Teilen ohne zu zögern

Wie schnell die Zeit vergeht…

3 Monate sind schon vergangen, seit ich mich auf den Weg nach Indien gemacht habe, es ist kaum zu glauben! Die Zeit vergeht für mich wie im Flug, da im April die Sommerferien für die SchülerInnen anfangen, bleiben im Prinzip nur noch 6 Monate Schule übrig!
Ich habe im September endlich meinen Willkommens-Baum gepflanzt! Father Samy, der Pflanzen-Beauftragte von Kuppayanallur, meinte schon vor Wochen, ich sollte (ganz nach tamilischer Tradition) einen Baum pflanzen, um den Start in einen neuen Lebensabschnitt zu markieren. Wenn ich gehe, soll ich einen zweiten pflanzen… Und so kam er eines Tages mit einem bereits sprießenden Coconut-Tree-Samen, den ich dann unter dem Beifall der Mädels einpflanzen konnte.

Es wurden noch drei weitere Bäume daneben gepflanzt und ich wurde zur Bewässerungs-Beauftragten ernannt. An jedem regenlosen Tag schnappe ich mir drei Mädels und wir schleppen Wasserpötte zu den jungen Bäumen, damit sie auch gut wachsen.

Meine ersten Ferien in Indien

Ende September waren einige Tage lang Ferien. Für einen Nachmittag habe ich eine der 11. Klässlerinnen aus dem Hostel zu Hause besucht. Sie wohnt in einem Vorort von Chengalpat, wo ich am Abend einen Zug erwischen musste. Nach dem Mittagessen in Kuppayanallur bin ich zu ihr gekommen und wurde mit einem zweiten Mittagessen überrascht. Eigentlich war ich schon völlig satt, aber hausgemachtes Biriyani sollte man wirklich nicht ablehnen! Zwei volle Teller später konnte ich einen dritten erfolgreich abwehren, ohne unhöflich zu sein, auch wenn es wirklich lecker war! Womit ich nicht gerechnet hatte: Es gab noch Nachtisch… Auch der war speziell für mich zubereitet worden, so was ähnliches wie Teigtaschen mit Nussfüllung. Anschließend haben wir uns umgezogen für einen Besuch in 2 Hindutempeln in der Nähe. Ich habe einen sehr edlen, sehr pinken Saree von ihrer Mutter getragen und war etwas langsam beim Laufen, sehr darauf bedacht nicht auf den Stoff zu treten 🙂

In den Tempeln sind wir jeweils 3 mal im Kreis gelaufen, bevor wir in der Mitte vor der Gottesstatue so etwas wie ein Mini-Räucherstäbchen angezündet haben.

Im ersten Tempel gab es einen „Wächter“, der nur einen Dothi (ein weißes Tuch, das viele tamilische Männer traditionell umbinden und statt einer Hose tragen) trug und der mich über meine Herkunft und meine bisherigen Erfahrungen in Indien ausgefragt hat. Zurück im Haus gab es zum Abendessen nochmal Biriyani, dann bin ich zu meinem Zug gebracht worden.
Es war ein Nachtzug nach Sivagangai, einer sehr südlichen Stadt in Tamil Nadu, wohin ich mit meinem Mentor Father Dominic und seinem Kollegen Father Justin aufgebrochen bin. Die beiden haben sehr gut auf mich aufgepasst und so hatte ich eine sehr gemütliche Nacht in einem der obersten Betten des Zuges (es sind immer 3 übereinander) 😀 Wir sind dorthin gefahren für die Priesterjubiläumsfeier einiger Jesuiten. Die Familie von einem der Jesuiten hat das Fest ausgerichtet und organisiert.

Ich war schon vorher öfter auf Feiern wie dieser in Indien und wage zu behaupten, dass sie (zumindest wenn Jesuiten beteiligt sind) immer ähnlich ablaufen. Zuerst ist Gottesdienst, dann werden Geschenke überreicht. Hierfür stellt sich eine sehr lange Reihe von Menschen hintereinander auf, jeder mit Früchten, Deko-Gegenständen, Kleidung, Taschen, Blumen oder anderen Geschenken in den Händen. Nacheinander überreichen sie diese und werden im Gegenzug von dem Beschenkten gesegnet. Danach kommen alle anderen Gäste der Feier und segnen den Gefeierten, indem sie ihm einen Schal umlegen (ich habe noch nicht herausgefunden, was Männer nach der Feier mit so vielen Schals anstellen…). Von jedem, der einen Schal überreicht und gratuliert, wird ein Bild mit dem Gefeierten gemacht, danach startet das Programm (Singen, Tanzen) und am Schluss steht die Dankesrede. Danach können alle zum Essen kommen, es gibt bei Feiern IMMER Biriyani, viele Soßen, Gemüse und Fleischstückchen dazu, eine kleine Flasche Wasser und als Nachtisch Eiscreme. Gegessen wird mit einem Bananenbaumblatt als Teller, das danach schnell und sauber entsorgt werden kann. Leider kommt bei wirklich jedem Fest die Eiscreme viel zu früh, sodass sie immer schon geschmolzen ist, wenn man fertig gegessen hat!

In Sivagangai habe ich auch die Kathedrale besucht, die direkt neben dem Bischofshaus steht.

Alle Kirchen, die ich bisher in Tamil Nadu gesehen habe, unterscheiden sich sehr von Kirchen in Europa. Die Mauern sind bunt angemalt, es gibt viele Heiligen-, Jesus- und Marienstatuen und sehr bunte Dekorationen mit Blumen und glänzenden Stoffen. Die schönen Verzierungen zeigen die große Hingabe an Gott und sollen den Ort als etwas Verehrungswürdiges kennzeichnen. Das ewige Licht war in der Kathedrale eine elektrische Lampe statt einer Kerze und in keiner Kirche gibt es Kirchenbänke. Die Gemeinde sitzt am Boden, nur die älteren und die „wichtigen“ Personen sitzen auf Plastikstühlen.

Nach der Feier sind wir mit dem Auto zurück nach Chennai gefahren, wo ich die restlichen Tage der Ferien am Loyola College verbracht habe. Neben ein bisschen Shopping, um mich mit einem Regenschirm und außerdem mit Haarspangen, Sicherheitsnadeln und Potu (den Punkten auf der Stirn) auszustatten, war ich mit zwei Freundinnen aus Chennai im Kino. Der Film „U-Turn“ entpuppte sich als tamilischer Thriller/Horrorfilm, war aber wirklich spannend und obwohl ich fast kein Tamil kann, habe ich die Story sehr gut verstanden! Da es kein Liebesfilm war, gab es kein Tanzen und Singen, wie man es sonst von Bollywoodfilmen kennt. Es hat eher an einen Krimi erinnert (nur etwas gruseliger), wie wir ihn auch in Deutschland gerne sehen.

Inzwischen sind wir wieder alle zurück im Hostel. Die Ferien waren sehr lustig und entspannend, aber es ist doch auch wunderschön, alle inzwischen so vertrauten Gesichter wiederzusehen und zu wissen: hier gehöre ich hin!

„Remember, that the happiest people are not those getting more, but those giving more“  -H. Jackson Brown

Dieser Satz trifft auf die Menschen in Indien auf jeden Fall zu! Jeden Tag bin ich aufs Neue erstaunt, wie selbstverständlich und friedfertig Radiergummis, Stifte, Kleber, Scheren etc. im Hostel von einem zum anderen Mädchen weitergegeben werden, sobald jemand danach fragt. Ohne mit den Augen zu rollen oder genervt anzumerken, dass die Fragende sparsam damit umgehen soll, werden auch fast leere Kleberflaschen oder das letzte leere Blatt in einem Heft an andere verteilt! Nicht viele Mädchen im Hostel besitzen Buntstifte, aber diejenigen, die welche haben, verstecken sie trotzdem nicht vor den anderen, um selbst mehr davon zu haben. Und nicht nur mit den eigenen Freunden wird geteilt, sondern mit jedem, der es braucht.

Das gleiche gilt für alle Arten von Essen und Trinken! Jeden 2. Sonntag dürfen die Eltern ihre Kinder am Nachmittag besuchen und bringen ihnen stets eine Vielzahl von Blumen (fürs Haar), Snacks und anderen Kleinigkeiten mit. Neulich sitze ich mit zwei 6. Klässlerinnen in der Studyhall und eine der beiden erzählt mir traurig, dass ihre Eltern meistens nicht genug Geld haben, um ihr Snacks mitzubringen. Eine Sekunde später steht die andere 6. Klässlerin auf und stürmt zum Platz ihrer großen Schwester, um ein Päckchen mit Nüssen für ihre traurige Freundin zu holen. Auf dem Weg wurde sie leider von der Sister erwischt und musste sich als Bestrafung fürs Herumlaufen (während der Studytime) in der Mitte aufrecht auf den Boden knien und da warten, bis die Sister sie zurück auf ihren Platz schickt. Diese Ungerechtigkeit hat mir fast das Herz gebrochen, immerhin wollte sie nur etwas Gutes tun und wird dann dafür bestraft. Da Snacks aber ein noch schlimmeres Vergehen als Herumlaufen sind, konnte ich der Sister wohl kaum die Situation erklären, ohne die Bestrafung noch zu steigern 🙁

Kleine Päckchen mit Chips-ähnlichen, knusprigen Leckereien und Nüsschen sind hier sehr beliebt. Wenn mir jemand mit so einem Päckchen entgegenkommt, wird mir immer etwas angeboten/aufgedrängt. Egal wie oft ich beteuere, dass ich gerade keinen Hunger habe oder gerade erst Snacks im Fatherhouse gegessen habe, bevor ich nicht eine Hand voll genommen habe wird keine Ruhe gegeben. Glückliche Gesichter schauen mir dann beim Essen zu und fragen hoffnungsvoll: „Tasty?“. Auch wenn wir in größerer Runde beisammen sind, jeder bekommt etwas ab! Und jeder, der etwas gegeben hat, freut sich, wenn die anderen es mit genießen konnten.
Diese Lebenseinstellung finde ich sehr schön und sehr berührend. Ich will damit nicht sagen, dass wir in Deutschland nicht gerne teilen! Wir haben in der Schule auch manchmal Kuchen, Mini-Tomaten, Brot etc. untereinander geteilt. Nur die Selbstverständlichkeit des Teilens habe ich noch nie so sehr gespürt wie hier! Sogar eine mir völlig unbekannte Frau im Zug hat mir neulich ein total leckeres, süßes Sesam-Bällchen geschenkt, weil ich zufällig daneben stand, als sie sich welche davon gekauft hat… Es gibt noch so viel mehr Beispiele, die ich hier gar nicht alle aufzählen kann!Doch schon allein die Frage „Saptingalaa?“ (Hast du schon gegessen?), die man an jeden richtet, den man so im Vorbeigehen trifft, zeigt, wie sehr die tamilische Seele um das leibliche Wohl ihrer Mitmenschen besorgt ist. Beantwortet man die Frage mit Nein, erntet man einen besorgten Blick und sollte schnell beteuern, dass man gerade auf dem Weg zur nächsten Mahlzeit ist.

Neben dem Teilen fällt mir auch auf, dass die Hostelmädchen trotz vieler kleiner Streitigkeiten doch auch untereinander sehr verbunden sind. Sie sitzen alle im gleichen Boot und haben es bei den hohen Erwartungen an sie nicht immer leicht hier.
Vor einer Woche bekamen die 6. Klässlerinnen als Hausaufgabe auf, bis zum nächsten Tag die Zahlen von 1 bis 5000 aufzuschreiben. Tapfer haben sie in der Studytime angefangen, ohne die Sinnhaftigkeit dieser Hausaufgabe zu hinterfragen (ich an ihrer Stelle hätte mich furchtbar über den Lehrer aufgeregt!). Nach einiger Zeit habe ich bemerkt, dass auch die 9. Klässlerinnen pausenlos Zahlen auf ein Blatt Papier schreiben. Als ich sie gefragt habe, ob sie die gleiche Aufgabe bekommen haben, stellte sich heraus, dass jede von ihnen einem der jüngeren Mädchen beim Zahlen aufschreiben geholfen hat! Statt für ihren Poem test am nächsten Tag zu lernen, haben sie die gesamten 2 Stunden der Evening Study für ihre kleinen Hostel-Schwestern die Zahlen von 3000 bis 5000 aufgeschrieben! Ohne diese Hilfe hätten es die 6. Klässlerinnen nie bis zum nächsten Tag geschafft, aber so präsentierten sie mir um 9.45 pm stolz ihre Blätter voller Zahlen. Auch aus den anderen Klassenstufen gibt es viele sehr hilfsbereite Mädels, die selbstlos Hausaufgaben oder Strafarbeiten ihrer Hostel-Kameradinnen mittragen, wenn die es alleine nicht schaffen.

Baustelle Hostel

Kurz vor den Ferien wurde ein Leck in den Wasserleitungen, die „Gracy Illam“ versorgen, festgestellt. Erst hat man sich mit einer provisorischen, überirdischen Leitung beholfen, die über die Fenster mitten durch ein Gebäude verlaufen ist. Schließlich mussten dann aber doch der Boden aufgerissen und die Rohre ersetzt werden, das war ein sehr großer Aufwand.

Leider hatten wir dadurch kein Wasser mehr im Hostel und auch nicht im Fatherhouse. Doch die Arbeiten wurden innerhalb von 2 Tagen abgeschlossen, sodass unsere vorher abgefüllten Wasservorräte noch gereicht haben. Nach den Ferien wurde das gleiche Leck in den Leitungen zum Boys Hostel gefunden… die gleiche Aktion nochmal, nur auf der gegenüberliegenden Seite des Campus.
Außer den neuen Rohren hat auch die Wasserstelle einen neuen Anstrich über die Ferien bekommen und es wurden die Wäscheleinen nachgespannt. Alles sieht jetzt ein bisschen ordentlicher aus, mal schauen, wie lange das so bleibt… 🙂

Durch den stets heftiger werdenden Regen wird es immer matschiger draußen und leider kommen auch jeden Tag mehr Mosquitos dazu. Wenn es sehr stark windet und regnet, ist meistens schulfrei, da die Kinder aus den etwas weiter entfernten Dörfern sonst auf ihrem Schulweg gefährdet wären.

An solchen Tagen fällt uns im Hostel oft die Decke auf den Kopf, weil wir den ganzen Tag eingesperrt sind. Um Erkältungen vorzubeugen darf niemand rausgehen, wenn es regnet. Aber dafür werden an Regentagen die Brettspiele ausgepackt, ein seltenes Privileg, das mit großer Begeisterung aufgenommen wird. Ich habe die indische Variante von „Mensch ärgere dich nicht“ gelernt, das Spiel heißt „Daibas“ und wird nicht mit einem Würfel sondern mit 4 Hälften einer Tamarind-Nuss gespielt, die entweder „weiß“ oder „schwarz“ zeigen können. Es macht großen Spaß und man kann sogar im Team spielen! Als Spielfiguren kann alles mögliche dienen, wir haben uns für „Sicherheitsnadeln“ gegen „Haarclips“ entschieden.

3 thoughts on “Teilen ohne zu zögern

  1. Regina Pock 21. Oktober 2018 at 14:24

    Hallo Samira,
    heute habe ich es endlich geschafft, Deinen Blog durchzulesen. Es ist richtig spannend, Deine Erlebnisse und Gedanken mitzuverfolgen. Vieles kommt mir von meinen Reisen nach Asien sehr bekannt vor, die Freundlichkeit, die Großzügigkeit im Teilen, die Gastfreundschaft. Und auch der Plastikmüll, der die Straßen säumt. Ich finde es prima, dass Du versucht, den Blick der Mädels da etwas zu schärfen… Schön, dass es das Trinkwasser in diesen großen Behältern gibt … in einigen Ländern gibt es das gar nicht. Jeder Schluck Wasser kommt aus einer 0,5 l Plastikflasche.
    Mich hat das oft frustriert, weil ich dachte: da bemühst Du Dich nun in Deutschland möglichst plastikfrei zu leben und hast bei jedem Teil, das Du in Plastik verpackt kaufst, ein schlechtes Gewissen und in anderen Ländern ist das überhaupt kein Thema und der Müll landet auch noch in der Natur… Aber du hast Recht, wenn Du schreibt, dass wir hier in Deutschland ja auch Verpackungsweltmeister sind, wir das aber gar nicht so wahrnehmen…
    Also mach weiter so, es macht Spaß und ist eine Bereicherung, von Deinen Erlebnissen zu lesen!
    Liebe Grüße und eine gute Zeit
    Regina

  2. Detlef Hinz-Hemmers 15. Oktober 2018 at 12:19

    Liebe Samira,
    es ist schön, dass du jetzt unter die Gärtner gehst. Und es ist toll, dass du uns so lebendig schilderst wie deine Zeit in Kuppayanallur verläuft. Und das du immer strahlst auf den Bildern, zeigt uns das es dir gutgeht und du mit den doch so anderen Gegebenheiten in Indien zurecht kommst. Der Artikel über das Teilen hat mich auch sehr berührt. Zusammenhalt und auch die gegenseitige Hilfe und Unterstützung ist wichtiger als die Zahlen von 1 bis 5000 zu schreiben.
    Liebe Grüße und wir denken ganz fest und oft an dich.
    Papa

  3. Irmgard 15. Oktober 2018 at 11:28

    Liebe Samira, ein toller Blog. Da müssen wir uns wieder mehr Gedanken machen und wieder etwas einfacher leben. Sehr beeindruckt hat mich das einfache Spiel – nur auf Papier gemalt oder das Teilen…alles Liebe Irmgard

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