Ein voller Terminkalender

Nach langer Wartezeit melde ich mich mal wieder mit ein paar Eindrücken aus Tamil Nadu 😀
Im letzten Monat sind immer mehr Aufgaben und Veranstaltungen für mich dazugekommen, dadurch hatte ich leider nur wenig Zeit, um einen weiteren Beitrag zu schreiben. Es ist so viel passiert seit dem letzten Mal, ich versuche euch hier einen groben Überblick zu verschaffen.

„Just taste and see“

Mit diesen Worten reagierte Father Samy auf meinen entsetzten Blick, als er vor meinen Augen eine Banane mitsamt Schale verspeiste. Ich war skeptisch. All meine Lebenserfahrung sagte mir, ich sollte das besser lassen, schließlich wurde mir seit Kindertagen beigebracht, dass man Bananen schälen muss vor dem Essen. Und wer schon mal Bananenschale probiert hat, wird bestätigen, dass sie nicht sehr gut schmeckt.
ABER: ich habe gelernt, dem Father in Sachen Essen stets zu vertrauen, weil es sich meistens sehr lohnt. Er sagte, dass in der Schale sehr viele Vitamine und andere gesunde Sachen stecken, die verloren gehen, wenn ich die Schale wegschmeiße. Mit „just taste and see“ hat sich seit Beginn des Einsatzes meine Einstellung zu neuem Essen sehr geändert!
Also griff ich nach der nächstbesten Banane, schloss die Augen… biss hinein… und was für ein tolles Geschmackserlebnis! So viel Frische!
Man muss dazu sagen, dass diese Essensmethode nur bei dieser bestimmten Art von Banane möglich ist. Die Schale von „normalen“ Bananen vertragen wir nicht! Also BITTE NICHT NACHMACHEN!
Wie ich bereits im ersten großen Blogartikel geschrieben habe, gibt es in Indien von allen Arten von Essen nochmal zig verschiedene Varianten. Bei Bananen und Mangos ist das besonders auffällig, weil der Geschmack auch spürbar unterschiedlich ist! Es gibt große, kleine, dicke, dünne, gelbe, rote, süße und eher saure Bananen. Die spezielle „variety“, bei der man die Schale essen kann, ist sehr teuer und ich habe erfahren, dass es sogar Wartelisten bei den Händlern gibt, auf denen Kunden sich eintragen müssen, um in naher Zukunft diese Früchte genießen zu können! Wir haben das Glück, dass Father Samy selbst Bananenbäume dieser variety gepflanzt hat, weshalb er hin und wieder ein paar dutzend davon mitbringt.

Außerdem hat er mich neulich zu sich gerufen und mir 2 Früchte der weltschärfsten Chilli gezeigt, die man ohne Handschuhe nicht einmal anfassen sollte. Aus diesen Chillis wurde „Pickle“ hergestellt, so etwas wie eine Paste, die sehr sehr intensiv schmeckt. Irgendwie haben unsere Köchinnen es geschafft, die Schärfe in Süße umzuwandeln, und hin und wieder genießen wir das Chilli-Pickle mit Reis:)

Lehrerinnen-Ferien

Zwischendurch waren mal wieder 4 Tage frei und die HostelschülerInnen sind nach Hause gegangen. Ich habe mich dazu entschlossen in Kuppayanallur zu bleiben, um die Dinge zu tun, für die ich in der Schulzeit keine Zeit finde. Ich habe zwei meiner Lehrer-Kolleginnen besucht, die in der Nähe wohnen. Im Haus von Christina Miss gab es unglaublich leckeres Essen, sie kann schon kochen, seit sie in der vierten Klasse gewesen ist, und hat deshalb viiiiel Erfahrung!

Der orangefarbene Reis in der Mitte ist Chicken Biriyani; oben von links nach rechts: Banane,  eine Brinjal-Soße, ein süßes Gebäck (rund, hellbraun und total lecker), ein gekochtes Ei, Zwiebel-Karotte-Granatapfel-Koriander-Salat mit Joghurt, Chicken 65 (eine Delikatesse!) und Ananas-Kaiseri (ebenfalls süß). Das ganze wird serviert auf einem gewaschenen Bananenblatt, das man nach dem Essen einfach zusammenklappt.

Auch mit Manimala Miss, der Lehrerin aus dem Hostel, bin ich mehr in Kontakt gekommen, denn sie und ich waren die einzigen, die geblieben sind. Vor diesen Ferien haben wir nicht wirklich viel miteinander geredet, weil ich kaum Tamil sprechen kann und sie sehr schüchtern im Englisch reden ist. Aber das Eis wurde in diesen vier Tagen gebrochen und wir werden jeden Tag mehr zu Freundinnen.

Manimala Miss, Sister Gaspar Mary und ich. Wir sind zusammen im Hostel für die Mädels da.

Insgesamt habe ich viel mehr Kontakt zu den Lehrerinnen seitdem, ich besuche sie jeden Tag im Lehrerinnen Zimmer und lerne viel über Indien, über die tamilische Sprache aber auch über das Lehrerdasein von ihnen. Ich bin sehr dankbar, dass sie mich so herzlich und offen aufnehmen!

Functions, functions, functions

(Das Wort „Function“ wird hier für Feste und Feierlichkeiten aller Art verwendet; ich habe es als Englisches Wort in diesem Zusammenhang vorher noch nie gehört, aber ich vermute es ist ein Wort aus dem Tanglischen, dem tamilischen Englisch 🙂 )

In letzter Zeit haben viele Feste stattgefunden in unserer Umgebung, ich darf mich glücklich schätzen, dass ich vielen davon beiwohnen durfte!

Da war zum einen die Einweihung der neuen Kirche in Papanallur. Als mich die Jesuiten gefragt haben, ob ich mit ihnen dorthin kommen möchte, habe ich einen kleinen Gottesdienst mit dem ganzen Dorf und vielleicht noch einen tea für alle im Anschluss erwartet. In 2h, so dachte ich, bin ich wieder daheim. Wie sehr ich mich geirrt habe! Das Fest war gigantisch groß, alles war bunt und laut und voller Lichter und Menschen. Die Straße, die zur Kirche führt, war schon zweihundert Meter vor der Kirche mit Fahnen und Lampen und Tüchern geschmückt worden, dort fand zunächst eine Prozession mit einer Marienstatue und Trommelmusik statt.

Auch aus allen Nachbardörfern sind die Menschen zu der Kirche gekommen, um das Fest mit ihrer Nachbargemeinde zu feiern. Es waren etwa 20 Priester da und der Bischof hat eine Flagge mit der Jungfrau Maria gehisst und ist als erster in die Kirche geschritten. Der Gottesdienst hat 3 Stunden gedauert. Ich hatte eine „Aufpasserin“, eine 11.Klässlerin aus der Schule, an meiner Seite, die mich ins Innere der Kirche gezogen hat. Außen gab es auch ganz viele Stühle zum Sitzen, weil bei weitem nicht alle Menschen in der Kirche Platz hatten. Ich wollte der Heimatgemeinde eigentlich den Vortritt im Innenraum der Kirche lassen, aber meine Begleitung war der Meinung, dass ich unbedingt das Geschehen aus nächster Nähe sehen muss. Und so fand ich mich plötzlich in einer Ecke der Kirche wieder, wo nur Kinder saßen. Ich bin schon im Vergleich zu Erwachsenen hier sehr großgewachsen, aber an diesem Abend kam ich mir neben den Kindern noch dreimal auffälliger und größer vor. Im Anschluss an den Gottesdienst gab es Essen, natürlich Biriyani, was sonst!

6 Stunden nachdem wir in Kuppayanallur gestartet sind, haben wir dann vom Fest aus wieder die Heimreise angetreten. Eigentlich sind es nur 20 Minuten mit dem Auto, aber wir haben fast 90 Minuten gebraucht, weil unser Tank auf halber Strecke leer geworden ist, mitten im Nirgendwo. Die Tankanzeige im Jeep ist schon länger kaputt und irgendwie war auch noch der Hebel abgebrochen, mit dem man die Motorhaube aufmachen kann. Dadurch hat es nochmal länger gedauert, aber schließlich sind wir dann doch zu Hause angekommen. Situationen wie diese haben mich gelehrt, Dinge öfter einfach so hinzunehmen wie sie sind. Sich aufzuregen hätte einfach nichts genützt sondern nur die Stimmung verschlechtert. Und so haben wir eine lustige Stunde unter den Sternen verbracht…

Ein weiteres Fest zu einem sehr traurigen Anlass war einen Tag vorher in Kuppayanallur gefeiert worden. Ein Schüler aus der 7. Klasse unserer Schule ist beim Baden in einen Wassertank gefallen und ertrunken. Seine Familie hat noch am selben Tag eine Totenaufbahrung und die Beerdigung organisiert. Da es ein Feiertag war, aber alle Lehrer für ein Meeting in der Schule waren, sind wir als große Gruppe zu seinem Haus gegangen, um bei seinem Leichnam für ihn zu beten und seiner Familie beizustehen. Es war sehr berührend und traurig, schließlich war er noch so jung. Ein paar Tage zuvor ist er vielleicht noch einem der Lehrer auf die Nerven gegangen (er war ein sehr aktiver junge, hat man mir erzählt) oder einen Baum hochgeklettert (eine seiner Leidenschaften), jetzt wird er für immer schlafen. Mich hat dieser Tag gelehrt, dass jeder Tag, den wir erleben dürfen, etwas unglaublich wertvolles und besonderes ist. Bereits jetzt durfte ich mehr Tage erleben, als der Junge in seinem kurzen Leben, das macht mich dankbar und traurig zugleich. Ich werde noch oft an ihn denken, sein Name war Sunil.

Eine Lehrerin aus dem Sekretariat ist im neunten Monat schwanger, und hat mich letzte Woche auf eine Feier in ihrem Haus eingeladen, die vorbereitend für die Geburt des ersten Kindes in jeder Familie in Tamil Nadu gefeiert wird. Die Frau wird gesegnet und es gibt ganz viele Zeremonien, die sehr anstrengend aussahen. Wie sie das im neunten Monat durchgehalten hat, ist mir schleierhaft. Sie stand z.B. 20 Minuten lang vornübergebeugt, die Hände auf drei Pötten mit Wasser abgestützt, und über ihrem Rücken wurden über ein Bananenblatt in eine Schüssel Coconut-Water, Milch und Wasser geschüttet. Jede ihrer Cousinen (und es waren viele!) hat dies dreimal gemacht, dann konnte sie sich wieder aufrichten. Diese Zeremonie soll das Kind segnen und sicherstellen, dass es ein wohlhabendes Leben führen wird. Danach zieht sich die Frau um und setzt sich neben ihren Ehemann. (Die Ehemänner in Tamil Nadu rasieren sich weder Bart noch Haare, solange ihre Frau schwanger ist, denn sie sollen keine scharfe Klinge berühren, wenn ein Kind unterwegs ist.) Das Ehepaar wird von den Gästen der Feier gesegnet, indem sie Blumen über ihnen streuen, ihnen Essen in den Mund schieben, sie an verschiedenen Stellen mit einer braunen Farbmischung oder rotem Pulver (mir wurden diese Stoffe als „sandal-colours“ vorgestellt) bemalt werden. Der Frau wird von jedem Gast ein paar Bangals (klimpernde Armreife in Gold oder allen möglichen Farben) übergestreift, sodass danach ihr ganzer Arm voller schimmernder Ringe ist. Das klimpernde Geräusch soll das Baby glücklich machen und die Bangals werden bis zur Geburt nicht mehr abgenommen. Die ganze Feier wird veranstaltet, um der Frau die Angst vor der Geburt zu nehmen. Sie soll sich glücklich und geborgen fühlen im Kreise ihrer Liebsten, das überträgt sich dann auch auf das Kind und beide sind entspannter für den großen Tag. Ich hatte das Gefühl, dass es eigentlich ganz schön stressig für die Frau bei dieser Feier ist, aber das ist nur meine subjektive Meinung. Ich stand die ganze Zeit einfach nur staunend da und habe neue Eindrücke eingesogen. Am Ende gab es, wer hätte es gedacht, Biriynai!

Children‘s Day

Am 14. November wird in Indien der Children‘s Day gefeiert, in Gedenken an den ersten Premierminister Nehru, der bekannt war für seine Nähe zu und seinen Einsatz für Kinder.
Im Gegensatz zum Teacher‘s Day im September, bei dem allein die SchülerInnen das Programm gestaltet haben, sind am 14. November die LehrerInnen an der Reihe. Den Kindern werden Süßigkeiten mitgebracht und Glückwünsche zugerufen und die LehrerInnen zeigen ihr Können auf der Bühne zur Unterhaltung ihrer students. Zwei Tage vorher wurde im Lehrerinnenzimmer verkündet, dass einige Lehrerinnen einen Tanz aufführen werden. Ich wurde sogleich überzeugt, mich dieser Gruppe anzuschließen, auch wenn ich vorher so meine Bedenken hatte. Tanzen ist nicht gerade eine meiner Leidenschaften oder Talente… Aber: Wir hatten einfach eine unglaublich lustige Zeit beim Proben und auf der Bühne!
Auch ein paar der anderen Lehrerinnen sind keine geborenen Tänzer, die Schritte wurden für uns extra einfach gehalten. Trotzdem: einen 5 Minuten langen Tanz an 2 Tagen zu lernen, ist eine Herausforderung. Den ganzen Dienstag und Mittwoch konnte man Lehrerinnen im ELT Room ein und aus gehen sehen, weil jeder, der gerade eine Freistunde hatte, zum Proben dorthin gegangen ist. Der Mittwoch (=14.November) kam und wir hatten erst zweieinhalb Minuten des Liedes mit Tanzschritten gefüllt! Irgendwie haben wir es aber noch geschafft, die zweite Hälfte am Vormittag zu lernen und am Nachmittag schon aufzuführen…
Ich wurde in einen pinken Saree gekleidet, denn zum Tanz muss man sich natürlich schick machen! Überraschenderweise war es aber gar nicht hinderlich beim Tanzen, sondern hat mir eher das Gefühl gegeben, dass ich, obwohl tamilisches Tanzen Neuland für mich ist, wenigstens ein bisschen graziös dabei aussehe:D Außerdem wurden mir Armreife und Ketten angelegt und Blumen ins Haar gesteckt.

 

Die Kinder haben den Tag sehr genossen, das Theaterstück der männlichen Lehrer und der Tanz der Lehrerinnen waren die Highlights des Nachmittagsprogramms. Noch eine Woche später wurde ich auf dem Gang mit „Your dance was super“ oder „Miss, you on Wednesday in Saree? Very nice!“ begrüßt. Die Hauptsache ist, dass die Kinder Spaß hatten, kleine Patzer sind in der allgemeinen Hochstimmung gar nicht aufgefallen 🙂

In der Zeitung habe ich gelesen, dass am Children‘s Day 40 Kinder aus sehr armen Familien in Tamil Nadu die Chance erhalten haben, zum ersten Mal in ihrem Leben (vielleicht auch zum letzten Mal… ) in einem Flugzeug zu fliegen. Sie sind von Chennai nach Madurai und wieder zurück geflogen und während des Flugs war ein bekannter tamilischer Schauspieler zur Unterhaltung mit dabei. Diese Veranstaltung wurde von der Regierung organisiert, teilweise auch als Prestigeprojekt zu Wahlkampfzwecken… Dennoch hatten die Kinder bestimmt einen unvergesslichen Tag!

Das ELT-Programm

Alle SchülerInnen der 6. bis 8. Klassen sind Teil des English Language Teaching (ELT) Programms, das in den Schulen im Rahmen des Englisch Unterrichts praktiziert wird. Jede Woche gibt es zwei extra Englisch Stunden, die zur Vertiefung und Anwendung des Lernstoffes gedacht sind (es gibt sogar ein separates ELT-book für alle SchülerInnen). Zusätzlich werden die Klassen in Teams aufgeteilt (z.B. yellow, indigo, red, green, orange) und sammeln im Unterricht Punkte. Jeden Tag gibt es ein Pouch word, eine Vokabel, die an diesem Tag an einer Karte ans Revers geheftet wird und gelernt werden soll. Dreimal im Jahr gibt es die ELT-Assembly, bei der das Programm ausschließlich von ELT SchülerInnen und LehrerInnen gestaltet wird. Diese Woche war die zweite ELT Assembly in diesem Schuljahr, und ich habe mit einigen SchülerInnen den Prayer Song und einen kleinen Sketch vorbereitet. Außerdem gab es einen Action Song (When you‘re happy and you know it, clap your hands…), eine Lesung aus der Bibel, dem Koran und einem heiligen Buch der Hindus, eine Conversation über das Fällen eines Neem trees, eine Geschichte auf Englisch, eine Rede, etc. etc.
Das meiste hat gut funktioniert und vor allem wir Lehrerinnen waren froh, als es endlich geschafft war! Wir haben bei jedem Satz mitgefiebert und mitgelitten, wenn jemand seinen Text vergessen hat:)

Seit einigen Wochen testen wir außerdem die Idee, wöchentlich ein Quiz-Programm für die ELT Klassen anzubieten. Wir haben mit der 8. Jahrgangsstufe angefangen und jetzt wechseln sich 6., 7. und 8. Klasse jede Woche ab. Bei dem Quiz werden 50 Vokabeln spielerisch abgefragt, die in der Woche vorher gelernt wurden. Die Klassen spielen innerhalb ihrer Jahrgangsstufe gegeneinander und sammeln Punkte. Da in jeder der Klassen ein bis zwei meiner Hostel Mädchen sind, kann ich mich nie entscheiden, für wen ich mitfiebern soll, aber es ist einfach schön zu sehen, mit wie viel Eifer die SchülerInnen dabei sind!

Das ELT-Programm trägt eindeutig Früchte, meine 8. Klassen sind viel enthusiastischer und aufgeweckter im Englischunterricht als die 9. Klassen, die das ELT-Programm nicht mehr mitmachen. Obwohl auch sie die letzten drei Jahre ELT-Englisch gelernt haben, trauen sie sich viel weniger in Englisch zu sprechen, als die 8. Klassen, die noch im Programm involviert sind. Das ist schade, finde ich!

Special Classes

Für eine Woche hatten wir an der Schule einen besonderen Gast. Ein Psychologie Professor mit einer speziellen Ausbildung in besonderen teaching-Methoden hat SchülerInnen, die Probleme mit dem Lesen oder der Rechtschreibung haben, das tamilische Alphabet und das Zusammensetzen von Wörtern spielerisch beigebracht. Er hat vieles über Lieder gemacht, außerdem mussten sich die SchülerInnen ständig bewegen, was ihnen sehr viel Spaß gemacht hat. Die 247 tamilischen Buchstaben hatte er auf Plättchen gedruckt und die mussten dann sortiert werden. Eine weitere Methode war, dass die Kinder am Ende des Unterrichts eine Buchseite aus einem ihrer Schulbücher laut (und mit laut ist wirklich sehr laut gemeint) vorlesen, und zwar alle gleichzeitig im Raum verteilt. Es hat sich angehört als wäre die halbe Schule im Raum und würde sich lautstark unterhalten, aber so wurde ihnen die Angst genommen, Fehler zu machen.

Dieser spezielle Unterricht wurde für ausgewählte SchülerInnen der 7. bis 10. Klasse angeboten, sogar an den zwei Feiertagen der Woche sind die SchülerInnen und LehrerInnen zu Professor Perumal gekommen. Die LehrerInnen waren abwechselnd mit bei den Special classes dabei. Zum einen zum Mithelfen und zum anderen um zu beobachten, wie Unterricht auch ausschauen kann.

Mich hat zuerst schockiert, dass es auch in der zehnten Jahrgangsstufe noch SchülerInnen gibt, die nicht lesen und schreiben können. Ich habe mich gefragt, wie sie es bis in diese Klasse geschafft haben, wenn sie bei den Klausuren nicht einmal die Fragen lesen, geschweige denn eine Antwort hinschreiben können. Aber im tamilischen Schulsystem kann man bis zur zehnten Klasse nicht durchfallen. Auch wenn man in allen Klausuren unterpunktet, wird man weitergeschickt in die nächste Jahrgangsstufe. Die Probleme werden dadurch nicht gelöst, sondern eher immer weiter aufgeschoben, das sehe ich und sehen auch viele der LehrerInnen sehr kritisch.

Apology letters

Ich habe in meiner ersten Woche hier zum ersten Mal etwas von einem „Apology letter“ gehört, nachdem zwei Siebtklässlerinnen im Hostel zu spät zur Studytime gekommen sind. Ich habe sie auf dem Boden sitzen und einen Brief schreiben sehen und sie gefragt, was das ist. „Apology letters, Miss“ „For the Sister, we came late so we write“. Was ich am Anfang noch für einen Scherz gehalten habe, ist keineswegs unüblich in Tamil Nadu. Täglich müssen in der Schule ganze Horden von Jungen und Mädchen ihre apology letters vom Schulleiter unterschreiben lassen, weshalb vor seinem Büro immer eine lange Schlange steht. Auch LehrerInnen müssen sich schriftlich entschuldigen, wenn sie etwas falsch gemacht haben (von mir wurde für einen Fehler noch nie ein Brief verlangt, ich glaube ich habe als Ausländerin da eine Sonderrolle).
Alle apology letters von SchülerInnen und LehrerInnen werden wie in einer Akte über jeden einzelnen gesammelt, und können jederzeit für oder gegen die jeweilige Person verwendet werden. Im Hostel werden die Mappen mit den apology letters den Eltern gezeigt, wenn sie zu Besuch kommen.
Erst dachte ich, dass die Apology letters nur an der Schule so gehandhabt werden, bis ich in Chennai erfahren habe, dass auch am College und in Firmen das apology letter Schreiben Gang und Gebe ist. Einmal wurde mir sogar eine Geschichte von einem Unfall erzählt, bei dem ein Fußgänger aus Versehen einen Fahrradfahrer zu Fall gebracht hat. Die Polizei hat zu dem Fußgänger nur gesagt „write an apology letter to him, then you can go home, it is not a big deal“.

Apology letters sind hier so alltäglich, aber ich finde trotzdem, dass es nicht so viel bringt, einen Brief als Entschuldigung abzugeben. Das wird niemanden davon abhalten, den Fehler nochmal zu begehen. Eine mündliche Entschuldigung direkt ins Gesicht des Betroffenen ist viel schwieriger und hinterlässt auch mehr Wirkung, als ein Brief. Wenn ich wütend auf jemanden bin, können mich doch ein ehrlich gemeintes „I am really sorry“ und vielleicht noch ein paar erklärende Worte viel eher besänftigen, als ein formeller Brief mit Unterschrift. Andererseits ist ein Brief natürlich offizieller, als eine mündliche Entschuldigung, also können beide Seiten sich darauf berufen, sollte es wieder Probleme geben.

Ein Apology letter besteht aus der Überschrift „Apology letter“, Name und Anschrift von Verfasser und Empfänger, einem kurzen Text über das Vergehen/den begangenen Fehler und den Unterschriften von Verfasser und Empfänger (in der Schule zusätzlich auch noch der Schulleiter).

Rotznasen und Binomische Formeln

Und hier der aktuelle Wetterbericht aus Tamil Nadu…

Die Regenzeit hat begonnen aber der Regen hat aufgehört!
Mitte Oktober hat sich der Regen mit einem letzten kräftigen Unwetter fürs erste verabschiedet. Es war genau der Tag, an dem alle in die 4-tägigen Ferien aufbrechen wollten. Pünktlich um 15 Uhr, als alle Schüler zurück ins Hostel stürmten, um ihre Taschen zu packen und ihren Eltern in die Arme zu fallen, begann ein Wolkenbruch. Für 2 Stunden hat es so sehr geschüttet, dass keiner einen Schritt aus dem Haus gewagt hat. Der Donner war so laut, dass wir dachten, ein Haus würde nebenan einstürzen! Nur Abina, die Unerschrockene, hat ein Papierboot gebaut und es zum Vergnügen aller draußen in dem vor der Hosteltreppe entstandenen Bach auf die Reise geschickt.

Das einzige, was uns jetzt, 2 trockene Wochen später, von der Monsunzeit bleibt: Moskitos 🙁
Brother Kulandai, der Schulleiter, hat offiziell den Beginn der Moskitophase angekündigt, als er eines Morgens Zeitung-schlagend und fluchend in den Speisesaal gestürmt kam. Und tatsächlich, seit diesem Tag nimmt die Anzahl meiner Stiche stetig zu! Es werden alle möglichen Abwehrmaßnahmen ergriffen:

– Es gibt 2 neue Moskito-Schläger in der Community, die die Köchinnen täglich im ganzen Father-Haus benutzen (sie sehen aus wie kleine Tennisschläger und sobald sie eine Moskito berühren gibt es ein lautes Knacken und Knistern; ich erschrecke immer noch oft, wenn Pungili, die eifrigste Moskito-Killerin, wie aus dem Nichts auftaucht und dieses Geräusch durch die Gänge hallt)

– Sobald man einen Raum betritt, wird als erstes der Deckenventilator eingeschaltet (auch nachts laufen die „fans“ auf Hochtouren)

– Die Türen werden hastig wieder zugeschlagen, wenn man in einen Raum rein oder hinaus geht, damit nicht noch mehr Moskitos ihren Weg nach Innen finden

– Mir wurde eine angenehm riechende Creme empfohlen, die sowohl die bereits vorhandenen Stiche kühlt, als auch vor neuen Angriffen der Moskitos schützt: Odomos (Allerdings wirkt mein Anti-Brumm aus Deutschland viel besser als Abwehr, meiner Erfahrung nach)

Eine weitere Folge des kühleren Klimas: es sind sehr sehr viele Leute krank. Zwei der Jesuiten, die Sister aus dem Hostel und drei der Köchinnen sind erkältet und einige von ihnen haben auch Fieber. Bei den Hostelkindern schaut es nicht besser aus: 15 von 35 Mädels sind mit Fieber nach Hause geschickt worden und täglich muss Brother Thomas aus dem Boys Hostel mit neuen Schülern ins Hospital nach Uthiramerur. Mich hat es noch nicht erwischt, und das obwohl ich keinen Koriander-Ingwertee oder Grass-Juice trinke, wie mir alle ständig raten. Hier ist es üblich, vorbeugend sehr gesunde, natürliche Mixturen zu sich zu nehmen, um gar nicht erst krank zu werden. Mir reicht allerdings schon die Vorstellung von Koriander-Ingwertee, um ein flaues Gefühl im Magen zu bekommen… Die Fathers trinken morgens immer eine halbe Tasse Grass-Juice, ich habe es an meinem ersten Tag hier probiert und beschlossen, dass es auch das letzte Mal sein würde, weil es für mein Empfinden einfach zu gesund geschmeckt hat. Die Regierung hat gestern für alle Schulen Neem-Tree Saft gesponsort, um die Schüler vor Erkältung und Gliederschmerzen zu schützen. Ich konnte diesmal leider nicht schnell genug entkommen und hatte plötzlich auch einen Becher mit dem bitteren Zeug in der Hand. Nase zu und durch!

Der Drei-Fronten-Krieg

Letztes Wochenende haben die 8. Klassen sehr viele Hausaufgaben in Mathe bekommen. Ihr neues Thema: Binomische Formeln. Verzweifelt kam am Freitag Nishanti zu mir und hat auf eine Buchseite voller Umformungsaufgaben gezeigt, die wir sogleich angepackt haben. Nach 3(!) Studytimes waren wir fertig. Als am nächsten Tag Tamilvani mit genau den gleichen Aufgaben zu mir kam habe ich innerlich ein bisschen geseufzt, aber habe eben nochmal genau das gleiche erklärt wie vorher ihrer Klassenkameradin. Am dritten Tag rannten die restlichen drei Mädels aus der 8. Klasse, Rajasri, Asina und Rebeka, alle auf einmal zu mir, um genau die gleiche Buchseite mit mir durchzuarbeiten. Da sie alle unterschiedlich schnell im Rechnen und im Merken der Formeln sind, musste ich jedem einzeln erneut die gleichen Umformungen erklären wie die 2 Tage davor auch schon. Nur dass diesmal von drei Seiten gerufen wurde:

„Naan first, Miss, pleeease“
„One formular, Miss, only one more formula“
„I, Miss, I, Rebeka was so long now“
„No Miss, me first, tomorrow my Maths Sir will correct!“
„Rajasri only sleeping, come here Miss“
„Miiiiss Miiiss, this one is right Miss? You see!“

Ich habe versucht, allen dreien gerecht zu werden, aber es herrschte wirklich Krieg in dieser Studytime! Der Krieg um meine Aufmerksamkeit und der Krieg gegen die binomischen Formeln. Wir haben aber alle gemeinsam die Schlacht gewonnen, weil am Montag Morgen in der Morning Study auch noch die letzten Formeln ihre Anwendung gefunden hatten und wir zufrieden die Mathebücher schließen konnten. Zumindest bis zum nächsten Mal…

Science exhibition

Am Science exhibition Day an der Loyola Higher Secondary School waren alle SchülerInnen sehr aufgeregt. Jede Klasse hat verschiedene Versuche, Plakate oder eigene Erfindungen präsentiert, die alle in der großen „Indigo Hall“ aufgebaut waren. Es gab so viele pfiffige Projekte, wie Straßenlaternen mit Bewegungsmelder (zum Stromsparen), ein kompliziert aussehendes System von Wasserrohren in einem Haus (um Regenwasser geschickt weiterzuleiten) oder einen ferngesteuerten Roboter mit Flaschendeckeln als Räder.

 

Mein Lieblings-Projekt war eine kleine Maschine aus einer CD mit Löchern und einer Plastikflasche, die Seifenblasen erzeugt hat:)

Begeistert habe ich mir alles angeschaut und mir eifrige Erklärungen meiner Englischschüler zu ihren Erfindungen angehört.

Pooja, Affen und Fisch

In den vorher schon erwähnten Ferien Mitte Oktober war ich wieder in Chennai am Loyola College bei Father Dominic. Er hat mich gleich am ersten Ferientag mitgenommen auf einen Ausflug in den Westen Tamil Nadus. Unsere Reisebegleitung: Father Venish aus Chennai und der Driver des Loyola College, Baskar. Wir sind zuerst zu einem Arzt in Krishnagiri gefahren, der Naturheilkundler ist und dem Dominic sein vollstes Vertrauen schenkt. Während die Männer im Wartezimmer gewartet haben, war ich eher interessiert an dem Laden für Tore und Zäune nebenan. Es war Pooja-Fest an diesem Tag, das bedeutet, dass alle Gegenstände verehrt werden, die uns im Alltag und im Arbeitsleben helfen. Deshalb wurden alle Maschinen und Fahrzeuge des kleinen Ladens mit Blumen, Farben und Obst geschmückt und um eine Gottesstatue herum platziert. Ich wurde eingeladen, ganz vorne bei der Zeremonie mit zuzuschauen, eine große Ehre, die mir vermutlich wegen meiner weißen Haut zuteil wurde. Eine Schale mit Feuer wurde vor den Gegenständen mehrmals im Kreis geschwenkt, danach haben alle Gäste dreimal mit den Händen (ganz leicht) die Flammen berührt und die Hände danach zur Stirn geführt – eine Geste der Verehrung. Danach wurde das gleiche mit einem Kürbis wiederholt, den man ebenfalls zum brennen gebracht hat. Um das Haus für das nächste Jahr zu segnen, wurde er vor dem Eingang zu Boden geschmissen und ist in 4 gleichgroße Teile zersprungen. Ich habe voller Staunen diesen ganzen Ereignissen zugeschaut und war froh, dass ich nicht wie die anderen die ganze Zeit im Wartezimmer gesessen habe! Zum Abschied wollten alle auf dem kleinen Pooja-Fest mit mir Bilder machen und ich habe eine riesige Tüte mit knusprigen Snacks in die Hand gedrückt bekommen. Die haben wir auf der weiteren Fahrt im Auto gemeinsam verspeist:)

Wir sind als nächstes zum Hogenakkal Wasserfall an der Grenze zu Karnataka gefahren, der in einem riesigen Naturschutzgebiet liegt, aber sehr touristisch ist. Kurz vor unserer Ankunft fuhren wir ein Stück durch wunderschöne Waldlandschaften, Schilder am Straßenrand warnten vor Elefanten und Affen, die die Straße überqueren könnten. ELEFANTEN?! Ich war ganz aufgeregt und habe wie gebannt in die Bäume rings um gestarrt, ich wollte unbedingt einen Elefanten entdecken! Aber wie zu erwarten meiden Elefanten die Umgebung der Straße, zu viele Menschen treiben dort ihr Unwesen. Also keine Elefanten, dafür aber umso mehr Affen. Freche Affen! Sie sind auf Autos geklettert, haben Essen von Tellern stibitzt und sind einem wirklich nah gekommen. Wir haben im oberen Becken des Wasserfalls ein Bad genommen, der Wasserfall selbst war leider gesperrt und wir konnten ihn nicht anschauen:( Aber Baden war auch lustig, ich hatte extra Klamotten mitgenommen, die ich beim Schwimmen anziehen kann. Badeanzüge kann man in Indien höchstens an sehr touristischen Stränden in den großen Städten anziehen, ansonsten sollte man, wie die indische Bevölkerung, auf Schwimmen mit Kleidung umsteigen, aus Respekt der einheimischen Kultur gegenüber. Die Fathers sind zum Männer-Badeplatz gegangen, Baskar, der Driver, ist als mein Aufpasser mit zur Frauen-Seite gekommen. Komischerweise waren auch viele Männer auf der Frauen-Seite im Wasser… Erst hatte ich ein bisschen Bedenken, was ich da alleine im Wasser eigentlich soll, aber sie waren unbegründet! Schon 2 Sekunden nachdem ich das Wasser berührt hatte, umgab mich eine Schar von Frauen, die mich hineingeführt und angelächelt hat. Sofort begannen Frauen und Männer, die nahe genug an mir dran waren, Fragen zu stellen. What is your name? Where are you from? Where are you staying in India? Who came with you? Do you have brothers and sisters? Do you like India? Do you like our food? How old are you? Etc. etc.

Meine neuen Badefreunde waren auch begeisterte Selfie-Macher, nach 20 Minuten hatte ich dann auch genug, obwohl die Leute wirklich nett und das Wasser sehr schön kühl war. Ich wollte meine Klamotten zum trocknen aufhängen, bis die Fathers von ihrem Bad zurückkamen, aber eine Gärtnerin meinte hastig, ich sollte meine Sachen ganz schnell wieder einpacken! Der Grund waren die diebischen kleinen Affen…

Nach diesem aufregenden Tag kamen wir abends sehr erschöpft wieder in Chennai an und ich habe es die nächsten Tage eher ruhig angehen lassen:)

An dieser Stelle muss ich eine kleine Korrektur für meinen letzten Blogeintrag vornehmen. Ich habe eine Kirche mit Kirchenbänken gefunden: die auf dem Loyola College! Aber bisher ist das auch die einzige, in der ich welche gesehen habe…

Ich habe in Chennai zwei Freundinnen gefunden, Studentinnen am Loyola College, mit denen ich mich in meinen Ferien immer treffe. Nooria, eine Studentin aus Afgahnistan, und ich sind zusammen essen gegangen und haben die Läden rund um das Loyola College erkundet.

Leider musste sie und auch meine andere Freundin für ihre Klausuren lernen, weshalb sie nur wenig Zeit hatten. So bin ich mit Fr. Dominic zu einer mit ihm befreundeten Famile gefahren, die er vor 3 Jahren auf einer Zugfahrt kennengelernt hat. Seither haben sie Kontakt gehalten und es sind wirklich nette Leute! Sie haben ein riesiges Essen für uns zubereitet, allerdings eine Herausforderung für mich als Fisch-und-Meeresfrüchte-Skeptikerin… Es gab frittierte Fischscheiben (die noch alle winzige Gräten hatten), Fischcurry(im Curry werden traditionellerweise nur Kopf und Schwanz des Fisches verarbeitet) mit Reis, Biriyani mit Garnelen und als Beilage Zwiebeln mit Garnelen. Ich muss zugeben, dass die kleinen Garnelen ein bisschen wie Hühnchen geschmeckt haben und gar nicht so schlecht waren, aber Fischkopf brauche ich wirklich nicht nochmal… Es gab danach aber noch leckeren Nachtisch und nach dem Nachtisch noch Schokoeis und nach dem Schokoeis noch Tee und Cashew-Snacks. Auch Onkel und Tante der Familie waren für unseren Besuch angereist und wir führten viele gute Gespräche.

Teilen ohne zu zögern

Wie schnell die Zeit vergeht…

3 Monate sind schon vergangen, seit ich mich auf den Weg nach Indien gemacht habe, es ist kaum zu glauben! Die Zeit vergeht für mich wie im Flug, da im April die Sommerferien für die SchülerInnen anfangen, bleiben im Prinzip nur noch 6 Monate Schule übrig!
Ich habe im September endlich meinen Willkommens-Baum gepflanzt! Father Samy, der Pflanzen-Beauftragte von Kuppayanallur, meinte schon vor Wochen, ich sollte (ganz nach tamilischer Tradition) einen Baum pflanzen, um den Start in einen neuen Lebensabschnitt zu markieren. Wenn ich gehe, soll ich einen zweiten pflanzen… Und so kam er eines Tages mit einem bereits sprießenden Coconut-Tree-Samen, den ich dann unter dem Beifall der Mädels einpflanzen konnte.

Es wurden noch drei weitere Bäume daneben gepflanzt und ich wurde zur Bewässerungs-Beauftragten ernannt. An jedem regenlosen Tag schnappe ich mir drei Mädels und wir schleppen Wasserpötte zu den jungen Bäumen, damit sie auch gut wachsen.

Meine ersten Ferien in Indien

Ende September waren einige Tage lang Ferien. Für einen Nachmittag habe ich eine der 11. Klässlerinnen aus dem Hostel zu Hause besucht. Sie wohnt in einem Vorort von Chengalpat, wo ich am Abend einen Zug erwischen musste. Nach dem Mittagessen in Kuppayanallur bin ich zu ihr gekommen und wurde mit einem zweiten Mittagessen überrascht. Eigentlich war ich schon völlig satt, aber hausgemachtes Biriyani sollte man wirklich nicht ablehnen! Zwei volle Teller später konnte ich einen dritten erfolgreich abwehren, ohne unhöflich zu sein, auch wenn es wirklich lecker war! Womit ich nicht gerechnet hatte: Es gab noch Nachtisch… Auch der war speziell für mich zubereitet worden, so was ähnliches wie Teigtaschen mit Nussfüllung. Anschließend haben wir uns umgezogen für einen Besuch in 2 Hindutempeln in der Nähe. Ich habe einen sehr edlen, sehr pinken Saree von ihrer Mutter getragen und war etwas langsam beim Laufen, sehr darauf bedacht nicht auf den Stoff zu treten 🙂

In den Tempeln sind wir jeweils 3 mal im Kreis gelaufen, bevor wir in der Mitte vor der Gottesstatue so etwas wie ein Mini-Räucherstäbchen angezündet haben.

Im ersten Tempel gab es einen „Wächter“, der nur einen Dothi (ein weißes Tuch, das viele tamilische Männer traditionell umbinden und statt einer Hose tragen) trug und der mich über meine Herkunft und meine bisherigen Erfahrungen in Indien ausgefragt hat. Zurück im Haus gab es zum Abendessen nochmal Biriyani, dann bin ich zu meinem Zug gebracht worden.
Es war ein Nachtzug nach Sivagangai, einer sehr südlichen Stadt in Tamil Nadu, wohin ich mit meinem Mentor Father Dominic und seinem Kollegen Father Justin aufgebrochen bin. Die beiden haben sehr gut auf mich aufgepasst und so hatte ich eine sehr gemütliche Nacht in einem der obersten Betten des Zuges (es sind immer 3 übereinander) 😀 Wir sind dorthin gefahren für die Priesterjubiläumsfeier einiger Jesuiten. Die Familie von einem der Jesuiten hat das Fest ausgerichtet und organisiert.

Ich war schon vorher öfter auf Feiern wie dieser in Indien und wage zu behaupten, dass sie (zumindest wenn Jesuiten beteiligt sind) immer ähnlich ablaufen. Zuerst ist Gottesdienst, dann werden Geschenke überreicht. Hierfür stellt sich eine sehr lange Reihe von Menschen hintereinander auf, jeder mit Früchten, Deko-Gegenständen, Kleidung, Taschen, Blumen oder anderen Geschenken in den Händen. Nacheinander überreichen sie diese und werden im Gegenzug von dem Beschenkten gesegnet. Danach kommen alle anderen Gäste der Feier und segnen den Gefeierten, indem sie ihm einen Schal umlegen (ich habe noch nicht herausgefunden, was Männer nach der Feier mit so vielen Schals anstellen…). Von jedem, der einen Schal überreicht und gratuliert, wird ein Bild mit dem Gefeierten gemacht, danach startet das Programm (Singen, Tanzen) und am Schluss steht die Dankesrede. Danach können alle zum Essen kommen, es gibt bei Feiern IMMER Biriyani, viele Soßen, Gemüse und Fleischstückchen dazu, eine kleine Flasche Wasser und als Nachtisch Eiscreme. Gegessen wird mit einem Bananenbaumblatt als Teller, das danach schnell und sauber entsorgt werden kann. Leider kommt bei wirklich jedem Fest die Eiscreme viel zu früh, sodass sie immer schon geschmolzen ist, wenn man fertig gegessen hat!

In Sivagangai habe ich auch die Kathedrale besucht, die direkt neben dem Bischofshaus steht.

Alle Kirchen, die ich bisher in Tamil Nadu gesehen habe, unterscheiden sich sehr von Kirchen in Europa. Die Mauern sind bunt angemalt, es gibt viele Heiligen-, Jesus- und Marienstatuen und sehr bunte Dekorationen mit Blumen und glänzenden Stoffen. Die schönen Verzierungen zeigen die große Hingabe an Gott und sollen den Ort als etwas Verehrungswürdiges kennzeichnen. Das ewige Licht war in der Kathedrale eine elektrische Lampe statt einer Kerze und in keiner Kirche gibt es Kirchenbänke. Die Gemeinde sitzt am Boden, nur die älteren und die „wichtigen“ Personen sitzen auf Plastikstühlen.

Nach der Feier sind wir mit dem Auto zurück nach Chennai gefahren, wo ich die restlichen Tage der Ferien am Loyola College verbracht habe. Neben ein bisschen Shopping, um mich mit einem Regenschirm und außerdem mit Haarspangen, Sicherheitsnadeln und Potu (den Punkten auf der Stirn) auszustatten, war ich mit zwei Freundinnen aus Chennai im Kino. Der Film „U-Turn“ entpuppte sich als tamilischer Thriller/Horrorfilm, war aber wirklich spannend und obwohl ich fast kein Tamil kann, habe ich die Story sehr gut verstanden! Da es kein Liebesfilm war, gab es kein Tanzen und Singen, wie man es sonst von Bollywoodfilmen kennt. Es hat eher an einen Krimi erinnert (nur etwas gruseliger), wie wir ihn auch in Deutschland gerne sehen.

Inzwischen sind wir wieder alle zurück im Hostel. Die Ferien waren sehr lustig und entspannend, aber es ist doch auch wunderschön, alle inzwischen so vertrauten Gesichter wiederzusehen und zu wissen: hier gehöre ich hin!

„Remember, that the happiest people are not those getting more, but those giving more“  -H. Jackson Brown

Dieser Satz trifft auf die Menschen in Indien auf jeden Fall zu! Jeden Tag bin ich aufs Neue erstaunt, wie selbstverständlich und friedfertig Radiergummis, Stifte, Kleber, Scheren etc. im Hostel von einem zum anderen Mädchen weitergegeben werden, sobald jemand danach fragt. Ohne mit den Augen zu rollen oder genervt anzumerken, dass die Fragende sparsam damit umgehen soll, werden auch fast leere Kleberflaschen oder das letzte leere Blatt in einem Heft an andere verteilt! Nicht viele Mädchen im Hostel besitzen Buntstifte, aber diejenigen, die welche haben, verstecken sie trotzdem nicht vor den anderen, um selbst mehr davon zu haben. Und nicht nur mit den eigenen Freunden wird geteilt, sondern mit jedem, der es braucht.

Das gleiche gilt für alle Arten von Essen und Trinken! Jeden 2. Sonntag dürfen die Eltern ihre Kinder am Nachmittag besuchen und bringen ihnen stets eine Vielzahl von Blumen (fürs Haar), Snacks und anderen Kleinigkeiten mit. Neulich sitze ich mit zwei 6. Klässlerinnen in der Studyhall und eine der beiden erzählt mir traurig, dass ihre Eltern meistens nicht genug Geld haben, um ihr Snacks mitzubringen. Eine Sekunde später steht die andere 6. Klässlerin auf und stürmt zum Platz ihrer großen Schwester, um ein Päckchen mit Nüssen für ihre traurige Freundin zu holen. Auf dem Weg wurde sie leider von der Sister erwischt und musste sich als Bestrafung fürs Herumlaufen (während der Studytime) in der Mitte aufrecht auf den Boden knien und da warten, bis die Sister sie zurück auf ihren Platz schickt. Diese Ungerechtigkeit hat mir fast das Herz gebrochen, immerhin wollte sie nur etwas Gutes tun und wird dann dafür bestraft. Da Snacks aber ein noch schlimmeres Vergehen als Herumlaufen sind, konnte ich der Sister wohl kaum die Situation erklären, ohne die Bestrafung noch zu steigern 🙁

Kleine Päckchen mit Chips-ähnlichen, knusprigen Leckereien und Nüsschen sind hier sehr beliebt. Wenn mir jemand mit so einem Päckchen entgegenkommt, wird mir immer etwas angeboten/aufgedrängt. Egal wie oft ich beteuere, dass ich gerade keinen Hunger habe oder gerade erst Snacks im Fatherhouse gegessen habe, bevor ich nicht eine Hand voll genommen habe wird keine Ruhe gegeben. Glückliche Gesichter schauen mir dann beim Essen zu und fragen hoffnungsvoll: „Tasty?“. Auch wenn wir in größerer Runde beisammen sind, jeder bekommt etwas ab! Und jeder, der etwas gegeben hat, freut sich, wenn die anderen es mit genießen konnten.
Diese Lebenseinstellung finde ich sehr schön und sehr berührend. Ich will damit nicht sagen, dass wir in Deutschland nicht gerne teilen! Wir haben in der Schule auch manchmal Kuchen, Mini-Tomaten, Brot etc. untereinander geteilt. Nur die Selbstverständlichkeit des Teilens habe ich noch nie so sehr gespürt wie hier! Sogar eine mir völlig unbekannte Frau im Zug hat mir neulich ein total leckeres, süßes Sesam-Bällchen geschenkt, weil ich zufällig daneben stand, als sie sich welche davon gekauft hat… Es gibt noch so viel mehr Beispiele, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann!Doch schon allein die Frage „Saptingalaa?“ (Hast du schon gegessen?), die man an jeden richtet, den man so im Vorbeigehen trifft, zeigt, wie sehr die tamilische Seele um das leibliche Wohl ihrer Mitmenschen besorgt ist. Beantwortet man die Frage mit Nein, erntet man einen besorgten Blick und sollte schnell beteuern, dass man gerade auf dem Weg zur nächsten Mahlzeit ist.

Neben dem Teilen fällt mir auch auf, dass die Hostelmädchen trotz vieler kleiner Streitigkeiten doch auch untereinander sehr verbunden sind. Sie sitzen alle im gleichen Boot und haben es bei den hohen Erwartungen an sie nicht immer leicht hier.
Vor einer Woche bekamen die 6. Klässlerinnen als Hausaufgabe auf, bis zum nächsten Tag die Zahlen von 1 bis 5000 aufzuschreiben. Tapfer haben sie in der Studytime angefangen, ohne die Sinnhaftigkeit dieser Hausaufgabe zu hinterfragen (ich an ihrer Stelle hätte mich furchtbar über den Lehrer aufgeregt!). Nach einiger Zeit habe ich bemerkt, dass auch die 9. Klässlerinnen pausenlos Zahlen auf ein Blatt Papier schreiben. Als ich sie gefragt habe, ob sie die gleiche Aufgabe bekommen haben, stellte sich heraus, dass jede von ihnen einem der jüngeren Mädchen beim Zahlen aufschreiben geholfen hat! Statt für ihren Poem test am nächsten Tag zu lernen, haben sie die gesamten 2 Stunden der Evening Study für ihre kleinen Hostel-Schwestern die Zahlen von 3000 bis 5000 aufgeschrieben! Ohne diese Hilfe hätten es die 6. Klässlerinnen nie bis zum nächsten Tag geschafft, aber so präsentierten sie mir um 9.45 pm stolz ihre Blätter voller Zahlen. Auch aus den anderen Klassenstufen gibt es viele sehr hilfsbereite Mädels, die selbstlos Hausaufgaben oder Strafarbeiten ihrer Hostel-Kameradinnen mittragen, wenn die es alleine nicht schaffen.

Baustelle Hostel

Kurz vor den Ferien wurde ein Leck in den Wasserleitungen, die „Gracy Illam“ versorgen, festgestellt. Erst hat man sich mit einer provisorischen, überirdischen Leitung beholfen, die über die Fenster mitten durch ein Gebäude verlaufen ist. Schließlich mussten dann aber doch der Boden aufgerissen und die Rohre ersetzt werden, das war ein sehr großer Aufwand.

Leider hatten wir dadurch kein Wasser mehr im Hostel und auch nicht im Fatherhouse. Doch die Arbeiten wurden innerhalb von 2 Tagen abgeschlossen, sodass unsere vorher abgefüllten Wasservorräte noch gereicht haben. Nach den Ferien wurde das gleiche Leck in den Leitungen zum Boys Hostel gefunden… die gleiche Aktion nochmal, nur auf der gegenüberliegenden Seite des Campus.
Außer den neuen Rohren hat auch die Wasserstelle einen neuen Anstrich über die Ferien bekommen und es wurden die Wäscheleinen nachgespannt. Alles sieht jetzt ein bisschen ordentlicher aus, mal schauen, wie lange das so bleibt… 🙂

Durch den stets heftiger werdenden Regen wird es immer matschiger draußen und leider kommen auch jeden Tag mehr Mosquitos dazu. Wenn es sehr stark windet und regnet, ist meistens schulfrei, da die Kinder aus den etwas weiter entfernten Dörfern sonst auf ihrem Schulweg gefährdet wären.

An solchen Tagen fällt uns im Hostel oft die Decke auf den Kopf, weil wir den ganzen Tag eingesperrt sind. Um Erkältungen vorzubeugen darf niemand rausgehen, wenn es regnet. Aber dafür werden an Regentagen die Brettspiele ausgepackt, ein seltenes Privileg, das mit großer Begeisterung aufgenommen wird. Ich habe die indische Variante von „Mensch ärgere dich nicht“ gelernt, das Spiel heißt „Daibas“ und wird nicht mit einem Würfel sondern mit 4 Hälften einer Tamarind-Nuss gespielt, die entweder „weiß“ oder „schwarz“ zeigen können. Es macht großen Spaß und man kann sogar im Team spielen! Als Spielfiguren kann alles mögliche dienen, wir haben uns für „Sicherheitsnadeln“ gegen „Haarclips“ entschieden.

Von Klausuren, Müll und Vorurteilen

Regen und Lernen – der September im Gracy Illam Hostel

Man spürt in Kuppayanallur allmählich den Beginn der Regenzeit, fast jeden Abend gibt es einen kleinen Schauer, ab und zu gewittert es auch sehr stark. Von vielen Bäumen brechen dabei große Äste ab, was sehr gefährlich sein kann.

Die Stromversorgung ist an solchen Tagen fast dauerhaft gestört. Vor ein paar Tagen ist der Strom im Hostel komplett ausgefallen, nur manchmal gaben die Lampen noch ein leichtes Flackern ab, ein sehr schwaches Lebenszeichen. Kürzere Stromausfälle sind hier ganz normal, aber so lange war es wirklich noch nie… Zum Glück gibt es in jedem Raum einen Ventilator und eine Lampe, die von einer vom Stromnetz unabhängigen Stromquelle versorgt werden! Aber bei dauerhaft flackernden Lampen oder ganz ohne Licht (wenn auch die unabhängige Stromquelle ausfällt) sind die Studytimes am Abend und in der Nacht eher sinnlos, weil man die Notizen kaum lesen kann…

Für Tamil Nadu ist dieser frühe Beginn der Regenzeit eher untypisch, normalerweise ist sie eher im Oktober/November. Aber die Bäume haben ein bisschen Wasser nötig, jeden Abend singen wird beim Night-Prayer ein Lied mit der Bitte um Regen.

Momentan sind die 2 Klausuren-Wochen für alle Klassenstufen. Das Schuljahr gliedert sich in 3 Semester, am Schluss jedes Terms sind die Klausuren. Während der Schulzeit gibt es nur kleinere Tests, vergleichbar mit Exen in Deutschland. Einmal war ich bei einem solchen Test in Englisch dabei, die Lehrerin hat am Pult mündlich Fragen gestellt und die SchülerInnen haben die Antworten in ihr Test-book, ein Heft nur für Tests, geschrieben. Anschließend ist die Lehrerin durch die Reihen gegangen und hat direkt alle Tests auf Richtigkeit geprüft.

Die Klausuren laufen aber ähnlich ab wie in Deutschland, man bekommt ein Angabenblatt (Question Paper) und bearbeitet das auf einem Extrabogen Papier. Dass alle Klausuren hintereinander in 2 Wochen gequetscht werden, ist sehr stressig für die SchülerInnen, aber andererseits haben sie während des restlichen Semesters dafür ihre Ruhe. Für ein paar Minuten habe ich bei der Englisch-Klausur zugeschaut, weil es mich sehr interessiert hat, wie das abläuft. Die meisten SchülerInnen (mehrere Klassenstufen hatten gleichzeitig Klausur) saßen in der großen „Indigo Hall“, einem sehr sehr langen, schmalen Raum mit unzähligen Schulbänken, und die Lehrer sind durch die Gänge patrouilliert mit sehr strengem Blick. Ich habe den SchülerInnen und vor allem meinen Hostel-Girls ermutigend zugelächelt, ich wünsche ihnen ganz viel Erfolg! Unsere stundenlange Arbeit während der Studytimes soll sich bitte bitte auszahlen 🙂

Abgefragt werden in Englisch vorwiegend auswendiggelernte Texte. Daran muss ich mich immer noch sehr gewöhnen, denn das Schulsystem, das ich gewohnt bin, legt viel größeren Wert auf freies Sprechen und Schreiben. Wenn ein Text bearbeitet wird, schreibt der Lehrer Fragen und einige Sätze als Antwort an die Tafel. Für die Klausur werden die Antworten auswendig gelernt und zusätzlich noch ein Gedicht und der Text eines Entschuldigungsschreibens.

Das liegt zum Teil daran, dass viele der LehrerInnen nur sehr kurz für den Beruf als LehrerIn ausgebildet wurden und nicht nur 2-3 Fächer unterrichten, sondern z.B. der Schulleiter am Anfang des Jahres zu einem Tamil-teacher sagt: „Könnten Sie dieses Jahr nicht eine 8. Klasse in Science und eine 7. sowie eine 10. Klasse in Englisch unterrichten?“ Ich bewundere die LehrerInnen für ihre Flexibilität und Spontanität, auch wenn sie diese nicht immer ganz freiwillig zum Einsatz bringen müssen.

Dutytime für Samira Miss

Einmal pro Woche gibt es eine sehr lange Dutytime, in der Unkraut gejätet, Müll aufgesammelt und entsorgt wird. Ich habe mich diese Woche den 6. Klässlerinnen angeschlossen, die herumliegendes Plastik aufsammeln sollten. Zu viert haben wir uns über 2 h lang dem Plastik auf einem kleinen Stück Land gewidmet, das direkt neben dem Pausenhof der Schule liegt.

Auch nach 2 h lag immer noch viel herum… Da ich sehr viele Plastiktüten aus der Erde herausgezogen habe, vermute ich, dass unterhalb der Humusschicht an der Oberfläche noch ein ganzes Meer an Flaschen, Bonbonpapierchen, Stiften, Plastiktüten, Aufklebern etc. verborgen ist. Ich glaube, die Mädels der 6. Klasse haben etwas unter meinem Perfektionismus gelitten, weil ich sie auch nach dem dritten Mal Fragen: „This place finished, Miss?!“ noch zum Weitermachen aufgefordert habe. Meiner Meinung nach bringt es mehr, einmal gründlich sauber zu machen, dann hat man erstens das nächste Mal weniger zu tun und zweitens fühlen sich die Nächsten eher schuldig, neuen Plastikmüll auf ein sauberes Stück Land zu werfen, als wenn schon unzählige andere Papierchen dort liegen. Die Arbeit war wirklich anstrengend, weil man sich dauernd bücken musste und die meiste Zeit in der prallen Sonne gearbeitet hat. Aber vielleicht wird den Mädels und mir durch diese Anstrengung bewusst, dass wir weniger Plastik verbrauchen und herumliegen lassen sollten. Natürlich haben die Hostelbewohner nicht den gesamten Müll an diesem Platz verursacht (es scheint eine Art Müll-Entsorgungsplatz für alle SchülerInnen geworden zu sein), aber trotzdem kann es ein Denkanstoß sein, was den eigenen Umgang mit Plastik betrifft…

Der Müll ist hier sehr präsent, seitlich an jeder Straße (egal ob Stadt oder Land) kann man Plastik-, Papier- und Biomüll rumliegen sehen. Manchmal werden Müllsäcke auch einfach an einen Baum gehängt und der nächste, der das sieht, hängt seinen gleich mit dazu. So etwas wie eine Müllabfuhr habe ich noch nicht bemerkt, nur in Chennai habe ich oft Frauen in blauen Sarees gesehen, die als Angestellte den Müll auf den Straßen aufgesammelt haben. Der Müll aus dem Hostel wird in großen Löchern im Boden entsorgt, die zugeschüttet werden, wenn sie voll sind.

Aber die Regierung in Tamil Nadu versucht nun, die Situation zu verbessern. Ab nächstem Jahr sind Einweg-Plastiktüten so wie andere use-and-throw-Plastikprodukte verboten, auch hier an der Schule werden bereits eifrig Vorkehrungen getroffen, um plastic-free zu werden. In einem Zeitungsartikel der Zeitung „The Hindu“ habe ich gelesen, dass nun von Umweltschützern gefordert wird, auch multi-layer Plastik, das oft als Verpackungsmaterial verwendet wird, mit in den Bann aufzunehmen. Dagegen wehren sich jedoch die Plastik-produzierenden Konzerne, die neben hohen Geldverlusten dann auch zahlreiche Arbeitsplätze abschaffen müssten. Die Regierung will auch dafür sorgen, dass ein umfassendes System von Müllentsorgung und Recycling aufgebaut wird, bisher fehlt dafür noch die Infrastruktur und auch das Bewusstsein in der Bevölkerung. Aber es wird! Dieses Gesetzt ist ein Schritt in die richtige Richtung, ich bin gespannt, wie gut es funktionieren wird.

Was aber jedem von uns in Deutschland bewusst sein sollte: Nur weil man den Müll bei uns nicht in den Straßen herumliegen sieht, bedeutet das nicht, dass wir weniger Müll produzieren. Er wird nur geregelter entsorgt! Die meisten von uns wissen das auch, aber das eigene Verhalten im Alltag zu ändern, dafür reicht es dann oft nicht. Ich kenne dieses Gefühl sehr gut und doch glaube ich, noch einige Dutytimes mehr und ich werde keine Stifte, Plastikflaschen und verpackte Lebensmittel mehr ansehen können, ohne darüber nachzudenken, wo dieses Stück Plastik wohl landen wird nach dem Wegschmeißen.

Apropos Plastikflaschen: Über das Trinken aus Flaschen ist mir hier etwas aufgefallen, über das ich daheim nie groß nachgedacht habe. Wenn wir uns in Deutschland eine Flasche Wasser teilen, dann wischen wir einfach nach dem Trinken schnell den Kopf der Flasche ab und geben sie weiter. Hier ist das nicht nötig, weil keiner das Trinkgefäß mit dem Mund berührt beim Trinken. Es stehen überall Wasserkanister herum, auf denen eine Tasse steht, die jeder benutzt, ohne dass Spucke drankommt. Spülen wird überflüssig und es gibt keinen den ekligen „Spuckschluck“! Die indische Methode ist eindeutig hygienischer, wenn auch sehr anspruchsvoll. Bei dem Versuch es den Menschen in meinem Umfeld gleichzutun habe ich mich schon öfters komplett mit Wasser übergossen, v.a. im fahrenden Auto. Aber ich werde besser!

Genauso wie beim Essen mit der rechten Hand. Während es in den ersten Tagen sehr anstrengend war, mich nicht über und über mit Soße voll zu kleckern, habe ich inzwischen eine unfall-freiere Methode gezeigt bekommen. Anstatt den Kopf leicht in den Nacken zu legen und das Essen quasi von oben hereinfallen zu lassen, drückt man eine kleine Portion Essen zwischen den rechten Fingern zusammen und schiebt das ganze mit dem Daumen (wie bei einem Kuchenheber mit Anschieber :D) in den Mund. Die Zunge wird dem Essen dabei entgegengestreckt und „empfängt“ die kleine Portion im Mund. Ich habe den Dreh mit der Zunge immer noch nicht 100 Prozentig raus, aber es wird jeden Tag einfacher. Dennoch bin ich fast immer die Langsamste beim Essen, weil die Fathers und Brothers den ganzen Vorgang in einer unglaublichen Geschwindigkeit vollziehen, die ich wohl nie erreichen werde. Aber ich würde gerne mal sehen, wer bei einem Teller Spaghetti mit Tomatensoße mit Löffel und Gabel schneller ist, sie oder ich… 😀

Fauna Gracy Illam Hostel

Seit ich hier bin sind mir (neben Kühen auf den Straßen, Feldern, Müllplätzen) viele Tiere aufgefallen, die mir in Deutschland sonst nicht täglich begegnet sind. Neben erstaunlich bunten Arten von Tausendfüßlern, laufe ich nachts oft an Kröten vorbei. Wenn sich Kröten ins Hostel verirren, gibt es immer ein großes Geschrei, aber nichts toppt die Aufregung, wenn mal wieder eine kleine Schlange gesichtet wurde! Die wird so lange verfolgt, bis sie außer Reichweite der Hostelmädchen gelangt.

Statt Eichhörnchen gibt es hier hunderte Streifenhörnchen, die sehr sehr süß sind und einen total weichen, buschigen Schwanz haben (manchmal fangen die Mädels eines und zeigen es mir stolz, bevor sie es wieder laufen lassen).

Sehr präsent, vor allem in der Lautstärke, sind die Krähen, die Tag und Nacht schreien und sich begierig auf alle Essensreste stürzen, die zu Boden fallen. Konkurrenz machen ihnen dabei die wild lebenden Hunde, auf dem Schulgelände sind immer 3-4 davon und dösen vor sich hin. Sie sind sehr schreckhaft, weil sie es gewohnt sind, mit geworfenen Steinen vertrieben zu werden…

Auch im Haus leben einige Tiere, allen voran die Ameisen. Sobald man irgendetwas Essbares offen liegen lässt, wimmelt es nach einiger Zeit von Ameisen, die ihre Löcher überall zu haben scheinen. Die wohl nützlichsten tierischen Mitbewohner in meinem Zimmer sind Geckos, weil sie dafür sorgen, dass nur sehr wenige Mosquitos dort wohnen. Während der Studytimes bekommen wir immer viele Stiche, v.a. an den unbedeckten Füßen und Armen, aber zum Glück verschwinden die roten Stellen nach einem Tag gleich wieder. Letzte Woche haben außerdem 6 Affen das Schulgelände besucht! 5 ausgewachsene Tiere und ein kleines Baby machten die Dächer einen Nachmittag lang unsicher. Wir Hostelbewohner konnten kaum genug davon bekommen, sie zu beobachten, und viele schrien den Affen „Ram, Ram“ hinterher, weil diese Tiere in der hinduistischen Kultur so etwas wie göttliche Boten sind.

Die „Wilden“ im Norden

Zu Schluss noch kurz etwas zu einem ganz anderen Thema.

Neulich hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit dem Schulleiter der Loyola Higher Secondary School über die Unterschiede zwischen Nord- und Südindien. Seiner Meinung nach schmeckt das nordindische Essen nach gar nichts, es gebe ständig nur Dal und Kartoffeln 😀 Auch seien fast alle Menschen dort ungebildet, weil die Regierungen der nördlichen Bundesstaaten absichtlich dafür sorgen, dass die große Armut bestehen bleibt und die Bildung zu teuer ist. Trotz des großen Reichtums an Ressourcen seien die meisten Menschen arm und bekämen sehr viele Kinder. Sein Beispiel für die vermeintlich unfreundliche Art der Nord-Inder war seine Erfahrung mit Zügen in Nord-Inden: auf den Dächern seien massenhaft Menschen (was im Süden nur sehr vereinzelt vorkommt) und eine Sitzplatzreservierung würde nichts bedeuten, weil jeder freie Fleck im Zug sofort belegt wird, ohne Rücksicht auf Verluste. Er hat einmal bei einer Zugfahrt in „den Norden“ eine Gruppe von Männern eine viertel Stunde lang anschreien müssen, bevor sie von seinem reservierten Bett im Schlafabteil aufgestanden sind.

Seine Schilderungen hörten sich oft überspitzt an und waren natürlich subjektiv, aber dennoch zeigen sie, dass Indien nicht gleich Indien ist. Mein Bild der größten Demokratie der Welt war vor meinem Einsatz eine Mischung aus Eindrücken aller möglichen Landesteile. Seit ich hier bin habe ich bemerkt, dass jedes Bundesland, ja sogar jede Stadt und jeder Distrikt seine ganz eigene Kultur und Eigenheiten hat. Mein Bild von Indien wird nach meiner Rückkehr vermutlich vor allem ein Bild von Tamil Nadu sein. Ich hoffe aber, dass ich auch die Chance haben werde, einen kurzen Blick auf die weiter nördlichen Gegenden zu werfen, um mir selbst ein Bild machen zu können und nicht von den Ansichten und Geschichten anderer abhängig bin.

Vorurteile innerhalb eines Landes gibt es auch in Deutschland, wenn z.B. über den „Osten“ und den „Westen“ geredet wird. Sie können nur abgebaut (oder vielleicht teilweise auch bestätigt) werden, wenn man den jeweils anderen Landesteil besucht, Erfahrungen sammelt und die Hintergründe bestimmter Verhaltensweisen oder Gewohnheiten hinterfragt. Doch man muss sich immer bewusst sein: die Vorurteile mögen vielleicht auf viele Menschen zutreffen, doch niemals sollte man glauben, sie würden für alle Menschen einer Region gelten!

Perspektivenwechsel – vom Schüler zum Lehrer

„Everyone or everything in the universe is a teacher to someone or something“

… war die Nachricht, die mir Father Roche (ein befreundeter Jesuit aus Chennai) anlässlich des Teacher‘s Day geschrieben hat. Der wurde am 05.09. in ganz Indien groß gefeiert und hier in Kuppayanallur wurden die LehrerInnen geehrt, haben Geschenke bekommen und ihnen wurden Tänze, Lieder und Theaterstücke vorgeführt. Alle haben sich für diesen Tag herausgeputzt!

Wie wahr die Worte in der Überschrift sind, habe ich seit meiner Ankunft in Indien jeden Tag gespürt. Seien es die Jesuiten, die mir Tamil beibringen und Ernährungs-Tipps geben. Seien es meine Mädels, die mir zeigen wie man „richtig“ Wäsche aufhängt, den Boden fegt, einen Schal trägt. Sei es der Schlafraum der Hostel-Kinder, der mir vor Augen führt, wie privilegiert und behütet ich bisher gelebt habe/auch hier noch lebe in meinem eigenen Schlafzimmer mit Bett und Badezimmer. Sei es ein Teller mit Biriyani im Haus meiner Freundin und Lehrerkollegin Raji, der mir die indische Gastfreundschaft und Großherzigkeit zeigt. All dies trägt dazu bei, dass ich mehr lerne über Indien, über Zwischenmenschlichkeit, über mich.

Was für ein anspruchsvoller Job der des Lehrers ist, ist mir viel bewusster geworden, seit ich hier jeden Tag vor einer Klasse stehe, statt als Schülerin selbst im Unterricht zu sitzen! Es ist eine Herausforderung, so viele SchülerInnen ruhig zu halten und sie zum Zuhören zu bewegen. Meine Klassen sind nur aufmerksam, so lange ihr/e Englischlehrer/in noch mit im Klassenzimmer ist. Manchmal bin ich mit einer Klasse alleine, dann bin ich schon froh, wenn die Hälfte der SchülerInnen auf ihren Plätzen sitzen bleibt und nicht zu mir nach vorne rennt, um mich(zum zehnten Mal) über meinen Namen, mein Alter, meine Eltern etc. auszufragen, statt dem Unterricht zu folgen…

Ich finde es auch schwer, mir ständig kreative neue Übungen auszudenken, um das spoken English der SchülerInnen zu verbessern. Mit 40 Kindern in der Klasse ist es unmöglich, dass jeder in der Stunde einmal an die Reihe kommt! Auch sind viele zu schüchtern oder ängstlich, um vor der Klasse Englisch zu sprechen.

Trotzdem ist es auch schön zu sehen, wenn SchülerInnen wirklich interessiert und mutig sind (d.h. sie trauen sich, Fehler zu machen), sodass sich ihr Englisch stetig verbessert.

Ich war bis vor 2 Monaten ja selbst noch Schülerin und muss noch viel über das Lehrersein lernen, aber es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen…

Das Hostel mit meinen frechen, zuckersüßen Mädels

Abgesehen von den vielen Feiertagen ist für mich hier in Kuppayanallur schon der Alltag eingekehrt. Nach der Messe und dem Frühstück habe ich vor und nach meinem Unterricht viel Zeit für mich, die ich meistens mit Schlafen, Lesen, Tamil lernen oder am Keyboard verbringe. Nach der Schule wird mein Zimmer von Mädels gestürmt, die mir Frisuren machen, etwas Spielen oder mir aufgeregt etwas erzählen wollen 🙂 Mein Zimmer hat ein Fenster auf den Gang, das man nur von außen öffnen kann (und das keinen Riegel hat). Wenn ich auf ein Klopfen an der Tür nicht innerhalb von 3 Sekunden reagiere, wird das Fenster quietschend aufgeschoben und mehrere neugierige braune Augenpaare prüfen, warum ich denn so lange brauche…

Zu Beginn der Playtime jogge und sprinte ich mit den Mädels inzwischen dreimal um den Platz, um der hier leider vorherrschenden Meinung entgegenzuwirken, dass die Hostel-Mädchen im Gegensatz zu den Hostel-Jungs so faul wären. Ich finde dieses Urteil etwas unfair, weil es für die Jungs einen Basketballplatz, einen riesigen Playground, den Hof vor dem Boys-Hostel und den großen Pausenhof gibt, um sich sportlich zu betätigen. Den Mädchen steht nur eine Wiese und ein kleiner Vorplatz neben dem Girls-Hostel zur Verfügung. (Anmerkung: es gibt etwas mehr als 100 Jungen im Hostel und nur 37 Mädels, aber trotzdem…)

Bei den Studytimes bin ich inzwischen nicht nur Englisch-Nachhilfelehrerin, sondern auch bei Hausaufgaben in Mathe und Science (Physik, Chemie und Biologie) wird Samira Miss gefragt. Ich kann es dann zwar nur auf Englisch erklären, aber irgendwie schaffen wir es uns zu verständigen.

Es ist wirklich schwierig, allen Mädels gerecht zu werden. Wenn mir im Vorbeigehen 2 Mädchen zuflüstern: „Miss, sooo big English homework! Evening Study you come?“, zwei Minuten später die 10. Klässlerinnen kommen und verzweifelt: „Soo confusing Maths, Miss! Please help“ rufen und ich aber ursprünglich Aarthi aus der 7. Klasse versprochen habe, mit ihr lesen zu üben, dann sehe ich den Streit schon vor mir! Aber mit ein bisschen Multi Tasking hat es bisher noch immer geklappt 🙂

Nach der Night Studytime gehen wir um 22 Uhr alle ins Bett, aber es vergeht kaum ein Abend an dem ich um kurz nach 10 nicht noch einen kleinen nächtlichen Besuch bekomme von zwei oder drei niemals-müden Schülerinnen. In Deutschland habe ich als einziges Kind bei meinen Eltern gewohnt und es war viel leichter, sich auch mal zurückzuziehen. Nun ständig in Gesellschaft von 37 kleinen Schwestern zu sein, ist ungewohnt für mich, aber sehr oft auch im positiven Sinne! Es wird mir nie langweilig im Hostel und wir machen viel Quatsch (wenn die Sister gerade nicht so genau hinschaut 😉 ).

       

       

Vor einer Woche war an der Schule eine große Aktion, bei der entlang des Feldweges ins Nachbardorf Ongur mehrere hundert Palm Trees gepflanzt wurden. Die Schüler (vor allem die Jungs) durften Löcher für die Samen graben, störende Büsche und Bäume zurückschneiden, die Säcke mit den Samen tragen… Den ersten Baum hat der Superior der Jesuitenkommunität, Father Masilamani, gepflanzt. Anschließend hat jeder Schüler 5-6 Samen in die Hand bekommen und konnte sie in einem der vielen Löcher vergraben.

    

Angestoßen hat das Projekt Father Anthony Samy, der gerade seine Doktorarbeit in Botanik abgeschlossen hat. Beim Essen zeigt er mir jeden Tag neue Früchte oder Gemüsesorten und teilt sein Wissen über Farming mit mir. Als er neulich von einem Besuch bei seinen Eltern in den Bergen zurückkam, hatte er allerlei Leckereien mitgebracht: Avocados, rote (!) Bananen, Feigen und Jackfruits. Die Jackfruit ist eine RIESIGE Frucht, deren Fruchtfleisch (nach meinem Geschmack) schmeckt wie Gummibärchen. Man bekommt im Flachland nur selten die Chance sie zu kosten, und so schwebten die Jesuiten, die Sister und ich für eine Woche im 7. Jackfruit-Himmel (so lange haben die drei „kleinen“ Jackfruits gereicht, die Father Samy mitgebracht hat…)

Let it be, auch wenn es schief ist 🙂

Musik in Tamil Nadu funktioniert anders als in Europa. Meine Überraschung war groß, als ich bemerkt habe, dass niemand Noten benötigt! Im Gesangbuch für den Gottesdienst sind ausschließlich Texte, die Melodien sind in den Köpfen der Gemeinde gespeichert. Der Schulleiter, Brother Kulandai Raj, komponiert in seiner Freizeit gerne. Er nimmt Texte, wie z.B. das Gebet von Papst Franziskus aus Laudato Si zum Schutz der Erde, und komponiert dann im Kopf die Melodie dazu, ohne sie aufzuschreiben!
Für mich ist es sehr schwer, mich von Noten oder zumindest Akkordangaben zu lösen. Nur vom Hören eine Melodie auf dem Klavier zu spielen, ist wirklich herausfordernd! (Vor allem bei den vielen Schlenkern, die typisch für indische Musik sind)

Anlässlich des Annual Days der Loyola Higher Secondary School habe ich mit 6 Mädels „Let it be“ von den Beatles einstudiert. Voller Motivation haben wir uns in die Proben gestürzt, bald habe ich bemerkt, dass wir es wohl bis zur Aufführung nicht schaffen würden, dass alle in der gleichen Tonart beginnen 🙂 Doch die Mädels haben ihr bestes gegeben und ich bin immer wieder erstaunt, wie kräftig und inbrünstig sie den Song singen können! Vor der Aufführung gab es eine Generalprobe des Tagesprogramms, bei der alle Performances (Drama, Pantomime, Gesang, Tänze, Reden etc.) in der richtigen Reihenfolge vorgeführt wurden und nach jedem Showact haben die Jesuiten ihr sehr kritisches Feedback gegeben. Doch Kritik kann auch ein Ansporn sein, noch mehr zu geben! Ich bin stolz auf meine Sängerinnen, wir haben uns immer weiter gesteigert! Und es kann eben nicht jeder singen wie Paul McCartney…

Von Feiertagen, Mangos und Plastikstühlen

Ein herzliches Vanakkam aus Kuppayanallur!

Ich habe mir jetzt endlich Zeit genommen, um den ersten „richtigen“ Blogeintrag hochzuladen. Die lange Wartezeit tut mir leid, ich wollte mir erst mal ein bisschen Raum zum Ankommen geben und habe dann bemerkt, dass die ersten Wochen schon unglaublich schnell vergangen sind 🙂

Als ich hier am 27.07.18 angekommen bin, war gerade Schule und somit niemand im Hostel. Deshalb habe ich erst in Ruhe ausgepackt und dann noch ein bisschen gedöst. Pünktlich um 16:10 Uhr (Schule ist aus) höre ich ein leises Rascheln vor meiner Tür und sie geht knarrzend einen Spalt breit auf. Aufgeregtes Gekicher, drei kleine Köpfe die vorsichtig hereinspähen. Sofort stehe ich auf und bitte die drei mutigen Vorreiterinnen herein, ich habe kaum nach ihren Namen gefragt als mich plötzlich eine ganzer Schwarm von schwarzhaarigen Köpfen in rot-weißer Schuluniform umringt. Durch ihr Strahlen und ihre unerschöpfliche Energie machen mir es die Mädels sehr einfach, sie ins Herz zu schließen! Letztes Wochenende waren drei Tage Ferien, das heißt alle SchülerInnen sind nach Hause gegangen. Es war ein sehr ruhiges Wochenende, doch das Hostel ist ohne Mädchen ziemlich verlassen und einsam. Gut, dass sie wieder da sind! Langsam werde ich auch immer treffsicherer mit den Namen, 2/3 kann ich schon sehr gut…

Don‘t just follow your dreams… Catch up to them!“

Dieser Satz ist mir an einer Hauswand auf dem Schulcampus begegnet. Mich hat er sehr angesprochen, weil mir seit meiner Ankunft an der Loyola Higher Secondary School stark bewusst geworden ist, wie schwer es sein kann, Träume in die Tat umzusetzen.

Als ich in meinen 8. Klassen im Unterricht gefragt habe, was die Berufsziele der SchülerInnen sind, waren die häufigsten Antworten: Doktor, Beamter, Polizist und Cricket-Spieler:)
Letzteres mag durch Talent vielleicht möglich sein, um jedoch studieren zu können, braucht man viel Geld. Davon haben viele Familien auf dem Dorf nur wenig, die „school fees“ stellen meist eine große Herausforderung dar. Die Gründe dafür sind zahlreich und ich werde mich vielleicht zu einer anderen Zeit in diesem Blog damit auseinandersetzten, aber das Ergebnis ist das selbe: viele Träume und Berufswünsche werden zerplatzen, weil das Geld nicht reicht, um ein Studium zu finanzieren. Vor allem Mädchen wird häufig die Chance verwehrt ein College zu besuchen, meistens „weil sie ja danach sowieso nur als Hausfrau kochen und die Kinder betreuen, warum sollte man da für deren teure Bildung aufkommen?“… Da wird lieber der Bruder zum Studieren geschickt, um später gutes Geld für die Familie zu verdienen.

In einem tamilischen Kurzfilm, den ich mit den Hostelmädchen anschauen durfte, wird rührend eine solche Geschichte dargelegt und sie ist leider durchaus realistisch. Wer möchte kann sich den Film gerne ansehen, mit englischen Untertiteln ist er sehr gut verständlich!

Die Hoffnung aufgeben ist, finde ich, (trotz der schwierigen Lage) keine Lösung. Wenn man an seinen Zielen festhält und auch ein bisschen Glück hat, wer weiß, vielleicht werden doch Ärzte und Wissenschaftler und Beamte aus meinen sehr liebenswerten SchülerInnen. Ich würde es ihnen sehr wünschen und fiebere mit! Catch up to them, you can do it!

Von Feiertagen, Mangos und Plastikstühlen

Jeden Tag ist vor dem Frühstück ein Gottesdienst, bei dem ich kein Wort verstehe
(Außer thandhei, mahan, tujavi enperale, amen = Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen).

Jeden Tag gebe ich eine Stunde „Spoken English“ Unterricht in einer der 8. bzw. 9. Klassen.

Jeden Tag freue ich mich über interessante Gespräche mit den Jesuiten beim Essen.

Jeden Tag lerne ich die Loyola Higher Secondary School und ihre vielen Gesichter besser kennen.

Trotzdem gleicht für mich momentan kein Tag dem anderen! Seit ich hier bin gab es jede Woche mindestens ein Fest oder einen Feiertag:) Zuerst war das Fest des Heiligen Ignatius von Loyola, dann Sportfest, dann ist der ehemalige Chief Minister von Tamil Nadu gestorben und es gab einen Trauertag, dann waren 3 Tage frei (ich glaube wegen einem Hindu-Fest), am 15. August ist der indische Unabhängigkeitstag etc. etc.
Die ganze Schule ist in die Vorbereitungen für solche Festlichkeiten miteinbezogen. Sie geben den SchülerInnen die Möglichkeit, sich kreativ oder sportlich zu engagieren und beleben den Schulalltag. Doch selbst an Feiertagen gibt es hier im Hostel Studytimes, in denen Hausaufgaben gemacht werden oder für Prüfungen gelernt wird, und Dutytimes, in denen aufgeräumt, geputzt und für die Pflanzen gesorgt wird. Dass es nie einen wirklich freien Tag gibt (auch sonntags muss gelernt und für Ordnung gesorgt werden), daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Da die letzte Studytime erst um 22 Uhr endet und die Mädels um 5 Uhr morgens aufstehen müssen, gibt es nur wenig Schlaf. Ich bewundere die SchülerInnen dafür, wie sie trotzdem den ganzen Schultag bis 16 Uhr durchhalten. Wenn ich in meiner Schulzeit jeden Tag nur ca. 6 Stunden geschlafen hätte und nicht einmal am Wochenende hätte ausschlafen können, wäre ich im Unterricht keine sehr aufmerksame Schülerin gewesen…

Beim Essen gemeinsam mit den Jesuiten begegnet mir jeden Tag eine neue Überraschung! Vor allem die Früchte haben es mir sehr angetan. Ich bin angereist mit dem Gedanken: „Wie schaffe ich es, mich in Indien ein Jahr lang von Mangos fernzuhalten?“. Inzwischen bin ich die erste am Tisch, die sich über den Teller mit geschnittenen Mangostücken hermacht! Es gibt so viele verschiedene Variationen von Mangos (und von Bananen, Maracujas, Beeren, Reis etc.), das Geschmackserlebnis ist immer ein Neues. Morgens, mittags und abends gibt es nach dem warmen Gericht immer auch Obst, was ich sehr genieße. Nach meinem Sinneswandel mit den Mangos wurde ich mutiger im Ausprobieren: meinen Tee trinke ich inzwischen typisch indisch mit Milch (ganz ohne Wasser!) und wer noch nie Salz auf einen aufgeschnittenen Apfel gestreut hat, sollte das unbedingt mal ausprobieren! Der Geschmack verändert sich völlig, aber ich finde es gut:D
Jeder Bestandteil einer Mahlzeit leistet, so scheint es, einen Beitrag zur Gesundheit des Konsumenten. Während Gooseberrys den Körper abkühlen sollen, sind Mungobohnensprossen „good for your nutrition“ und beim Verzehr von Mangos sollte auch immer ein kleines Stück der Schale mitgegessen werden für eine bessere Verdauung. Auf eine ausgewogene Ernährung und eine gute Gesundheit wird großen Wert gelegt, wobei man an dieser Stelle anmerken muss, dass das Essen im Fatherhouse um einiges vielseitiger und ausgefallener ist, als die Mahlzeiten der Hostelkinder und der Dorfbevölkerung. Während es für die Jesuiten, die Sister, eventuelle Gäste und mich fast jeden Tag Reis mit Gemüse sowie Idly, Dosai, Japati, Omlett, Fisch, Fleisch oder Toastbrot gibt, essen die SchülerInnen häufig nur Reis mit Samba (vegetarische Soße) und manchmal etwas Gemüse. Umso besonderer ist es, wenn für alle Hostellers Japati zubereitet wird. Es geht dann in der Küche zu wie beim großen Plätzchenbacken, alle helfen mit, dann geht es schneller! Es gibt auch eine Vielzahl von indischen Süßigkeiten und Snacks, die sich die HostelschülerInnen stets von zuhause mitnehmen und in den Pausen genüsslich verspeisen! Auch von den zahlreichen Obstbäumen auf dem Campus wird viel genascht, wobei das unbedingt vor der Sister geheim gehalten werden muss!

Die Aufteilung in Respektsperson und den Personen, die Respekt zeigen müssen, ist sehr stark sichtbar. Durch meine Herkunft und meine Funktion als „teacher“ werde ich auf eine Stufe gestellt mit den LehrerInnen und Jesuiten. Da ich selbst vor drei Monaten noch Schülerin gewesen bin, ist diese Rolle für mich sehr ungewohnt! Es bricht mir fast das Herz, wenn ich sehe, wie hart die Mädchen während der Dutytime arbeiten müssen (Unkraut jäten, Müll entsorgen, den Vorplatz kehren, putzen) und sie mir gleichzeitig mit einem „no, no Miss“ bedeuten, mich hinzusetzen statt ihnen zu helfen. In der Messe soll ich stets neben die Sister auf einem Plastikstuhl sitzen, während alle Schüler und Schülerinnen und die Lehrer aus dem Hostel auf dem Boden sitzen. Diese höher gestellte Position ist mir oft sehr unangenehm, denn auch wenn andere Festlichkeiten sind wird der Plastikstuhl immer zuerst mir angeboten, selbst wenn bereits ältere LehrerInnen danebenstehen, die eindeutig weniger fit sind als ich:D
Ich muss meinen Platz in diesem „hierarchischen“ System erst noch finden, vermutlich werde ich dabei noch in viele Fettnäpfchen treten 🙂

Ein neuer Anfang

19.07.2018

„Erst wenn ich losgehe, sehe ich den Weg“

Bei unserem letzten Vorbereitungsseminar vor einigen Tagen habe ich mir diese Zeile ausgesucht, um meine Situation kurz vor dem Einsatz in Indien zu beschreiben. Ich bin gestern von Nürnberg losgegangen und ohne Probleme in Chennai angekommen. Doch mein Weg ist hier noch lange nicht zu Ende! Genauer gesagt habe ich gerade die erste Weggabelung genommen, die mich zu ungewissen Orten führt. Ich bin sehr gespannt, welchen Menschen ich noch begegnen werde und welche Strecken meines Weges leicht, und welche schwer werden.

An dieser Stelle ist es mir wichtig zu erwähnen, dass dieser Blog meine SUBJEKTIVEN Erfahrungen und Gedanken über Indien/Tamil Nadu widerspiegelt. Ich werde mich bemühen, Situationen von zwei Seiten zu betrachten und somit etwas objektiver zu sein, doch ich möchte gleichzeitig vorwarnen, dass es mir vielleicht nicht immer gelingen wird. Man kann ein Land und eine Kultur nicht an einem Tag erfassen, deshalb hoffe ich, im Laufe der Zeit immer mehr dazu zu lernen und das Wesen meines Einsatzortes immer besser verstehen zu können.

Ich werde noch eine Woche in Chennai im Gästehaus des Loyola College bleiben, um in Tamil Nadu anzukommen. Fr. Justin und Fr. Dominic stehen mir immer zur Seite, wenn ich etwas brauche, ich fühle mich hier sehr gut aufgehoben. Trotzdem wächst die Vorfreude auf die Ankunft in Kuppayanallur, wo ich die nächsten 11 Monate verbringen darf 🙂