der großen „Indigo Hall“, einem sehr sehr langen, schmalen Raum mit unzähligen Schulbänken, und die Lehrer sind durch die Gänge patrouilliert mit sehr strengem Blick. Ich habe den SchülerInnen und vor allem meinen Hostel-Girls ermutigend zugelächelt, ich wünsche ihnen ganz viel Erfolg! Unsere stundenlange Arbeit während der Studytimes soll sich bitte bitte auszahlen 🙂

Abgefragt werden in Englisch vorwiegend auswendiggelernte Texte. Daran muss ich mich immer noch sehr gewöhnen, denn das Schulsystem, das ich gewohnt bin, legt viel größeren Wert auf freies Sprechen und Schreiben. Wenn ein Text bearbeitet wird, schreibt der Lehrer Fragen und einige Sätze als Antwort an die Tafel. Für die Klausur werden die Antworten auswendig gelernt und zusätzlich noch ein Gedicht und der Text eines Entschuldigungsschreibens.

Das liegt zum Teil daran, dass viele der LehrerInnen nur sehr kurz für den Beruf als LehrerIn ausgebildet wurden und nicht nur 2-3 Fächer unterrichten, sondern z.B. der Schulleiter am Anfang des Jahres zu einem Tamil-teacher sagt: „Könnten Sie dieses Jahr nicht eine 8. Klasse in Science und eine 7. sowie eine 10. Klasse in Englisch unterrichten?“ Ich bewundere die LehrerInnen für ihre Flexibilität und Spontanität, auch wenn sie diese nicht immer ganz freiwillig zum Einsatz bringen müssen.

Dutytime für Samira Miss

Einmal pro Woche gibt es eine sehr lange Dutytime, in der Unkraut gejätet, Müll aufgesammelt und entsorgt wird. Ich habe mich diese Woche den 6. Klässlerinnen angeschlossen, die herumliegendes Plastik aufsammeln sollten. Zu viert haben wir uns über 2 h lang dem Plastik auf einem kleinen Stück Land gewidmet, das direkt neben dem Pausenhof der Schule liegt.

Auch nach 2 h lag immer noch viel herum… Da ich sehr viele Plastiktüten aus der Erde herausgezogen habe, vermute ich, dass unterhalb der Humusschicht an der Oberfläche noch ein ganzes Meer an Flaschen, Bonbonpapierchen, Stiften, Plastiktüten, Aufklebern etc. verborgen ist. Ich glaube, die Mädels der 6. Klasse haben etwas unter meinem Perfektionismus gelitten, weil ich sie auch nach dem dritten Mal Fragen: „This place finished, Miss?!“ noch zum Weitermachen aufgefordert habe. Meiner Meinung nach bringt es mehr, einmal gründlich sauber zu machen, dann hat man erstens das nächste Mal weniger zu tun und zweitens fühlen sich die Nächsten eher schuldig, neuen Plastikmüll auf ein sauberes Stück Land zu werfen, als wenn schon unzählige andere Papierchen dort liegen. Die Arbeit war wirklich anstrengend, weil man sich dauernd bücken musste und die meiste Zeit in der prallen Sonne gearbeitet hat. Aber vielleicht wird den Mädels und mir durch diese Anstrengung bewusst, dass wir weniger Plastik verbrauchen und herumliegen lassen sollten. Natürlich haben die Hostelbewohner nicht den gesamten Müll an diesem Platz verursacht (es scheint eine Art Müll-Entsorgungsplatz für alle SchülerInnen geworden zu sein), aber trotzdem kann es ein Denkanstoß sein, was den eigenen Umgang mit Plastik betrifft…

Der Müll ist hier sehr präsent, seitlich an jeder Straße (egal ob Stadt oder Land) kann man Plastik-, Papier- und Biomüll rumliegen sehen. Manchmal werden Müllsäcke auch einfach an einen Baum gehängt und der nächste, der das sieht, hängt seinen gleich mit dazu. So etwas wie eine Müllabfuhr habe ich noch nicht bemerkt, nur in Chennai habe ich oft Frauen in blauen Sarees gesehen, die als Angestellte den Müll auf den Straßen aufgesammelt haben. Der Müll aus dem Hostel wird in großen Löchern im Boden entsorgt, die zugeschüttet werden, wenn sie voll sind.

Aber die Regierung in Tamil Nadu versucht nun, die Situation zu verbessern. Ab nächstem Jahr sind Einweg-Plastiktüten so wie andere use-and-throw-Plastikprodukte verboten, auch hier an der Schule werden bereits eifrig Vorkehrungen getroffen, um plastic-free zu werden. In einem Zeitungsartikel der Zeitung „The Hindu“ habe ich gelesen, dass nun von Umweltschützern gefordert wird, auch multi-layer Plastik, das oft als Verpackungsmaterial verwendet wird, mit in den Bann aufzunehmen. Dagegen wehren sich jedoch die Plastik-produzierenden Konzerne, die neben hohen Geldverlusten dann auch zahlreiche Arbeitsplätze abschaffen müssten. Die Regierung will auch dafür sorgen, dass ein umfassendes System von Müllentsorgung und Recycling aufgebaut wird, bisher fehlt dafür noch die Infrastruktur und auch das Bewusstsein in der Bevölkerung. Aber es wird! Dieses Gesetzt ist ein Schritt in die richtige Richtung, ich bin gespannt, wie gut es funktionieren wird.

Was aber jedem von uns in Deutschland bewusst sein sollte: Nur weil man den Müll bei uns nicht in den Straßen herumliegen sieht, bedeutet das nicht, dass wir weniger Müll produzieren. Er wird nur geregelter entsorgt! Die meisten von uns wissen das auch, aber das eigene Verhalten im Alltag zu ändern, dafür reicht es dann oft nicht. Ich kenne dieses Gefühl sehr gut und doch glaube ich, noch einige Dutytimes mehr und ich werde keine Stifte, Plastikflaschen und verpackte Lebensmittel mehr ansehen können, ohne darüber nachzudenken, wo dieses Stück Plastik wohl landen wird nach dem Wegschmeißen.

Apropos Plastikflaschen: Über das Trinken aus Flaschen ist mir hier etwas aufgefallen, über das ich daheim nie groß nachgedacht habe. Wenn wir uns in Deutschland eine Flasche Wasser teilen, dann wischen wir einfach nach dem Trinken schnell den Kopf der Flasche ab und geben sie weiter. Hier ist das nicht nötig, weil keiner das Trinkgefäß mit dem Mund berührt beim Trinken. Es stehen überall Wasserkanister herum, auf denen eine Tasse steht, die jeder benutzt, ohne dass Spucke drankommt. Spülen wird überflüssig und es gibt keinen den ekligen „Spuckschluck“! Die indische Methode ist eindeutig hygienischer, wenn auch sehr anspruchsvoll. Bei dem Versuch es den Menschen in meinem Umfeld gleichzutun habe ich mich schon öfters komplett mit Wasser übergossen, v.a. im fahrenden Auto. Aber ich werde besser!

Genauso wie beim Essen mit der rechten Hand. Während es in den ersten Tagen sehr anstrengend war, mich nicht über und über mit Soße voll zu kleckern, habe ich inzwischen eine unfall-freiere Methode gezeigt bekommen. Anstatt den Kopf leicht in den Nacken zu legen und das Essen quasi von oben hereinfallen zu lassen, drückt man eine kleine Portion Essen zwischen den rechten Fingern zusammen und schiebt das ganze mit dem Daumen (wie bei einem Kuchenheber mit Anschieber :D) in den Mund. Die Zunge wird dem Essen dabei entgegengestreckt und „empfängt“ die kleine Portion im Mund. Ich habe den Dreh mit der Zunge immer noch nicht 100 Prozentig raus, aber es wird jeden Tag einfacher. Dennoch bin ich fast immer die Langsamste beim Essen, weil die Fathers und Brothers den ganzen Vorgang in einer unglaublichen Geschwindigkeit vollziehen, die ich wohl nie erreichen werde. Aber ich würde gerne mal sehen, wer bei einem Teller Spaghetti mit Tomatensoße mit Löffel und Gabel schneller ist, sie oder ich… 😀

Fauna Gracy Illam Hostel

Seit ich hier bin sind mir (neben Kühen auf den Straßen, Feldern, Müllplätzen) viele Tiere aufgefallen, die mir in Deutschland sonst nicht täglich begegnet sind. Neben erstaunlich bunten Arten von Tausendfüßlern, laufe ich nachts oft an Kröten vorbei. Wenn sich Kröten ins Hostel verirren, gibt es immer ein großes Geschrei, aber nichts toppt die Aufregung, wenn mal wieder eine kleine Schlange gesichtet wurde! Die wird so lange verfolgt, bis sie außer Reichweite der Hostelmädchen gelangt.

Statt Eichhörnchen gibt es hier hunderte Streifenhörnchen, die sehr sehr süß sind und einen total weichen, buschigen Schwanz haben (manchmal fangen die Mädels eines und zeigen es mir stolz, bevor sie es wieder laufen lassen).

Sehr präsent, vor allem in der Lautstärke, sind die Krähen, die Tag und Nacht schreien und sich begierig auf alle Essensreste stürzen, die zu Boden fallen. Konkurrenz machen ihnen dabei die wild lebenden Hunde, auf dem Schulgelände sind immer 3-4 davon und dösen vor sich hin. Sie sind sehr schreckhaft, weil sie es gewohnt sind, mit geworfenen Steinen vertrieben zu werden…

Auch im Haus leben einige Tiere, allen voran die Ameisen. Sobald man irgendetwas Essbares offen liegen lässt, wimmelt es nach einiger Zeit von Ameisen, die ihre Löcher überall zu haben scheinen. Die wohl nützlichsten tierischen Mitbewohner in meinem Zimmer sind Geckos, weil sie dafür sorgen, dass nur sehr wenige Mosquitos dort wohnen. Während der Studytimes bekommen wir immer viele Stiche, v.a. an den unbedeckten Füßen und Armen, aber zum Glück verschwinden die roten Stellen nach einem Tag gleich wieder. Letzte Woche haben außerdem 6 Affen das Schulgelände besucht! 5 ausgewachsene Tiere und ein kleines Baby machten die Dächer einen Nachmittag lang unsicher. Wir Hostelbewohner konnten kaum genug davon bekommen, sie zu beobachten, und viele schrien den Affen „Ram, Ram“ hinterher, weil diese Tiere in der hinduistischen Kultur so etwas wie göttliche Boten sind.

Die „Wilden“ im Norden

Zu Schluss noch kurz etwas zu einem ganz anderen Thema.

Neulich hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit dem Schulleiter der Loyola Higher Secondary School über die Unterschiede zwischen Nord- und Südindien. Seiner Meinung nach schmeckt das nordindische Essen nach gar nichts, es gebe ständig nur Dal und Kartoffeln 😀 Auch seien fast alle Menschen dort ungebildet, weil die Regierungen der nördlichen Bundesstaaten absichtlich dafür sorgen, dass die große Armut bestehen bleibt und die Bildung zu teuer ist. Trotz des großen Reichtums an Ressourcen seien die meisten Menschen arm und bekämen sehr viele Kinder. Sein Beispiel für die vermeintlich unfreundliche Art der Nord-Inder war seine Erfahrung mit Zügen in Nord-Inden: auf den Dächern seien massenhaft Menschen (was im Süden nur sehr vereinzelt vorkommt) und eine Sitzplatzreservierung würde nichts bedeuten, weil jeder freie Fleck im Zug sofort belegt wird, ohne Rücksicht auf Verluste. Er hat einmal bei einer Zugfahrt in „den Norden“ eine Gruppe von Männern eine viertel Stunde lang anschreien müssen, bevor sie von seinem reservierten Bett im Schlafabteil aufgestanden sind.

Seine Schilderungen hörten sich oft überspitzt an und waren natürlich subjektiv, aber dennoch zeigen sie, dass Indien nicht gleich Indien ist. Mein Bild der größten Demokratie der Welt war vor meinem Einsatz eine Mischung aus Eindrücken aller möglichen Landesteile. Seit ich hier bin habe ich bemerkt, dass jedes Bundesland, ja sogar jede Stadt und jeder Distrikt seine ganz eigene Kultur und Eigenheiten hat. Mein Bild von Indien wird nach meiner Rückkehr vermutlich vor allem ein Bild von Tamil Nadu sein. Ich hoffe aber, dass ich auch die Chance haben werde, einen kurzen Blick auf die weiter nördlichen Gegenden zu werfen, um mir selbst ein Bild machen zu können und nicht von den Ansichten und Geschichten anderer abhängig bin.

Vorurteile innerhalb eines Landes gibt es auch in Deutschland, wenn z.B. über den „Osten“ und den „Westen“ geredet wird. Sie können nur abgebaut (oder vielleicht teilweise auch bestätigt) werden, wenn man den jeweils anderen Landesteil besucht, Erfahrungen sammelt und die Hintergründe bestimmter Verhaltensweisen oder Gewohnheiten hinterfragt. Doch man muss sich immer bewusst sein: die Vorurteile mögen vielleicht auf viele Menschen zutreffen, doch niemals sollte man glauben, sie würden für alle Menschen einer Region gelten!

Perspektivenwechsel – vom Schüler zum Lehrer

„Everyone or everything in the universe is a teacher to someone or something“

… war die Nachricht, die mir Father Roche (ein befreundeter Jesuit aus Chennai) anlässlich des Teacher‘s Day geschrieben hat. Der wurde am 05.09. in ganz Indien groß gefeiert und hier in Kuppayanallur wurden die LehrerInnen geehrt, haben Geschenke bekommen und ihnen wurden Tänze, Lieder und Theaterstücke vorgeführt. Alle haben sich für diesen Tag herausgeputzt!

Wie wahr die Worte in der Überschrift sind, habe ich seit meiner Ankunft in Indien jeden Tag gespürt. Seien es die Jesuiten, die mir Tamil beibringen und Ernährungs-Tipps geben. Seien es meine Mädels, die mir zeigen wie man „richtig“ Wäsche aufhängt, den Boden fegt, einen Schal trägt. Sei es der Schlafraum der Hostel-Kinder, der mir vor Augen führt, wie privilegiert und behütet ich bisher gelebt habe/auch hier noch lebe in meinem eigenen Schlafzimmer mit Bett und Badezimmer. Sei es ein Teller mit Biriyani im Haus meiner Freundin und Lehrerkollegin Raji, der mir die indische Gastfreundschaft und Großherzigkeit zeigt. All dies trägt dazu bei, dass ich mehr lerne über Indien, über Zwischenmenschlichkeit, über mich.

Was für ein anspruchsvoller Job der des Lehrers ist, ist mir viel bewusster geworden, seit ich hier jeden Tag vor einer Klasse stehe, statt als Schülerin selbst im Unterricht zu sitzen! Es ist eine Herausforderung, so viele SchülerInnen ruhig zu halten und sie zum Zuhören zu bewegen. Meine Klassen sind nur aufmerksam, so lange ihr/e Englischlehrer/in noch mit im Klassenzimmer ist. Manchmal bin ich mit einer Klasse alleine, dann bin ich schon froh, wenn die Hälfte der SchülerInnen auf ihren Plätzen sitzen bleibt und nicht zu mir nach vorne rennt, um mich(zum zehnten Mal) über meinen Namen, mein Alter, meine Eltern etc. auszufragen, statt dem Unterricht zu folgen…

Ich finde es auch schwer, mir ständig kreative neue Übungen auszudenken, um das spoken English der SchülerInnen zu verbessern. Mit 40 Kindern in der Klasse ist es unmöglich, dass jeder in der Stunde einmal an die Reihe kommt! Auch sind viele zu schüchtern oder ängstlich, um vor der Klasse Englisch zu sprechen.

Trotzdem ist es auch schön zu sehen, wenn SchülerInnen wirklich interessiert und mutig sind (d.h. sie trauen sich, Fehler zu machen), sodass sich ihr Englisch stetig verbessert.

Ich war bis vor 2 Monaten ja selbst noch Schülerin und muss noch viel über das Lehrersein lernen, aber es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen…

Das Hostel mit meinen frechen, zuckersüßen Mädels

Abgesehen von den vielen Feiertagen ist für mich hier in Kuppayanallur schon der Alltag eingekehrt. Nach der Messe und dem Frühstück habe ich vor und nach meinem Unterricht viel Zeit für mich, die ich meistens mit Schlafen, Lesen, Tamil lernen oder am Keyboard verbringe. Nach der Schule wird mein Zimmer von Mädels gestürmt, die mir Frisuren machen, etwas Spielen oder mir aufgeregt etwas erzählen wollen 🙂 Mein Zimmer hat ein Fenster auf den Gang, das man nur von außen öffnen kann (und das keinen Riegel hat). Wenn ich auf ein Klopfen an der Tür nicht innerhalb von 3 Sekunden reagiere, wird das Fenster quietschend aufgeschoben und mehrere neugierige braune Augenpaare prüfen, warum ich denn so lange brauche…

Zu Beginn der Playtime jogge und sprinte ich mit den Mädels inzwischen dreimal um den Platz, um der hier leider vorherrschenden Meinung entgegenzuwirken, dass die Hostel-Mädchen im Gegensatz zu den Hostel-Jungs so faul wären. Ich finde dieses Urteil etwas unfair, weil es für die Jungs einen Basketballplatz, einen riesigen Playground, den Hof vor dem Boys-Hostel und den großen Pausenhof gibt, um sich sportlich zu betätigen. Den Mädchen steht nur eine Wiese und ein kleiner Vorplatz neben dem Girls-Hostel zur Verfügung. (Anmerkung: es gibt etwas mehr als 100 Jungen im Hostel und nur 37 Mädels, aber trotzdem…)

Bei den Studytimes bin ich inzwischen nicht nur Englisch-Nachhilfelehrerin, sondern auch bei Hausaufgaben in Mathe und Science (Physik, Chemie und Biologie) wird Samira Miss gefragt. Ich kann es dann zwar nur auf Englisch erklären, aber irgendwie schaffen wir es uns zu verständigen.

Es ist wirklich schwierig, allen Mädels gerecht zu werden. Wenn mir im Vorbeigehen 2 Mädchen zuflüstern: „Miss, sooo big English homework! Evening Study you come?“, zwei Minuten später die 10. Klässlerinnen kommen und verzweifelt: „Soo confusing Maths, Miss! Please help“ rufen und ich aber ursprünglich Aarthi aus der 7. Klasse versprochen habe, mit ihr lesen zu üben, dann sehe ich den Streit schon vor mir! Aber mit ein bisschen Multi Tasking hat es bisher noch immer geklappt 🙂

Nach der Night Studytime gehen wir um 22 Uhr alle ins Bett, aber es vergeht kaum ein Abend an dem ich um kurz nach 10 nicht noch einen kleinen nächtlichen Besuch bekomme von zwei oder drei niemals-müden Schülerinnen. In Deutschland habe ich als einziges Kind bei meinen Eltern gewohnt und es war viel leichter, sich auch mal zurückzuziehen. Nun ständig in Gesellschaft von 37 kleinen Schwestern zu sein, ist ungewohnt für mich, aber sehr oft auch im positiven Sinne! Es wird mir nie langweilig im Hostel und wir machen viel Quatsch (wenn die Sister gerade nicht so genau hinschaut 😉 ).

       

       

Vor einer Woche war an der Schule eine große Aktion, bei der entlang des Feldweges ins Nachbardorf Ongur mehrere hundert Palm Trees gepflanzt wurden. Die Schüler (vor allem die Jungs) durften Löcher für die Samen graben, störende Büsche und Bäume zurückschneiden, die Säcke mit den Samen tragen… Den ersten Baum hat der Superior der Jesuitenkommunität, Father Masilamani, gepflanzt. Anschließend hat jeder Schüler 5-6 Samen in die Hand bekommen und konnte sie in einem der vielen Löcher vergraben.

    

Angestoßen hat das Projekt Father Anthony Samy, der gerade seine Doktorarbeit in Botanik abgeschlossen hat. Beim Essen zeigt er mir jeden Tag neue Früchte oder Gemüsesorten und teilt sein Wissen über Farming mit mir. Als er neulich von einem Besuch bei seinen Eltern in den Bergen zurückkam, hatte er allerlei Leckereien mitgebracht: Avocados, rote (!) Bananen, Feigen und Jackfruits. Die Jackfruit ist eine RIESIGE Frucht, deren Fruchtfleisch (nach meinem Geschmack) schmeckt wie Gummibärchen. Man bekommt im Flachland nur selten die Chance sie zu kosten, und so schwebten die Jesuiten, die Sister und ich für eine Woche im 7. Jackfruit-Himmel (so lange haben die drei „kleinen“ Jackfruits gereicht, die Father Samy mitgebracht hat…)

Let it be, auch wenn es schief ist 🙂

Musik in Tamil Nadu funktioniert anders als in Europa. Meine Überraschung war groß, als ich bemerkt habe, dass niemand Noten benötigt! Im Gesangbuch für den Gottesdienst sind ausschließlich Texte, die Melodien sind in den Köpfen der Gemeinde gespeichert. Der Schulleiter, Brother Kulandai Raj, komponiert in seiner Freizeit gerne. Er nimmt Texte, wie z.B. das Gebet von Papst Franziskus aus Laudato Si zum Schutz der Erde, und komponiert dann im Kopf die Melodie dazu, ohne sie aufzuschreiben!
Für mich ist es sehr schwer, mich von Noten oder zumindest Akkordangaben zu lösen. Nur vom Hören eine Melodie auf dem Klavier zu spielen, ist wirklich herausfordernd! (Vor allem bei den vielen Schlenkern, die typisch für indische Musik sind)

Anlässlich des Annual Days der Loyola Higher Secondary School habe ich mit 6 Mädels „Let it be“ von den Beatles einstudiert. Voller Motivation haben wir uns in die Proben gestürzt, bald habe ich bemerkt, dass wir es wohl bis zur Aufführung nicht schaffen würden, dass alle in der gleichen Tonart beginnen 🙂 Doch die Mädels haben ihr bestes gegeben und ich bin immer wieder erstaunt, wie kräftig und inbrünstig sie den Song singen können! Vor der Aufführung gab es eine Generalprobe des Tagesprogramms, bei der alle Performances (Drama, Pantomime, Gesang, Tänze, Reden etc.) in der richtigen Reihenfolge vorgeführt wurden und nach jedem Showact haben die Jesuiten ihr sehr kritisches Feedback gegeben. Doch Kritik kann auch ein Ansporn sein, noch mehr zu geben! Ich bin stolz auf meine Sängerinnen, wir haben uns immer weiter gesteigert! Und es kann eben nicht jeder singen wie Paul McCartney…