Rotznasen und Binomische Formeln

Und hier der aktuelle Wetterbericht aus Tamil Nadu…

Die Regenzeit hat begonnen aber der Regen hat aufgehört!
Mitte Oktober hat sich der Regen mit einem letzten kräftigen Unwetter fürs erste verabschiedet. Es war genau der Tag, an dem alle in die 4-tägigen Ferien aufbrechen wollten. Pünktlich um 15 Uhr, als alle Schüler zurück ins Hostel stürmten, um ihre Taschen zu packen und ihren Eltern in die Arme zu fallen, begann ein Wolkenbruch. Für 2 Stunden hat es so sehr geschüttet, dass keiner einen Schritt aus dem Haus gewagt hat. Der Donner war so laut, dass wir dachten, ein Haus würde nebenan einstürzen! Nur Abina, die Unerschrockene, hat ein Papierboot gebaut und es zum Vergnügen aller draußen in dem vor der Hosteltreppe entstandenen Bach auf die Reise geschickt.

Das einzige, was uns jetzt, 2 trockene Wochen später, von der Monsunzeit bleibt: Moskitos 🙁
Brother Kulandai, der Schulleiter, hat offiziell den Beginn der Moskitophase angekündigt, als er eines Morgens Zeitung-schlagend und fluchend in den Speisesaal gestürmt kam. Und tatsächlich, seit diesem Tag nimmt die Anzahl meiner Stiche stetig zu! Es werden alle möglichen Abwehrmaßnahmen ergriffen:

– Es gibt 2 neue Moskito-Schläger in der Community, die die Köchinnen täglich im ganzen Father-Haus benutzen (sie sehen aus wie kleine Tennisschläger und sobald sie eine Moskito berühren gibt es ein lautes Knacken und Knistern; ich erschrecke immer noch oft, wenn Pungili, die eifrigste Moskito-Killerin, wie aus dem Nichts auftaucht und dieses Geräusch durch die Gänge hallt)

– Sobald man einen Raum betritt, wird als erstes der Deckenventilator eingeschaltet (auch nachts laufen die „fans“ auf Hochtouren)

– Die Türen werden hastig wieder zugeschlagen, wenn man in einen Raum rein oder hinaus geht, damit nicht noch mehr Moskitos ihren Weg nach Innen finden

– Mir wurde eine angenehm riechende Creme empfohlen, die sowohl die bereits vorhandenen Stiche kühlt, als auch vor neuen Angriffen der Moskitos schützt: Odomos (Allerdings wirkt mein Anti-Brumm aus Deutschland viel besser als Abwehr, meiner Erfahrung nach)

Eine weitere Folge des kühleren Klimas: es sind sehr sehr viele Leute krank. Zwei der Jesuiten, die Sister aus dem Hostel und drei der Köchinnen sind erkältet und einige von ihnen haben auch Fieber. Bei den Hostelkindern schaut es nicht besser aus: 15 von 35 Mädels sind mit Fieber nach Hause geschickt worden und täglich muss Brother Thomas aus dem Boys Hostel mit neuen Schülern ins Hospital nach Uthiramerur. Mich hat es noch nicht erwischt, und das obwohl ich keinen Koriander-Ingwertee oder Grass-Juice trinke, wie mir alle ständig raten. Hier ist es üblich, vorbeugend sehr gesunde, natürliche Mixturen zu sich zu nehmen, um gar nicht erst krank zu werden. Mir reicht allerdings schon die Vorstellung von Koriander-Ingwertee, um ein flaues Gefühl im Magen zu bekommen… Die Fathers trinken morgens immer eine halbe Tasse Grass-Juice, ich habe es an meinem ersten Tag hier probiert und beschlossen, dass es auch das letzte Mal sein würde, weil es für mein Empfinden einfach zu gesund geschmeckt hat. Die Regierung hat gestern für alle Schulen Neem-Tree Saft gesponsort, um die Schüler vor Erkältung und Gliederschmerzen zu schützen. Ich konnte diesmal leider nicht schnell genug entkommen und hatte plötzlich auch einen Becher mit dem bitteren Zeug in der Hand. Nase zu und durch!

Der Drei-Fronten-Krieg

Letztes Wochenende haben die 8. Klassen sehr viele Hausaufgaben in Mathe bekommen. Ihr neues Thema: Binomische Formeln. Verzweifelt kam am Freitag Nishanti zu mir und hat auf eine Buchseite voller Umformungsaufgaben gezeigt, die wir sogleich angepackt haben. Nach 3(!) Studytimes waren wir fertig. Als am nächsten Tag Tamilvani mit genau den gleichen Aufgaben zu mir kam habe ich innerlich ein bisschen geseufzt, aber habe eben nochmal genau das gleiche erklärt wie vorher ihrer Klassenkameradin. Am dritten Tag rannten die restlichen drei Mädels aus der 8. Klasse, Rajasri, Asina und Rebeka, alle auf einmal zu mir, um genau die gleiche Buchseite mit mir durchzuarbeiten. Da sie alle unterschiedlich schnell im Rechnen und im Merken der Formeln sind, musste ich jedem einzeln erneut die gleichen Umformungen erklären wie die 2 Tage davor auch schon. Nur dass diesmal von drei Seiten gerufen wurde:

„Naan first, Miss, pleeease“
„One formular, Miss, only one more formula“
„I, Miss, I, Rebeka was so long now“
„No Miss, me first, tomorrow my Maths Sir will correct!“
„Rajasri only sleeping, come here Miss“
„Miiiiss Miiiss, this one is right Miss? You see!“

Ich habe versucht, allen dreien gerecht zu werden, aber es herrschte wirklich Krieg in dieser Studytime! Der Krieg um meine Aufmerksamkeit und der Krieg gegen die binomischen Formeln. Wir haben aber alle gemeinsam die Schlacht gewonnen, weil am Montag Morgen in der Morning Study auch noch die letzten Formeln ihre Anwendung gefunden hatten und wir zufrieden die Mathebücher schließen konnten. Zumindest bis zum nächsten Mal…

Science exhibition

Am Science exhibition Day an der Loyola Higher Secondary School waren alle SchülerInnen sehr aufgeregt. Jede Klasse hat verschiedene Versuche, Plakate oder eigene Erfindungen präsentiert, die alle in der großen „Indigo Hall“ aufgebaut waren. Es gab so viele pfiffige Projekte, wie Straßenlaternen mit Bewegungsmelder (zum Stromsparen), ein kompliziert aussehendes System von Wasserrohren in einem Haus (um Regenwasser geschickt weiterzuleiten) oder einen ferngesteuerten Roboter mit Flaschendeckeln als Räder.

 

Mein Lieblings-Projekt war eine kleine Maschine aus einer CD mit Löchern und einer Plastikflasche, die Seifenblasen erzeugt hat:)

Begeistert habe ich mir alles angeschaut und mir eifrige Erklärungen meiner Englischschüler zu ihren Erfindungen angehört.

Pooja, Affen und Fisch

In den vorher schon erwähnten Ferien Mitte Oktober war ich wieder in Chennai am Loyola College bei Father Dominic. Er hat mich gleich am ersten Ferientag mitgenommen auf einen Ausflug in den Westen Tamil Nadus. Unsere Reisebegleitung: Father Venish aus Chennai und der Driver des Loyola College, Baskar. Wir sind zuerst zu einem Arzt in Krishnagiri gefahren, der Naturheilkundler ist und dem Dominic sein vollstes Vertrauen schenkt. Während die Männer im Wartezimmer gewartet haben, war ich eher interessiert an dem Laden für Tore und Zäune nebenan. Es war Pooja-Fest an diesem Tag, das bedeutet, dass alle Gegenstände verehrt werden, die uns im Alltag und im Arbeitsleben helfen. Deshalb wurden alle Maschinen und Fahrzeuge des kleinen Ladens mit Blumen, Farben und Obst geschmückt und um eine Gottesstatue herum platziert. Ich wurde eingeladen, ganz vorne bei der Zeremonie mit zuzuschauen, eine große Ehre, die mir vermutlich wegen meiner weißen Haut zuteil wurde. Eine Schale mit Feuer wurde vor den Gegenständen mehrmals im Kreis geschwenkt, danach haben alle Gäste dreimal mit den Händen (ganz leicht) die Flammen berührt und die Hände danach zur Stirn geführt – eine Geste der Verehrung. Danach wurde das gleiche mit einem Kürbis wiederholt, den man ebenfalls zum brennen gebracht hat. Um das Haus für das nächste Jahr zu segnen, wurde er vor dem Eingang zu Boden geschmissen und ist in 4 gleichgroße Teile zersprungen. Ich habe voller Staunen diesen ganzen Ereignissen zugeschaut und war froh, dass ich nicht wie die anderen die ganze Zeit im Wartezimmer gesessen habe! Zum Abschied wollten alle auf dem kleinen Pooja-Fest mit mir Bilder machen und ich habe eine riesige Tüte mit knusprigen Snacks in die Hand gedrückt bekommen. Die haben wir auf der weiteren Fahrt im Auto gemeinsam verspeist:)

Wir sind als nächstes zum Hogenakkal Wasserfall an der Grenze zu Karnataka gefahren, der in einem riesigen Naturschutzgebiet liegt, aber sehr touristisch ist. Kurz vor unserer Ankunft fuhren wir ein Stück durch wunderschöne Waldlandschaften, Schilder am Straßenrand warnten vor Elefanten und Affen, die die Straße überqueren könnten. ELEFANTEN?! Ich war ganz aufgeregt und habe wie gebannt in die Bäume rings um gestarrt, ich wollte unbedingt einen Elefanten entdecken! Aber wie zu erwarten meiden Elefanten die Umgebung der Straße, zu viele Menschen treiben dort ihr Unwesen. Also keine Elefanten, dafür aber umso mehr Affen. Freche Affen! Sie sind auf Autos geklettert, haben Essen von Tellern stibitzt und sind einem wirklich nah gekommen. Wir haben im oberen Becken des Wasserfalls ein Bad genommen, der Wasserfall selbst war leider gesperrt und wir konnten ihn nicht anschauen:( Aber Baden war auch lustig, ich hatte extra Klamotten mitgenommen, die ich beim Schwimmen anziehen kann. Badeanzüge kann man in Indien höchstens an sehr touristischen Stränden in den großen Städten anziehen, ansonsten sollte man, wie die indische Bevölkerung, auf Schwimmen mit Kleidung umsteigen, aus Respekt der einheimischen Kultur gegenüber. Die Fathers sind zum Männer-Badeplatz gegangen, Baskar, der Driver, ist als mein Aufpasser mit zur Frauen-Seite gekommen. Komischerweise waren auch viele Männer auf der Frauen-Seite im Wasser… Erst hatte ich ein bisschen Bedenken, was ich da alleine im Wasser eigentlich soll, aber sie waren unbegründet! Schon 2 Sekunden nachdem ich das Wasser berührt hatte, umgab mich eine Schar von Frauen, die mich hineingeführt und angelächelt hat. Sofort begannen Frauen und Männer, die nahe genug an mir dran waren, Fragen zu stellen. What is your name? Where are you from? Where are you staying in India? Who came with you? Do you have brothers and sisters? Do you like India? Do you like our food? How old are you? Etc. etc.

Meine neuen Badefreunde waren auch begeisterte Selfie-Macher, nach 20 Minuten hatte ich dann auch genug, obwohl die Leute wirklich nett und das Wasser sehr schön kühl war. Ich wollte meine Klamotten zum trocknen aufhängen, bis die Fathers von ihrem Bad zurückkamen, aber eine Gärtnerin meinte hastig, ich sollte meine Sachen ganz schnell wieder einpacken! Der Grund waren die diebischen kleinen Affen…

Nach diesem aufregenden Tag kamen wir abends sehr erschöpft wieder in Chennai an und ich habe es die nächsten Tage eher ruhig angehen lassen:)

An dieser Stelle muss ich eine kleine Korrektur für meinen letzten Blogeintrag vornehmen. Ich habe eine Kirche mit Kirchenbänken gefunden: die auf dem Loyola College! Aber bisher ist das auch die einzige, in der ich welche gesehen habe…

Ich habe in Chennai zwei Freundinnen gefunden, Studentinnen am Loyola College, mit denen ich mich in meinen Ferien immer treffe. Nooria, eine Studentin aus Afgahnistan, und ich sind zusammen essen gegangen und haben die Läden rund um das Loyola College erkundet.

Leider musste sie und auch meine andere Freundin für ihre Klausuren lernen, weshalb sie nur wenig Zeit hatten. So bin ich mit Fr. Dominic zu einer mit ihm befreundeten Famile gefahren, die er vor 3 Jahren auf einer Zugfahrt kennengelernt hat. Seither haben sie Kontakt gehalten und es sind wirklich nette Leute! Sie haben ein riesiges Essen für uns zubereitet, allerdings eine Herausforderung für mich als Fisch-und-Meeresfrüchte-Skeptikerin… Es gab frittierte Fischscheiben (die noch alle winzige Gräten hatten), Fischcurry(im Curry werden traditionellerweise nur Kopf und Schwanz des Fisches verarbeitet) mit Reis, Biriyani mit Garnelen und als Beilage Zwiebeln mit Garnelen. Ich muss zugeben, dass die kleinen Garnelen ein bisschen wie Hühnchen geschmeckt haben und gar nicht so schlecht waren, aber Fischkopf brauche ich wirklich nicht nochmal… Es gab danach aber noch leckeren Nachtisch und nach dem Nachtisch noch Schokoeis und nach dem Schokoeis noch Tee und Cashew-Snacks. Auch Onkel und Tante der Familie waren für unseren Besuch angereist und wir führten viele gute Gespräche.

One thought on “Rotznasen und Binomische Formeln

  1. Irmgard 5. November 2018 at 18:26

    Hallo Samira, dein Bericht ist sehr interessant. Mich hat die Regenzeit, das Wasser, das Gewitter und dann die vielen Moskitos beeindruckt. Hab ich mich doch gleich wieder an Brasilien erinnert. Deine Mädels mögen dich sehr gern und die Freundlichkeit der Menschen tut dir gut. Das freut mich sehr. Mach weiter so.
    Alles Liebe Irmgard

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