Von Klausuren, Müll und Vorurteilen

Regen und Lernen – der September im Gracy Illam Hostel

Man spürt in Kuppayanallur allmählich den Beginn der Regenzeit, fast jeden Abend gibt es einen kleinen Schauer, ab und zu gewittert es auch sehr stark. Von vielen Bäumen brechen dabei große Äste ab, was sehr gefährlich sein kann.

Die Stromversorgung ist an solchen Tagen fast dauerhaft gestört. Vor ein paar Tagen ist der Strom im Hostel komplett ausgefallen, nur manchmal gaben die Lampen noch ein leichtes Flackern ab, ein sehr schwaches Lebenszeichen. Kürzere Stromausfälle sind hier ganz normal, aber so lange war es wirklich noch nie… Zum Glück gibt es in jedem Raum einen Ventilator und eine Lampe, die von einer vom Stromnetz unabhängigen Stromquelle versorgt werden! Aber bei dauerhaft flackernden Lampen oder ganz ohne Licht (wenn auch die unabhängige Stromquelle ausfällt) sind die Studytimes am Abend und in der Nacht eher sinnlos, weil man die Notizen kaum lesen kann…

Für Tamil Nadu ist dieser frühe Beginn der Regenzeit eher untypisch, normalerweise ist sie eher im Oktober/November. Aber die Bäume haben ein bisschen Wasser nötig, jeden Abend singen wird beim Night-Prayer ein Lied mit der Bitte um Regen.

Momentan sind die 2 Klausuren-Wochen für alle Klassenstufen. Das Schuljahr gliedert sich in 3 Semester, am Schluss jedes Terms sind die Klausuren. Während der Schulzeit gibt es nur kleinere Tests, vergleichbar mit Exen in Deutschland. Einmal war ich bei einem solchen Test in Englisch dabei, die Lehrerin hat am Pult mündlich Fragen gestellt und die SchülerInnen haben die Antworten in ihr Test-book, ein Heft nur für Tests, geschrieben. Anschließend ist die Lehrerin durch die Reihen gegangen und hat direkt alle Tests auf Richtigkeit geprüft.

Die Klausuren laufen aber ähnlich ab wie in Deutschland, man bekommt ein Angabenblatt (Question Paper) und bearbeitet das auf einem Extrabogen Papier. Dass alle Klausuren hintereinander in 2 Wochen gequetscht werden, ist sehr stressig für die SchülerInnen, aber andererseits haben sie während des restlichen Semesters dafür ihre Ruhe. Für ein paar Minuten habe ich bei der Englisch-Klausur zugeschaut, weil es mich sehr interessiert hat, wie das abläuft. Die meisten SchülerInnen (mehrere Klassenstufen hatten gleichzeitig Klausur) saßen in der großen „Indigo Hall“, einem sehr sehr langen, schmalen Raum mit unzähligen Schulbänken, und die Lehrer sind durch die Gänge patrouilliert mit sehr strengem Blick. Ich habe den SchülerInnen und vor allem meinen Hostel-Girls ermutigend zugelächelt, ich wünsche ihnen ganz viel Erfolg! Unsere stundenlange Arbeit während der Studytimes soll sich bitte bitte auszahlen 🙂

Abgefragt werden in Englisch vorwiegend auswendiggelernte Texte. Daran muss ich mich immer noch sehr gewöhnen, denn das Schulsystem, das ich gewohnt bin, legt viel größeren Wert auf freies Sprechen und Schreiben. Wenn ein Text bearbeitet wird, schreibt der Lehrer Fragen und einige Sätze als Antwort an die Tafel. Für die Klausur werden die Antworten auswendig gelernt und zusätzlich noch ein Gedicht und der Text eines Entschuldigungsschreibens.

Das liegt zum Teil daran, dass viele der LehrerInnen nur sehr kurz für den Beruf als LehrerIn ausgebildet wurden und nicht nur 2-3 Fächer unterrichten, sondern z.B. der Schulleiter am Anfang des Jahres zu einem Tamil-teacher sagt: „Könnten Sie dieses Jahr nicht eine 8. Klasse in Science und eine 7. sowie eine 10. Klasse in Englisch unterrichten?“ Ich bewundere die LehrerInnen für ihre Flexibilität und Spontanität, auch wenn sie diese nicht immer ganz freiwillig zum Einsatz bringen müssen.

Dutytime für Samira Miss

Einmal pro Woche gibt es eine sehr lange Dutytime, in der Unkraut gejätet, Müll aufgesammelt und entsorgt wird. Ich habe mich diese Woche den 6. Klässlerinnen angeschlossen, die herumliegendes Plastik aufsammeln sollten. Zu viert haben wir uns über 2 h lang dem Plastik auf einem kleinen Stück Land gewidmet, das direkt neben dem Pausenhof der Schule liegt.

Auch nach 2 h lag immer noch viel herum… Da ich sehr viele Plastiktüten aus der Erde herausgezogen habe, vermute ich, dass unterhalb der Humusschicht an der Oberfläche noch ein ganzes Meer an Flaschen, Bonbonpapierchen, Stiften, Plastiktüten, Aufklebern etc. verborgen ist. Ich glaube, die Mädels der 6. Klasse haben etwas unter meinem Perfektionismus gelitten, weil ich sie auch nach dem dritten Mal Fragen: „This place finished, Miss?!“ noch zum Weitermachen aufgefordert habe. Meiner Meinung nach bringt es mehr, einmal gründlich sauber zu machen, dann hat man erstens das nächste Mal weniger zu tun und zweitens fühlen sich die Nächsten eher schuldig, neuen Plastikmüll auf ein sauberes Stück Land zu werfen, als wenn schon unzählige andere Papierchen dort liegen. Die Arbeit war wirklich anstrengend, weil man sich dauernd bücken musste und die meiste Zeit in der prallen Sonne gearbeitet hat. Aber vielleicht wird den Mädels und mir durch diese Anstrengung bewusst, dass wir weniger Plastik verbrauchen und herumliegen lassen sollten. Natürlich haben die Hostelbewohner nicht den gesamten Müll an diesem Platz verursacht (es scheint eine Art Müll-Entsorgungsplatz für alle SchülerInnen geworden zu sein), aber trotzdem kann es ein Denkanstoß sein, was den eigenen Umgang mit Plastik betrifft…

Der Müll ist hier sehr präsent, seitlich an jeder Straße (egal ob Stadt oder Land) kann man Plastik-, Papier- und Biomüll rumliegen sehen. Manchmal werden Müllsäcke auch einfach an einen Baum gehängt und der nächste, der das sieht, hängt seinen gleich mit dazu. So etwas wie eine Müllabfuhr habe ich noch nicht bemerkt, nur in Chennai habe ich oft Frauen in blauen Sarees gesehen, die als Angestellte den Müll auf den Straßen aufgesammelt haben. Der Müll aus dem Hostel wird in großen Löchern im Boden entsorgt, die zugeschüttet werden, wenn sie voll sind.

Aber die Regierung in Tamil Nadu versucht nun, die Situation zu verbessern. Ab nächstem Jahr sind Einweg-Plastiktüten so wie andere use-and-throw-Plastikprodukte verboten, auch hier an der Schule werden bereits eifrig Vorkehrungen getroffen, um plastic-free zu werden. In einem Zeitungsartikel der Zeitung „The Hindu“ habe ich gelesen, dass nun von Umweltschützern gefordert wird, auch multi-layer Plastik, das oft als Verpackungsmaterial verwendet wird, mit in den Bann aufzunehmen. Dagegen wehren sich jedoch die Plastik-produzierenden Konzerne, die neben hohen Geldverlusten dann auch zahlreiche Arbeitsplätze abschaffen müssten. Die Regierung will auch dafür sorgen, dass ein umfassendes System von Müllentsorgung und Recycling aufgebaut wird, bisher fehlt dafür noch die Infrastruktur und auch das Bewusstsein in der Bevölkerung. Aber es wird! Dieses Gesetzt ist ein Schritt in die richtige Richtung, ich bin gespannt, wie gut es funktionieren wird.

Was aber jedem von uns in Deutschland bewusst sein sollte: Nur weil man den Müll bei uns nicht in den Straßen herumliegen sieht, bedeutet das nicht, dass wir weniger Müll produzieren. Er wird nur geregelter entsorgt! Die meisten von uns wissen das auch, aber das eigene Verhalten im Alltag zu ändern, dafür reicht es dann oft nicht. Ich kenne dieses Gefühl sehr gut und doch glaube ich, noch einige Dutytimes mehr und ich werde keine Stifte, Plastikflaschen und verpackte Lebensmittel mehr ansehen können, ohne darüber nachzudenken, wo dieses Stück Plastik wohl landen wird nach dem Wegschmeißen.

Apropos Plastikflaschen: Über das Trinken aus Flaschen ist mir hier etwas aufgefallen, über das ich daheim nie groß nachgedacht habe. Wenn wir uns in Deutschland eine Flasche Wasser teilen, dann wischen wir einfach nach dem Trinken schnell den Kopf der Flasche ab und geben sie weiter. Hier ist das nicht nötig, weil keiner das Trinkgefäß mit dem Mund berührt beim Trinken. Es stehen überall Wasserkanister herum, auf denen eine Tasse steht, die jeder benutzt, ohne dass Spucke drankommt. Spülen wird überflüssig und es gibt keinen den ekligen „Spuckschluck“! Die indische Methode ist eindeutig hygienischer, wenn auch sehr anspruchsvoll. Bei dem Versuch es den Menschen in meinem Umfeld gleichzutun habe ich mich schon öfters komplett mit Wasser übergossen, v.a. im fahrenden Auto. Aber ich werde besser!

Genauso wie beim Essen mit der rechten Hand. Während es in den ersten Tagen sehr anstrengend war, mich nicht über und über mit Soße voll zu kleckern, habe ich inzwischen eine unfall-freiere Methode gezeigt bekommen. Anstatt den Kopf leicht in den Nacken zu legen und das Essen quasi von oben hereinfallen zu lassen, drückt man eine kleine Portion Essen zwischen den rechten Fingern zusammen und schiebt das ganze mit dem Daumen (wie bei einem Kuchenheber mit Anschieber :D) in den Mund. Die Zunge wird dem Essen dabei entgegengestreckt und „empfängt“ die kleine Portion im Mund. Ich habe den Dreh mit der Zunge immer noch nicht 100 Prozentig raus, aber es wird jeden Tag einfacher. Dennoch bin ich fast immer die Langsamste beim Essen, weil die Fathers und Brothers den ganzen Vorgang in einer unglaublichen Geschwindigkeit vollziehen, die ich wohl nie erreichen werde. Aber ich würde gerne mal sehen, wer bei einem Teller Spaghetti mit Tomatensoße mit Löffel und Gabel schneller ist, sie oder ich… 😀

Fauna Gracy Illam Hostel

Seit ich hier bin sind mir (neben Kühen auf den Straßen, Feldern, Müllplätzen) viele Tiere aufgefallen, die mir in Deutschland sonst nicht täglich begegnet sind. Neben erstaunlich bunten Arten von Tausendfüßlern, laufe ich nachts oft an Kröten vorbei. Wenn sich Kröten ins Hostel verirren, gibt es immer ein großes Geschrei, aber nichts toppt die Aufregung, wenn mal wieder eine kleine Schlange gesichtet wurde! Die wird so lange verfolgt, bis sie außer Reichweite der Hostelmädchen gelangt.

Statt Eichhörnchen gibt es hier hunderte Streifenhörnchen, die sehr sehr süß sind und einen total weichen, buschigen Schwanz haben (manchmal fangen die Mädels eines und zeigen es mir stolz, bevor sie es wieder laufen lassen).

Sehr präsent, vor allem in der Lautstärke, sind die Krähen, die Tag und Nacht schreien und sich begierig auf alle Essensreste stürzen, die zu Boden fallen. Konkurrenz machen ihnen dabei die wild lebenden Hunde, auf dem Schulgelände sind immer 3-4 davon und dösen vor sich hin. Sie sind sehr schreckhaft, weil sie es gewohnt sind, mit geworfenen Steinen vertrieben zu werden…

Auch im Haus leben einige Tiere, allen voran die Ameisen. Sobald man irgendetwas Essbares offen liegen lässt, wimmelt es nach einiger Zeit von Ameisen, die ihre Löcher überall zu haben scheinen. Die wohl nützlichsten tierischen Mitbewohner in meinem Zimmer sind Geckos, weil sie dafür sorgen, dass nur sehr wenige Mosquitos dort wohnen. Während der Studytimes bekommen wir immer viele Stiche, v.a. an den unbedeckten Füßen und Armen, aber zum Glück verschwinden die roten Stellen nach einem Tag gleich wieder. Letzte Woche haben außerdem 6 Affen das Schulgelände besucht! 5 ausgewachsene Tiere und ein kleines Baby machten die Dächer einen Nachmittag lang unsicher. Wir Hostelbewohner konnten kaum genug davon bekommen, sie zu beobachten, und viele schrien den Affen „Ram, Ram“ hinterher, weil diese Tiere in der hinduistischen Kultur so etwas wie göttliche Boten sind.

Die „Wilden“ im Norden

Zu Schluss noch kurz etwas zu einem ganz anderen Thema.

Neulich hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit dem Schulleiter der Loyola Higher Secondary School über die Unterschiede zwischen Nord- und Südindien. Seiner Meinung nach schmeckt das nordindische Essen nach gar nichts, es gebe ständig nur Dal und Kartoffeln 😀 Auch seien fast alle Menschen dort ungebildet, weil die Regierungen der nördlichen Bundesstaaten absichtlich dafür sorgen, dass die große Armut bestehen bleibt und die Bildung zu teuer ist. Trotz des großen Reichtums an Ressourcen seien die meisten Menschen arm und bekämen sehr viele Kinder. Sein Beispiel für die vermeintlich unfreundliche Art der Nord-Inder war seine Erfahrung mit Zügen in Nord-Inden: auf den Dächern seien massenhaft Menschen (was im Süden nur sehr vereinzelt vorkommt) und eine Sitzplatzreservierung würde nichts bedeuten, weil jeder freie Fleck im Zug sofort belegt wird, ohne Rücksicht auf Verluste. Er hat einmal bei einer Zugfahrt in „den Norden“ eine Gruppe von Männern eine viertel Stunde lang anschreien müssen, bevor sie von seinem reservierten Bett im Schlafabteil aufgestanden sind.

Seine Schilderungen hörten sich oft überspitzt an und waren natürlich subjektiv, aber dennoch zeigen sie, dass Indien nicht gleich Indien ist. Mein Bild der größten Demokratie der Welt war vor meinem Einsatz eine Mischung aus Eindrücken aller möglichen Landesteile. Seit ich hier bin habe ich bemerkt, dass jedes Bundesland, ja sogar jede Stadt und jeder Distrikt seine ganz eigene Kultur und Eigenheiten hat. Mein Bild von Indien wird nach meiner Rückkehr vermutlich vor allem ein Bild von Tamil Nadu sein. Ich hoffe aber, dass ich auch die Chance haben werde, einen kurzen Blick auf die weiter nördlichen Gegenden zu werfen, um mir selbst ein Bild machen zu können und nicht von den Ansichten und Geschichten anderer abhängig bin.

Vorurteile innerhalb eines Landes gibt es auch in Deutschland, wenn z.B. über den „Osten“ und den „Westen“ geredet wird. Sie können nur abgebaut (oder vielleicht teilweise auch bestätigt) werden, wenn man den jeweils anderen Landesteil besucht, Erfahrungen sammelt und die Hintergründe bestimmter Verhaltensweisen oder Gewohnheiten hinterfragt. Doch man muss sich immer bewusst sein: die Vorurteile mögen vielleicht auf viele Menschen zutreffen, doch niemals sollte man glauben, sie würden für alle Menschen einer Region gelten!

Perspektivenwechsel – vom Schüler zum Lehrer

„Everyone or everything in the universe is a teacher to someone or something“

… war die Nachricht, die mir Father Roche (ein befreundeter Jesuit aus Chennai) anlässlich des Teacher‘s Day geschrieben hat. Der wurde am 05.09. in ganz Indien groß gefeiert und hier in Kuppayanallur wurden die LehrerInnen geehrt, haben Geschenke bekommen und ihnen wurden Tänze, Lieder und Theaterstücke vorgeführt. Alle haben sich für diesen Tag herausgeputzt!

Wie wahr die Worte in der Überschrift sind, habe ich seit meiner Ankunft in Indien jeden Tag gespürt. Seien es die Jesuiten, die mir Tamil beibringen und Ernährungs-Tipps geben. Seien es meine Mädels, die mir zeigen wie man „richtig“ Wäsche aufhängt, den Boden fegt, einen Schal trägt. Sei es der Schlafraum der Hostel-Kinder, der mir vor Augen führt, wie privilegiert und behütet ich bisher gelebt habe/auch hier noch lebe in meinem eigenen Schlafzimmer mit Bett und Badezimmer. Sei es ein Teller mit Biriyani im Haus meiner Freundin und Lehrerkollegin Raji, der mir die indische Gastfreundschaft und Großherzigkeit zeigt. All dies trägt dazu bei, dass ich mehr lerne über Indien, über Zwischenmenschlichkeit, über mich.

Was für ein anspruchsvoller Job der des Lehrers ist, ist mir viel bewusster geworden, seit ich hier jeden Tag vor einer Klasse stehe, statt als Schülerin selbst im Unterricht zu sitzen! Es ist eine Herausforderung, so viele SchülerInnen ruhig zu halten und sie zum Zuhören zu bewegen. Meine Klassen sind nur aufmerksam, so lange ihr/e Englischlehrer/in noch mit im Klassenzimmer ist. Manchmal bin ich mit einer Klasse alleine, dann bin ich schon froh, wenn die Hälfte der SchülerInnen auf ihren Plätzen sitzen bleibt und nicht zu mir nach vorne rennt, um mich(zum zehnten Mal) über meinen Namen, mein Alter, meine Eltern etc. auszufragen, statt dem Unterricht zu folgen…

Ich finde es auch schwer, mir ständig kreative neue Übungen auszudenken, um das spoken English der SchülerInnen zu verbessern. Mit 40 Kindern in der Klasse ist es unmöglich, dass jeder in der Stunde einmal an die Reihe kommt! Auch sind viele zu schüchtern oder ängstlich, um vor der Klasse Englisch zu sprechen.

Trotzdem ist es auch schön zu sehen, wenn SchülerInnen wirklich interessiert und mutig sind (d.h. sie trauen sich, Fehler zu machen), sodass sich ihr Englisch stetig verbessert.

Ich war bis vor 2 Monaten ja selbst noch Schülerin und muss noch viel über das Lehrersein lernen, aber es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen…

Das Hostel mit meinen frechen, zuckersüßen Mädels

Abgesehen von den vielen Feiertagen ist für mich hier in Kuppayanallur schon der Alltag eingekehrt. Nach der Messe und dem Frühstück habe ich vor und nach meinem Unterricht viel Zeit für mich, die ich meistens mit Schlafen, Lesen, Tamil lernen oder am Keyboard verbringe. Nach der Schule wird mein Zimmer von Mädels gestürmt, die mir Frisuren machen, etwas Spielen oder mir aufgeregt etwas erzählen wollen 🙂 Mein Zimmer hat ein Fenster auf den Gang, das man nur von außen öffnen kann (und das keinen Riegel hat). Wenn ich auf ein Klopfen an der Tür nicht innerhalb von 3 Sekunden reagiere, wird das Fenster quietschend aufgeschoben und mehrere neugierige braune Augenpaare prüfen, warum ich denn so lange brauche…

Zu Beginn der Playtime jogge und sprinte ich mit den Mädels inzwischen dreimal um den Platz, um der hier leider vorherrschenden Meinung entgegenzuwirken, dass die Hostel-Mädchen im Gegensatz zu den Hostel-Jungs so faul wären. Ich finde dieses Urteil etwas unfair, weil es für die Jungs einen Basketballplatz, einen riesigen Playground, den Hof vor dem Boys-Hostel und den großen Pausenhof gibt, um sich sportlich zu betätigen. Den Mädchen steht nur eine Wiese und ein kleiner Vorplatz neben dem Girls-Hostel zur Verfügung. (Anmerkung: es gibt etwas mehr als 100 Jungen im Hostel und nur 37 Mädels, aber trotzdem…)

Bei den Studytimes bin ich inzwischen nicht nur Englisch-Nachhilfelehrerin, sondern auch bei Hausaufgaben in Mathe und Science (Physik, Chemie und Biologie) wird Samira Miss gefragt. Ich kann es dann zwar nur auf Englisch erklären, aber irgendwie schaffen wir es uns zu verständigen.

Es ist wirklich schwierig, allen Mädels gerecht zu werden. Wenn mir im Vorbeigehen 2 Mädchen zuflüstern: „Miss, sooo big English homework! Evening Study you come?“, zwei Minuten später die 10. Klässlerinnen kommen und verzweifelt: „Soo confusing Maths, Miss! Please help“ rufen und ich aber ursprünglich Aarthi aus der 7. Klasse versprochen habe, mit ihr lesen zu üben, dann sehe ich den Streit schon vor mir! Aber mit ein bisschen Multi Tasking hat es bisher noch immer geklappt 🙂

Nach der Night Studytime gehen wir um 22 Uhr alle ins Bett, aber es vergeht kaum ein Abend an dem ich um kurz nach 10 nicht noch einen kleinen nächtlichen Besuch bekomme von zwei oder drei niemals-müden Schülerinnen. In Deutschland habe ich als einziges Kind bei meinen Eltern gewohnt und es war viel leichter, sich auch mal zurückzuziehen. Nun ständig in Gesellschaft von 37 kleinen Schwestern zu sein, ist ungewohnt für mich, aber sehr oft auch im positiven Sinne! Es wird mir nie langweilig im Hostel und wir machen viel Quatsch (wenn die Sister gerade nicht so genau hinschaut 😉 ).

       

       

Vor einer Woche war an der Schule eine große Aktion, bei der entlang des Feldweges ins Nachbardorf Ongur mehrere hundert Palm Trees gepflanzt wurden. Die Schüler (vor allem die Jungs) durften Löcher für die Samen graben, störende Büsche und Bäume zurückschneiden, die Säcke mit den Samen tragen… Den ersten Baum hat der Superior der Jesuitenkommunität, Father Masilamani, gepflanzt. Anschließend hat jeder Schüler 5-6 Samen in die Hand bekommen und konnte sie in einem der vielen Löcher vergraben.

    

Angestoßen hat das Projekt Father Anthony Samy, der gerade seine Doktorarbeit in Botanik abgeschlossen hat. Beim Essen zeigt er mir jeden Tag neue Früchte oder Gemüsesorten und teilt sein Wissen über Farming mit mir. Als er neulich von einem Besuch bei seinen Eltern in den Bergen zurückkam, hatte er allerlei Leckereien mitgebracht: Avocados, rote (!) Bananen, Feigen und Jackfruits. Die Jackfruit ist eine RIESIGE Frucht, deren Fruchtfleisch (nach meinem Geschmack) schmeckt wie Gummibärchen. Man bekommt im Flachland nur selten die Chance sie zu kosten, und so schwebten die Jesuiten, die Sister und ich für eine Woche im 7. Jackfruit-Himmel (so lange haben die drei „kleinen“ Jackfruits gereicht, die Father Samy mitgebracht hat…)

Let it be, auch wenn es schief ist 🙂

Musik in Tamil Nadu funktioniert anders als in Europa. Meine Überraschung war groß, als ich bemerkt habe, dass niemand Noten benötigt! Im Gesangbuch für den Gottesdienst sind ausschließlich Texte, die Melodien sind in den Köpfen der Gemeinde gespeichert. Der Schulleiter, Brother Kulandai Raj, komponiert in seiner Freizeit gerne. Er nimmt Texte, wie z.B. das Gebet von Papst Franziskus aus Laudato Si zum Schutz der Erde, und komponiert dann im Kopf die Melodie dazu, ohne sie aufzuschreiben!
Für mich ist es sehr schwer, mich von Noten oder zumindest Akkordangaben zu lösen. Nur vom Hören eine Melodie auf dem Klavier zu spielen, ist wirklich herausfordernd! (Vor allem bei den vielen Schlenkern, die typisch für indische Musik sind)

Anlässlich des Annual Days der Loyola Higher Secondary School habe ich mit 6 Mädels „Let it be“ von den Beatles einstudiert. Voller Motivation haben wir uns in die Proben gestürzt, bald habe ich bemerkt, dass wir es wohl bis zur Aufführung nicht schaffen würden, dass alle in der gleichen Tonart beginnen 🙂 Doch die Mädels haben ihr bestes gegeben und ich bin immer wieder erstaunt, wie kräftig und inbrünstig sie den Song singen können! Vor der Aufführung gab es eine Generalprobe des Tagesprogramms, bei der alle Performances (Drama, Pantomime, Gesang, Tänze, Reden etc.) in der richtigen Reihenfolge vorgeführt wurden und nach jedem Showact haben die Jesuiten ihr sehr kritisches Feedback gegeben. Doch Kritik kann auch ein Ansporn sein, noch mehr zu geben! Ich bin stolz auf meine Sängerinnen, wir haben uns immer weiter gesteigert! Und es kann eben nicht jeder singen wie Paul McCartney…

Von Feiertagen, Mangos und Plastikstühlen

Ein herzliches Vanakkam aus Kuppayanallur!

Ich habe mir jetzt endlich Zeit genommen, um den ersten „richtigen“ Blogeintrag hochzuladen. Die lange Wartezeit tut mir leid, ich wollte mir erst mal ein bisschen Raum zum Ankommen geben und habe dann bemerkt, dass die ersten Wochen schon unglaublich schnell vergangen sind 🙂

Als ich hier am 27.07.18 angekommen bin, war gerade Schule und somit niemand im Hostel. Deshalb habe ich erst in Ruhe ausgepackt und dann noch ein bisschen gedöst. Pünktlich um 16:10 Uhr (Schule ist aus) höre ich ein leises Rascheln vor meiner Tür und sie geht knarrzend einen Spalt breit auf. Aufgeregtes Gekicher, drei kleine Köpfe die vorsichtig hereinspähen. Sofort stehe ich auf und bitte die drei mutigen Vorreiterinnen herein, ich habe kaum nach ihren Namen gefragt als mich plötzlich eine ganzer Schwarm von schwarzhaarigen Köpfen in rot-weißer Schuluniform umringt. Durch ihr Strahlen und ihre unerschöpfliche Energie machen mir es die Mädels sehr einfach, sie ins Herz zu schließen! Letztes Wochenende waren drei Tage Ferien, das heißt alle SchülerInnen sind nach Hause gegangen. Es war ein sehr ruhiges Wochenende, doch das Hostel ist ohne Mädchen ziemlich verlassen und einsam. Gut, dass sie wieder da sind! Langsam werde ich auch immer treffsicherer mit den Namen, 2/3 kann ich schon sehr gut…

Don‘t just follow your dreams… Catch up to them!“

Dieser Satz ist mir an einer Hauswand auf dem Schulcampus begegnet. Mich hat er sehr angesprochen, weil mir seit meiner Ankunft an der Loyola Higher Secondary School stark bewusst geworden ist, wie schwer es sein kann, Träume in die Tat umzusetzen.

Als ich in meinen 8. Klassen im Unterricht gefragt habe, was die Berufsziele der SchülerInnen sind, waren die häufigsten Antworten: Doktor, Beamter, Polizist und Cricket-Spieler:)
Letzteres mag durch Talent vielleicht möglich sein, um jedoch studieren zu können, braucht man viel Geld. Davon haben viele Familien auf dem Dorf nur wenig, die „school fees“ stellen meist eine große Herausforderung dar. Die Gründe dafür sind zahlreich und ich werde mich vielleicht zu einer anderen Zeit in diesem Blog damit auseinandersetzten, aber das Ergebnis ist das selbe: viele Träume und Berufswünsche werden zerplatzen, weil das Geld nicht reicht, um ein Studium zu finanzieren. Vor allem Mädchen wird häufig die Chance verwehrt ein College zu besuchen, meistens „weil sie ja danach sowieso nur als Hausfrau kochen und die Kinder betreuen, warum sollte man da für deren teure Bildung aufkommen?“… Da wird lieber der Bruder zum Studieren geschickt, um später gutes Geld für die Familie zu verdienen.

In einem tamilischen Kurzfilm, den ich mit den Hostelmädchen anschauen durfte, wird rührend eine solche Geschichte dargelegt und sie ist leider durchaus realistisch. Wer möchte kann sich den Film gerne ansehen, mit englischen Untertiteln ist er sehr gut verständlich!

Die Hoffnung aufgeben ist, finde ich, (trotz der schwierigen Lage) keine Lösung. Wenn man an seinen Zielen festhält und auch ein bisschen Glück hat, wer weiß, vielleicht werden doch Ärzte und Wissenschaftler und Beamte aus meinen sehr liebenswerten SchülerInnen. Ich würde es ihnen sehr wünschen und fiebere mit! Catch up to them, you can do it!

Von Feiertagen, Mangos und Plastikstühlen

Jeden Tag ist vor dem Frühstück ein Gottesdienst, bei dem ich kein Wort verstehe
(Außer thandhei, mahan, tujavi enperale, amen = Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen).

Jeden Tag gebe ich eine Stunde „Spoken English“ Unterricht in einer der 8. bzw. 9. Klassen.

Jeden Tag freue ich mich über interessante Gespräche mit den Jesuiten beim Essen.

Jeden Tag lerne ich die Loyola Higher Secondary School und ihre vielen Gesichter besser kennen.

Trotzdem gleicht für mich momentan kein Tag dem anderen! Seit ich hier bin gab es jede Woche mindestens ein Fest oder einen Feiertag:) Zuerst war das Fest des Heiligen Ignatius von Loyola, dann Sportfest, dann ist der ehemalige Chief Minister von Tamil Nadu gestorben und es gab einen Trauertag, dann waren 3 Tage frei (ich glaube wegen einem Hindu-Fest), am 15. August ist der indische Unabhängigkeitstag etc. etc.
Die ganze Schule ist in die Vorbereitungen für solche Festlichkeiten miteinbezogen. Sie geben den SchülerInnen die Möglichkeit, sich kreativ oder sportlich zu engagieren und beleben den Schulalltag. Doch selbst an Feiertagen gibt es hier im Hostel Studytimes, in denen Hausaufgaben gemacht werden oder für Prüfungen gelernt wird, und Dutytimes, in denen aufgeräumt, geputzt und für die Pflanzen gesorgt wird. Dass es nie einen wirklich freien Tag gibt (auch sonntags muss gelernt und für Ordnung gesorgt werden), daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Da die letzte Studytime erst um 22 Uhr endet und die Mädels um 5 Uhr morgens aufstehen müssen, gibt es nur wenig Schlaf. Ich bewundere die SchülerInnen dafür, wie sie trotzdem den ganzen Schultag bis 16 Uhr durchhalten. Wenn ich in meiner Schulzeit jeden Tag nur ca. 6 Stunden geschlafen hätte und nicht einmal am Wochenende hätte ausschlafen können, wäre ich im Unterricht keine sehr aufmerksame Schülerin gewesen…

Beim Essen gemeinsam mit den Jesuiten begegnet mir jeden Tag eine neue Überraschung! Vor allem die Früchte haben es mir sehr angetan. Ich bin angereist mit dem Gedanken: „Wie schaffe ich es, mich in Indien ein Jahr lang von Mangos fernzuhalten?“. Inzwischen bin ich die erste am Tisch, die sich über den Teller mit geschnittenen Mangostücken hermacht! Es gibt so viele verschiedene Variationen von Mangos (und von Bananen, Maracujas, Beeren, Reis etc.), das Geschmackserlebnis ist immer ein Neues. Morgens, mittags und abends gibt es nach dem warmen Gericht immer auch Obst, was ich sehr genieße. Nach meinem Sinneswandel mit den Mangos wurde ich mutiger im Ausprobieren: meinen Tee trinke ich inzwischen typisch indisch mit Milch (ganz ohne Wasser!) und wer noch nie Salz auf einen aufgeschnittenen Apfel gestreut hat, sollte das unbedingt mal ausprobieren! Der Geschmack verändert sich völlig, aber ich finde es gut:D
Jeder Bestandteil einer Mahlzeit leistet, so scheint es, einen Beitrag zur Gesundheit des Konsumenten. Während Gooseberrys den Körper abkühlen sollen, sind Mungobohnensprossen „good for your nutrition“ und beim Verzehr von Mangos sollte auch immer ein kleines Stück der Schale mitgegessen werden für eine bessere Verdauung. Auf eine ausgewogene Ernährung und eine gute Gesundheit wird großen Wert gelegt, wobei man an dieser Stelle anmerken muss, dass das Essen im Fatherhouse um einiges vielseitiger und ausgefallener ist, als die Mahlzeiten der Hostelkinder und der Dorfbevölkerung. Während es für die Jesuiten, die Sister, eventuelle Gäste und mich fast jeden Tag Reis mit Gemüse sowie Idly, Dosai, Japati, Omlett, Fisch, Fleisch oder Toastbrot gibt, essen die SchülerInnen häufig nur Reis mit Samba (vegetarische Soße) und manchmal etwas Gemüse. Umso besonderer ist es, wenn für alle Hostellers Japati zubereitet wird. Es geht dann in der Küche zu wie beim großen Plätzchenbacken, alle helfen mit, dann geht es schneller! Es gibt auch eine Vielzahl von indischen Süßigkeiten und Snacks, die sich die HostelschülerInnen stets von zuhause mitnehmen und in den Pausen genüsslich verspeisen! Auch von den zahlreichen Obstbäumen auf dem Campus wird viel genascht, wobei das unbedingt vor der Sister geheim gehalten werden muss!

Die Aufteilung in Respektsperson und den Personen, die Respekt zeigen müssen, ist sehr stark sichtbar. Durch meine Herkunft und meine Funktion als „teacher“ werde ich auf eine Stufe gestellt mit den LehrerInnen und Jesuiten. Da ich selbst vor drei Monaten noch Schülerin gewesen bin, ist diese Rolle für mich sehr ungewohnt! Es bricht mir fast das Herz, wenn ich sehe, wie hart die Mädchen während der Dutytime arbeiten müssen (Unkraut jäten, Müll entsorgen, den Vorplatz kehren, putzen) und sie mir gleichzeitig mit einem „no, no Miss“ bedeuten, mich hinzusetzen statt ihnen zu helfen. In der Messe soll ich stets neben die Sister auf einem Plastikstuhl sitzen, während alle Schüler und Schülerinnen und die Lehrer aus dem Hostel auf dem Boden sitzen. Diese höher gestellte Position ist mir oft sehr unangenehm, denn auch wenn andere Festlichkeiten sind wird der Plastikstuhl immer zuerst mir angeboten, selbst wenn bereits ältere LehrerInnen danebenstehen, die eindeutig weniger fit sind als ich:D
Ich muss meinen Platz in diesem „hierarchischen“ System erst noch finden, vermutlich werde ich dabei noch in viele Fettnäpfchen treten 🙂

Ein neuer Anfang

19.07.2018

„Erst wenn ich losgehe, sehe ich den Weg“

Bei unserem letzten Vorbereitungsseminar vor einigen Tagen habe ich mir diese Zeile ausgesucht, um meine Situation kurz vor dem Einsatz in Indien zu beschreiben. Ich bin gestern von Nürnberg losgegangen und ohne Probleme in Chennai angekommen. Doch mein Weg ist hier noch lange nicht zu Ende! Genauer gesagt habe ich gerade die erste Weggabelung genommen, die mich zu ungewissen Orten führt. Ich bin sehr gespannt, welchen Menschen ich noch begegnen werde und welche Strecken meines Weges leicht, und welche schwer werden.

An dieser Stelle ist es mir wichtig zu erwähnen, dass dieser Blog meine SUBJEKTIVEN Erfahrungen und Gedanken über Indien/Tamil Nadu widerspiegelt. Ich werde mich bemühen, Situationen von zwei Seiten zu betrachten und somit etwas objektiver zu sein, doch ich möchte gleichzeitig vorwarnen, dass es mir vielleicht nicht immer gelingen wird. Man kann ein Land und eine Kultur nicht an einem Tag erfassen, deshalb hoffe ich, im Laufe der Zeit immer mehr dazu zu lernen und das Wesen meines Einsatzortes immer besser verstehen zu können.

Ich werde noch eine Woche in Chennai im Gästehaus des Loyola College bleiben, um in Tamil Nadu anzukommen. Fr. Justin und Fr. Dominic stehen mir immer zur Seite, wenn ich etwas brauche, ich fühle mich hier sehr gut aufgehoben. Trotzdem wächst die Vorfreude auf die Ankunft in Kuppayanallur, wo ich die nächsten 11 Monate verbringen darf 🙂